Jenseits des Puddingattentats
Von Stefan Ripplinger
Schon als ich den Schriftsteller und früheren Kommunarden Ulrich Enzensberger vor gut 30 Jahren kennenlernte, wollte er einen Roman schreiben. Der Wunsch verließ ihn nie. Der am Sonntag morgen im Alter von 81 Jahren Verstorbene rief mich noch wenige Tage vor Weihnachten an, um mich zu einem Gespräch über den Fortschritt seines Romans einzuladen. Zu dem Gespräch ist es nicht mehr gekommen.
Warum blieb der Roman unvollendet? Es mag paradox erscheinen, aber Ulrich stand ein selten gewordenes Talent im Wege: Er war ein großer Erzähler. Wie Walter Benjamin in seinem Aufsatz »Der Erzähler« (1936) schreibt, ist »Erfahrung, die von Mund zu Mund geht, die Quelle, aus der alle Erzähler geschöpft haben«. Aus solcher Erfahrung schöpfte auch Ulrich, und er konnte diejenigen, die ihm zugehört haben, mit Erzählungen unterhalten wie kein zweiter. Es war stets, als ob er die Erfahrungen, von denen er sprach, im Sprechen noch einmal machte. Das ist alles wirklich geschehen! Ist das nicht unglaublich? Er brach in Gelächter aus und steckte uns alle damit an.
Ein Roman von einigem Anspruch lebt aber nicht nur von der Erzählung, er befragt sie auch und stellt sie in ein Ganzes. Ulrich, wie seine beiden berühmten Brüder Christian und Hans Magnus ein gelehrter Mann, war das völlig bewusst. Er versuchte also, das Erfahrene in Geschichte und Gesellschaft einzufügen. Mal schien ihm eine Vorfahrin, die als Hexe verfolgt worden war, ein idealer Ausgangspunkt, mal das Schicksal seines Vaters, der aus einfachen Verhältnissen stammte. Im ersten Fall wusste Ulrich bald derart viel über die Hexenverfolgung, im zweiten derart viel über Walther Rathenau, dessen Schriften der Vater verschlungen hatte, dass das Allgemeine das Besondere zu erdrücken drohte. Es kam Ulrich noch ein zweites Talent in die Quere: Er war ein akribischer Rechercheur. Und das heißt auch: Er fand immer zuviel.
Alle seine wunderbaren Bücher und Reportagen, ob über Georg Forster und Georg Herwegh oder über die (grotesken) Entwürfe für die BRD-Nationalhymne, ob über Parasiten oder über die von ihm mitbegründete Kommune I,profitieren von der Gründlichkeit, mit der er seine Recherchen trieb. Mit all diesen Büchern verfolgte er immer auch ein politisches Projekt. Aus seinem Engagement für die Sinti und Roma ging die mit Otto Rosenberg, einem Überlebenden von Auschwitz, geschriebene Biographie Rosenbergs »Das Brennglas« hervor. Ich werde nie den trüben Tag vergessen, an dem uns Ulrich in Marzahn den Platz zeigte, wo sich das Zwangslager der Nazis für die Sinti und Roma befand.
Erst allmählich ging mir auf, dass dieser heitere Mann auch eine düstere Seite hatte. Die Razzien, die ihn, seine Genossinnen und Genossen am frühen Morgen mit dem Krachen einer aufgebrochenen Tür weckten und dann in die Läufe von Maschinenpistolen starren ließen, hatten ihre Spuren hinterlassen. Dass Polizei und Staatsanwaltschaft seine Sachen durchwühlen und ihn in eine Einzelzelle werfen könnten, war eine Angst, die er nie abschütteln konnte. Das wurde mir erst im Frühjahr 2013 ganz deutlich.
