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Literaturgeschichte

Ruf und Kristall

Vor 125 Jahren wurde die jüdische Dichterin Rose Ausländer geboren, die in Czernowitz und New York zu Hause war

Foto: picture alliance / dpa
Rose Ausländer in ihrem Zimmer im Nelly-Sachs-Haus in Düsseldorf (1977)

Jahrzehntelang mied die jüdische Dichterin Rose Ausländer das Land ihrer Verfolger. Am 11. Mai 1901 in der Bukowina, im damals österreichisch-ungarischen Czernowitz, geboren, übersiedelte sie als junge Frau in die USA, erwarb die US-amerikanische Staatsbürgerschaft, kehrte aber in den 1930er Jahren zur Pflege ihrer Mutter nach Czerno­witz zurück, das mittlerweile zu Rumänien gehörte und Cernăuţi hieß. Dort saß sie in der Falle, als am 6. Juli 1941 die SS-Einsatzgruppe D unter Brigadeführer Otto Ohlendorf einrückte. Von den 60.000 Czernowitzer Juden wurden 55.000 deportiert und ermordet. Ausländer und ihre Mutter überlebten mit knapper Not.

Nach dem Krieg und dem Tod der Mutter arbeitete die Dichterin elf Jahre lang in New York als Korrespondentin für eine Speditionsfirma. Die Strapazen der für die Deutschen geleisteten Zwangsarbeit steckten ihr noch in den Knochen. 1961 ging sie deshalb in den vorzeitigen Ruhestand und damit in die Armut. Als sich nichts anderes mehr bot, fand sie 1971 im Nelly-Sachs-Haus der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf Zuflucht. Dort verbrachte sie ihre letzten Jahre in einem winzigen Zimmer.

Fürsorgliche Belagerung

Seit den 1960er Jahren waren hier und da Gedichte von ihr erschienen, doch noch immer galt, was ihr Entdecker, der in Rumänien und in der DDR geschätzte Dichter Alfred Margul-Sperber, 1934 über die Dichterszene aus der Bukowina gesagt hatte: »Diese Dichter sind Juden, und das heißt, dass die nichtjüdische Welt von diesen Dichtern nichts wissen will.« Dichterinnen und Dichter, von denen niemand etwas wissen will, sind, bei allem Unglück, das die Ignoranz mit sich bringt, nicht eingemeindet, daher frei. Für Ausländer endete diese Freiheit Mitte der 1970er Jahre. Der westdeutsche Kulturbetrieb begann damals, mit Heinrich Böll gesprochen, eine »fürsorgliche Belagerung« der wehrlosen, bald bettlägrigen Frau. Ein Buch folgte auf das nächste, die oft simplen, fast immer versöhnlichen Gedichte – »Versöhnlich / mein Gettoherz / will sich verwandeln / in eine hellere Kraft« – erwiesen sich im postfaschistischen Westdeutschland als sehr gut verkäuflich.

Bald waren die Auszeichnungen, mit denen der Betrieb sie überhäufte, kaum noch zu zählen. Die Dichterin erklärte 1984 in einer Dankesrede: »Da das Gedächtnis nachlässt – sehen Sie es einer vergesslichen Frau nach –, bekomme ich die Literaturpreise gar nicht mehr alle zusammen. Und was das Leben, die Jahre, die Gedichte, die Leser und die Kritiker nicht geschafft haben, das schaffen die Literaturpreise: Sie machen alt! Als die Preisvergabe durch die Medien bekannt wurde, habe ich mir die Kritiken und Würdigungen vorlesen lassen – Rose Ausländer ist die große alte Dame der deutschen Lyrik, habe ich erfahren. Nun, ich habe viel erlebt, manches ertragen, ich werde auch dies überstehen.« Tatsächlich blieben ihr noch vier Jahre.

Ausländers Vorstellungskraft und Formensprache waren von der reichen Kultur in Czernowitz gesättigt, aber auch von der US-amerikanischen Moderne, deren Bedeutung für ihre Dichtung häufig unterschätzt wird. Manche erliegen gar der Versuchung, Ausländer mit einem anderen großen Dichter aus Czernowitz, Paul Celan, zusammenzuspannen. Gewiss, die beiden haben sich gekannt und gemocht, Celan entlehnte das Oxymoron »schwarze Milch« seiner berühmten »Todesfuge« (1945) ihrem Gedicht »Ins Leben« (1925), wovon sie sich geehrt fühlte. Aber die ­Poetik der beiden liegt weit auseinander.

