Wund wie ein aufgescheuertes Knie
Mark Mupotsa-Russells wendungsreicher Roman »Das kleine Handbuch einer Vorstadt-Killerin«
Narzissmus oder Eskapismus – mehr Auswahl brauchen viele Leute nicht. Entweder sie beschäftigen sich mit sich selbst und konsumieren Zeugs über Gesundheit, Ernährung, Körperpflege – oder sie lesen romantische Schmonzetten, Schmachtfetzen über die Traumhochzeit des Traumprinzen mit der Traumprinzessin bzw. wenn sie älter sind Krimis, falls gerade keiner im Fernsehkasten wegzugucken ist. Mit etwas Glück bereut man es nicht einmal.
»Das kleine Handbuch einer Vorstadt-Killerin« des australischen Autors Mark Mupotsa-Russell ist ein solcher Glücksfall. Zwar ist der deutsche Titel nicht ganz richtig, weil es sich, 360 Seiten dick, um kein kleines und schon gar nicht um ein Handbuch handelt, sondern um einen aus zwei Gründen ungewöhnlichen Roman: Erstens ist die Hauptperson kein Auftragsmörder, sondern eine (ehemalige) Auftragsmörderin, und zweitens bringt sie ihre Opfer nicht mehr selbst um die Ecke, sondern versteht es geschickt so einzufädeln, dass die sich selbst zu Tode befördern.
Harmlos und idyllisch fängt es an. Die Vorstadtkillerin hat ihr altes Leben hinter sich gelassen, ist bürgerlich geworden, besitzt eine kleine PR-Agentur und pflegt mit liebevollem Ehemann und zwei wohlgeratenen kleinen Töchtern in einem Vorort von Melbourne ein glückliches Familienleben wie aus dem bürgerlichen Bilderbuch. Doch dann passiert es: Eine Bande von Kleinkriminellen verliert nach einem Banküberfall die Kontrolle über ihr geklautes Fluchtfahrzeug, das ältere der Mädchen stirbt bei dem Unfall – und nahe läge es nun, nähme die Mutter ihr altes Handwerk wieder auf und griffe rachedurstig zur Knarre.
Wie es der Zufall in einem ordentlich konstruierten Roman will, läuft ihr ein ehemaliger Kollege über den Weg, der Buddhist geworden ist und inzwischen jede Gewalt verabscheut. Diesen Weg lehnt sie ab; aber die Lehre vom Karma gibt ihr die Vorstellung ein, dass eine höhere Macht sie mit dem Tod ihres Töchterchens für ihre früheren Mordtaten bestrafen will, weshalb sie – das ist die originelle Konsequenz – sich nicht durch weitere Bluttaten persönlich schuldig machen dürfe.
Also stellt sie es geschickter an, um die Bösewichte – echte Dummbratzen, die ihr Leben auf Geld, Drogen und Gewalt gestellt haben, rechte »Hirnzwerge«, heißt es einmal – ein für allemal aus dem Verkehr zu ziehen, und die Sache nimmt mit wenigen erwartbaren und (sozusagen das dritte der zwei Argumente, die dieses Buch besonders machen) vielen unerwartbaren Wendungen ihren Lauf.
Flucht aus dem Alltag, Normen und Regeln, die das gewöhnliche Leben bis zur Eintönigkeit und Langeweile prägen, werden außer Kraft gesetzt, wenn es sein muss, konsequent bis zum Äußersten: Dafür stehen Krimis – auch dieser, der nebenbei das Bild einer geradezu stinkbürgerlich modernen Idealfamilie zeichnet, die prompt durch ein recht unbürgerliches Unglück aus dem festen Gleis springt.
Das wäre Pluspunkt vier, der fünfte müsste nun Form und Sprache gelten. Tatsächlich gibt es die in Unterhaltungsromanen standardmäßig eingestreuten schönen Bilder; so heißt es zum Beispiel über einen der kriminellen Blödmänner: »Sein Gehirn ist wund wie ein aufgescheuertes Knie.« Andererseits stolpert man über Anglizismen, die allenfalls sehr jungen Lesern vertraut sein könnten. Sie wissen vielleicht, was eine »Silly Sammy Sausage« oder ein »Bitch-Boss-Move« ist; und wahrscheinlich kennen sie, wie der (sonst zuverlässige) Übersetzer Erik Licht, das neutrale Adverb »sehr« nicht mehr und würden wie in diesem Buch statt dessen à la »Es gibt noch so viel zu tun« oder »Ich bin ihm so dankbar« unnötig Empathie einfordern.
Solche Kleinigkeiten stören nicht ernsthaft, und das mehr als fünf Seiten lange Nachwort muss niemand lesen. Es ist überflüssig, narzisstisch und sogar ein bisschen verlogen, wenn sich der Autor gleich im ersten Absatz bei den Aborigines für den Landraub der Weißen zu entschuldigen vorgibt, kein einziger Ureinwohner aber im Roman eine Rolle spielt. Personen afrikanischer Herkunft schon, denn Mupotsa-Russell hat außer angelsächsischen Vorfahren auch afrikanische. Indianische wohl nicht, aber dennoch nimmt er die Gelegenheit wahr, schnell noch einen draufzusetzen und zu behaupten, er »ehre an dieser Stelle« überhaupt »alle First Nation Peoples«. Genug der Ehre! Kleiner Tipp: Nur die 360 Seiten davor lesen.
Mark Mupotsa-Russell: Das kleine Handbuch einer Vorstadt-Killerin. Aus dem australischen Englisch von Erik Licht. Blumenbar-Verlag, Berlin 2026 366 Seiten, 24 Euro
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