Ein als Historiker firmierender Häscher bezichtigte ihn damals in einem Buch der Mittäterschaft an dem tödlichen Brandanschlag gegen ein jüdisches Altenheim in München 1970 (oder wenigstens der Mitwisserschaft). Der Möglichkeit, dass dieses Verbrechen von Neonazis begangen worden sein könnte, war nie ernsthaft nachgegangen worden. Spätestens seit dem Untergang der Sowjetunion versucht die Rechte, der Linken Antisemitismus anzuhängen; inzwischen ein beliebter Sport. Die Indizien, die der Häscher glaubte vorlegen zu können, waren jedoch derart leicht zu widerlegen, dass man über seine Attacke hätte lächeln können. Doch nie habe ich den Freund so verzweifelt gesehen wie an dem Abend, an dem er von dem Angriff berichtete. Er, der sich sonst nur hin und wieder eine Zigarette gönnte, rauchte an diesem Abend Kette.
Dabei hatte der Fall auch seine komische Seite. In der Anklage des Häschers steht, dass gegen Ulrich Enzensberger »aus seiner Berliner Zeit noch ein Verfahren wegen Vorbereitung von Sprengstoffverbrechen und Aufforderung zur Brandstiftung anhängig« sei. Damit konnte allerdings nur das Puddingattentat vom April 1967 gemeint sein. Kurz vor dem Besuch des US-Vizepräsidenten Hubert H. Humphrey lief beim Verfassungsschutz die Nachricht ein, dass »eine Personengruppe, die sich aus sog. Gammlern, Atomwaffengegnern und Maoisten zusammensetzt«, beabsichtige, »den Besuchsablauf zu stören«. Gemeint war die Kommune I.
Immer hysterischer gerieten die Befürchtungen des Staates und der angeschlossenen Medien, was diese »Verschwörer« dem armen Humphrey wohl antun könnten. Die Springer-Presse schäumte gegen die »Horrorkommunarden«, die dann auch alle festgenommen wurden. Tatsächlich war der Plan der Kommune laut internem Protokoll: »Rote Rauchbomben, möglichst viele. Zum Auto laufen, Superbälle werfen. Sachen werfen (Schlagsahne etc. oder tutti frutti). Wenn das Auto angehalten ist, Lieder singen (Hoch soll er leben backe backe Kuchen Berlin ist eine Reise wert) PUDDING.«
Ist es möglich, noch 46 Jahre später diesen kühnen Plan mit einem Sprengstoffanschlag zu verwechseln? – Das ist durchaus möglich, sofern der Wille zur Verleumdung nur stark genug ist. All die clownesken Aktionen der Kommune führten zu jahrzehntelanger Verfolgung durch den Staat und später, als die Zeiten militanter wurden, auch zu Gefängnisstrafen. Worüber die unbeteiligten Liberalen lachten, war für viele Beteiligte teuer erkauft. Liebevoll sprach Ulrich etwa von dem langen Leidensweg seines Genossen Karl-Heinz Pawla, der der Öffentlichkeit heute bestenfalls noch dafür bekannt ist, dass er, wie der Telegraf am 5. September 1968 meldete, als Angeklagter in einem Berliner Gericht »seinen Kot unter sich ließ« und sich »mit den Prozessakten das Gesäß« abwischte.
Erquicklich waren Ulrichs Erzählungen aus seiner Zeit als Arbeiter in einer Entwicklungsanstalt für Fotos und Filme. Er fand ebenso leicht Zugang zu den Gewöhnlichen wie zu den Ungewöhnlichen. Etwas Weltfremdes, Tänzerisches, Unbekümmertes war an ihm. Wiederholt entging ihm, dass sich seine finanziellen Mittel demnächst erschöpfen würden. Rachegelüste blieben ihm fremd. Als ihm die Behörden in der Coronazeit ein Taxi spendierten, damit er zur Impfung kommt, freute er sich darüber, wie mütterlich ihn der Staat neuerdings behandele. Das war vielleicht nicht nur ironisch gemeint.
Dadurch, dass es mit dem Erzählen ein Ende hat, werde, schreibt Benjamin, »zugleich eine neue Schönheit in dem Entschwindenden fühlbar«. Mit dem Tod Ulrich Enzensbergers wird sie sogar schmerzhaft fühlbar.
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