Profan und pontifikal

Wie es Bertolt Brecht sah, zerfällt die deutschsprachige Dichtung nach Goethe in eine profane und eine pontifikale (sakrale) Linie, für die erste steht Heinrich Heine, für die zweite Friedrich Hölderlin. Dass Celan nicht profan schrieb, hat ihm viele Feinde eingebracht. Bei Ausländer fällt die Zuordnung schwer. Zwar focht sie in dem heftigen Streit über die Polemiken von Karl Kraus gegen Heine »auf seiten Heines gegen die mir befreundeten Krausianer«. Aber sie hat sich auf Vertreter der pontifikalen Linie wie Hölderlin oder Giuseppe Ungaretti ebenso berufen wie auf solche der profanen, etwa Wallace Stevens oder Pablo Neruda. Einerseits erhält sich in ihrer Dichtung ein feierlicher, also pontifikaler Ton, andererseits betonte sie zu Recht, dass sie im Vergleich mit Celan offen und zugänglich, also profan sei.

Wichtig für das Verständnis vor allem von Ausländers Spätwerk ist ihre Freundin Marianne Moore (1887–1972). Moore, eine recht exzentrische Dame, in der Jugend Suffragette, im Alter Bellizistin – sie verteidigte den Vietnamkrieg –, schrieb schlackenlose, oft sarkastische Gedichte. Sie bevorzugte die lange, Ausländer die kurze Zeile. Doch das ändert nichts daran, dass ­Moore enorm auf den Stil Ausländers eingewirkt hat. Das kann nicht übersehen, wer Ausländers Werke aus den 1920er Jahren mit denen aus den 1950er oder 1960er Jahren und vor allem, wer ihre deutschen mit ihren englischen Gedichten vergleicht.

Man nehme der Einfachheit halber ein Gedicht, das Karl Kraus 1928 für gut hielt, jedoch nicht für gut genug, um in seiner Fackel gedruckt zu werden: »Entrissenes Herz«. Die Ballade erzählt in krassen Bildern, wie sich das lyrische Ich für einen Geliebten buchstäblich das Herz aus dem Leib reißt: »Dämmerung flattert schon wild, / deckt mich mit schattendem Schild, / will mich nun völlig verschlingen. / Doch ach, ich darf jetzt nicht ruhn, / muss mein Bedeutsamstes tun, / muss rote Tat jetzt vollbringen. / Aus meinem Herzen tropft Blut, / und dieser funkelnden Flut / muss ich den Faden entringen.« Da irrlichtert Spätexpressionistisches, da blitzt auch Hölderlin auf – die »rote Tat« erinnert an seine berüchtigte Zeile »du scheinst ein rotes Wort zu färben« –, aus der Metapher trieft das Blut, aber Reimschema und Metrum werden doch brav durchgehalten.

In dieser Formstrenge gelingen ihr kleine Wunderwerke wie »Es harren die Lieder«, ein Gedicht, das Nahes und Fernes auf dialektische Weise fügt: »Nah pochen die Pulse der Sterne: / Dein Herzschlag an meinen gelegt. / Es harren die Lieder der Ferne / auf den, der zur Erde sie trägt.« Die frühe Dichtung legt ein Fundament und manche Eigenheiten, wie die symbolische Überhöhung schlichter Situationen, erhalten sich bis ans Ende.

Auch wenn der »Reim in die Brüche ging« und »Blumenworte welkten«, wie sie rückblickend feststellt, strebte sie auch in ihrer New Yorker Zeit nicht die Alltagsnähe der US-Dichtung (etwa der Objektivisten oder der Beatniks) an. Aber damals weicht das Spätromantische doch spröderen, kühleren Verfahren, und Moores Sarkasmus fließt hörbar ein: »We are the subway food, the meek material, / brought fast and faster to a broken life / with poppies nodding under bones and stones / of our strangled vision« (»The garden is prepared«; eine Übertragung könnte lauten: »U-Bahn-Futter sind wir, serviler Stoff, / schnell und schneller in ein kaputtes Leben spediert, / mit Mohn, der unserem unter Stein und Bein / erstickten Blick zunickt«).

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Selbst als sich die Stimmung aufhellt, bleibt sie lapidar, etwa in »Paul Celans Grab«: »Keine Blumen gepflanzt / das sei überflüssig // Nichts Überflüssiges / nur / wilder Klatsch-Mohn / schwarzzüngig / ruft uns ins Gedächtnis / wer unter ihm / blühte«. »Mohn und Gedächtnis« heißt ein 1952 erschienener Gedichtband des Verstorbenen, die roten Kronblätter des Klatschmohns rahmen wie Wangen und Lippen tiefschwarze Zünglein. Ausländers Hommage auf den mehr »schwarzzüngigen« als »scharfzüngigen« Celan ist ihm ebenbürtig und beweist doch abermals, wie fern sie ihm steht. Das hat auch philosophische Gründe.

Der Brunner-Kreis

In den 1920er Jahren gehörten Ausländer und ihr Mann erst in Czernowitz, dann in New York einem Kreis um den jüdischen Spinozisten Constantin Brunner (1862–1937) an. Der Kreis war aus der sozialistisch-zionistischen Jugendorganisation Haschomer Hatzair (»Der junge Wächter«) hervorgegangen, was die frischgebackenen Brunnerianer in eine Zwickmühle brachte, denn Brunner lehnte den Zionismus ab. Obwohl Brunner früh vor dem Antisemitismus gewarnt hat (»Der Judenhass und die Juden«; 1918), plädierte er für Assimilation. Um seinetwillen verließen einige seiner durchweg jugendlichen Anhänger den Haschomer.

In seiner rückhaltlosen Verehrung des »Meisters«, wie ihn Rose Ausländer ansprach, verfiel der Brunner-Kreis gelegentlich in mystische Zuckungen. Eli Rottner berichtet über die Folgen eines intensiven Studiums von Brunner, Spinoza und der Bibel: »Völlig unerwartet und ohne dass mir jemals vorher derartig Überwältigendes widerfahren wäre, überkam mich eine urgewaltige innere Erschütterung, die meinen ganzen Leib von innen wie ein Feuer auflöste.« (»Das ethische Seminar in Czernowitz«; 1973)

Nicht so berauscht wie Rottner, aber doch hochgestimmt erscheint diese Theologie in Ausländers Besprechung einer »Spinoza-Festschrift« (1934): »Arnold Zweig in seinem geistvollen Artikel ›Der Schriftsteller Spinoza‹ hebt den geistigen Formwillen des Westjuden Spinoza, der sich ins All weitet, gegenüber den in der Beschränkung ihrer Gemeinde sich auswirkenden Ostjuden hervor.« Damit hatte sie Stellung bezogen in einem bedeutenden Konflikt innerhalb des Judentums der Zeit: Auf der einen, auf ihrer Seite sollten die vergeistigten, kultivierten, assimilierten Westjuden, auf der anderen die beschränkten, ärmlichen, traditionalistischen Ostjuden und Chassidim stehen. In demselben Artikel greift Ausländer ausdrücklich Martin Buber an, der den Begründer des Chassidismus, Baal Schem, über Spinoza stellte. Buber ist ein Hauptvertreter der jüdischen Dialogphilosophie, die eine konkrete Begegnung von Ich und Du einer voreiligen Vergeistigung vorzog.

Foto: Willy Pragher/Landesarchiv Baden-Würtemberg/Staatsarchiv Freiburg/CC BY 4.0 Landesarchiv_Baden-Wuerttemberg_Staatsarchiv_Freiburg_W_134_Nr._
Czernowitz fiel bereits im Juli 1941 an das mit den Nazis verbündete Rumänien. Für die jüdische Bevölkerung bedeutete das sofort Zwangsarbeit (hier beim Straßenfegen, 24.7.1941), später Deportation

Wer die späten Gedichte Ausländers durchmustert, wird aber eine überraschende Symbiose von spinozistischer Allgeistigkeit und Bubers Dialogphilosophie entdecken. In ihrem Band »Noch ist Raum« (1976) ist das Gespräch zwischen Ich und Du fast auf jeder Seite gegenwärtig: »Wir wohnen / Wort an Wort // Sag mir / dein liebstes / Freund // meines heißt / DU« (»Wort an Wort«). Oder: »Eine Liebe / umarmt das Wort / DU / erfindet das Wort / Liebe« (»So ist es«). Oder: »Wenn ich Wort sage / meine ich / Gold Weltanfang Mensch // dich und mich / im Gespräch« (»Immer das Wort«).

Der Andere ist hier der »Sprachbruder« (»Auftrag«), und selbst das Gedicht wird zum Du: »Mein Gedicht / ich atme dich / ein und aus« (»Mein Gedicht«). Ja, das Gedicht muss auch mit seinem Publikum in ein Gespräch eintreten. Wenn das Gedicht gut ist, rege es seine Hörerinnen und Hörer dazu an, seine Sicht der Dinge zu ergänzen und zu vollenden (»complete the vision«), sagte die Dichterin 1959 in einem Radiogespräch. Auch Celan berief sich auf die Dialogphilosophie, etwa in seiner »Meridian«-Rede (1960), doch folgte er darin eher der Fassung des Philosophen Emmanuel Levinas (1905–1995), der die Unentzifferbarkeit des Du lehrte. Die pontifikale Linie handelt zwar von Offenbarung, aber nicht von der Durchsichtigkeit, sprich Verständlichkeit des Wortes. Bei Ausländer heißt es im genauen Gegensatz dazu: »Ist dein Gedicht / nicht Kristall // bist du seiner / nicht würdig // Leuchten muss es / wie Liebe und Leid« (»Kristall«).

Tönend und transparent

Mit der Vorstellung von einer Durchsichtigkeit der dichterischen Sprache, die das Du und die Welt zur Erscheinung bringt, wendet sich Ausländer vom größeren Teil der anspruchsvollen Dichtung ihres Jahrhunderts ab, die durchdrungen ist vom Zweifel an der Erkennbarkeit und Mitteilbarkeit der Welt, vom Zweifel an der Darstellbarkeit des Schreckens, vom Zweifel sogar an der ethischen Berechtigung von Dichtung. Ein Gespräch oder ein Gedicht über Bäume scheine nun, klagte Brecht, ein »Schweigen über so viele Untaten« einzuschließen. Ausländers vorkantianischer Optimismus hat in ihrer Generation Seltenheitswert.

Wieder und wieder erscheint, gegen das Dunkel des Hermetischen, gegen das Dunkel der Sprache und die Finsternis der Zeiten, das Bild des Kristallinen, des Durchsichtigen. Alle Wolken reißen auf, die sich vor der Natur gebildet haben: »Diese Schöpfung / aus blauem Weiß« (»Jungfernjoch II«). Ja, alles Sichtbare neigt dazu, sich aufzulösen: »Bei ihm lernten / Felsen und Bäume / durchsichtig sein« (»Cézanne«). Im Bild vom Kristallinen kommt die Philosophie Spinozas zum Tragen, der »das Weltall / klargeschliffen« hat und in seiner »nach geometrischer Methode« verfassten »Ethik« (1677) die »Freiheit des Geistes« und damit die Erkennbarkeit der Welt mit der »Glückseligkeit« zusammenklingen lässt.

Ausländer ergänzt diesen Sprach- und Erkenntnisoptimismus mit dem Buberschen Dialog und verbindet so den Ruf des Du mit dem Kristall der Welt. Die Welt ist hier Spinozas einzige Substanz, die das Menschliche und das Mineralische gleichermaßen in sich schließt: »Komm – die Dünen sind heute / tönend und transparent: / eine Küste aus Ruf und Kristall« (»Ruf und Kristall«). Das ist nicht nur eine Weise, die Welt zu sehen, daraus ergibt sich, wenn auch auf einigen Umwegen, eine politische Position, nämlich eine Haltung zu dem, was geschehen ist.

Mutter Sprache

Gründe, die Sprache der Mörder zu verschmähen, gab es genug. 1947 schwor Ausländer sich, nicht mehr auf deutsch zu schreiben, fand aber, übrigens auf Empfehlung von Moore, gut zehn Jahre später zum Deutschen zurück, ja bekannte sich schließlich enthusiastisch zu ihrer Muttersprache, obwohl in der Bukowina auch das Rumänische, das Ukrainische (Ruthenische), das Jiddische und das Polnische zu hören waren, Idiome, mit denen sie durchweg vertraut war.

»Mutter Sprache / setzt mich zusammen« ist die entscheidende Äußerung der Dichterin in dieser Sache. Ihr lyrisches Ich, wenn nicht sogar sie selbst, findet sich »wieder / im Wunder / des Worts« (»Im Wunder«), und dieses Wort ist deutsch. Dass von vielen derer, die diese Sprache einst gesprochen haben, kein Wort mehr zu hören ist, hält sie fest: »Land verloren / die vertrauten Dinge // Kein Wort mehr darüber // Unsere Toten / intakt / wohnen bei uns // Wir teilen mit ihnen / unsere vergessliche / Erde« (»Wir teilen«). Eine ganze Reihe von Gedichten sprechen den Ermordeten das Kaddisch, doch gewöhnlich wählt Ausländer die Tonart Dur: »Manche haben sich gerettet / Aus der Nacht krochen Hände / ziegelrot vom Blut / der Ermordeten / (…) Dann schwieg der Tod / Er schwieg // Es war ein schallendes Schweigen / Zwischen den Zweigen / lächelten Sterne« (»Schallendes Schweigen«).

Wer genau liest, wird finden, dass diese Gedichte einer sich nach dem Vergessen ihrer Verbrechen sehnenden Gesellschaft nicht dienstbar sind. Denn tatsächlich verfiel der Tod, nachdem er mächtig Ernte einfuhr, in schallendes Schweigen, die Nachfahren der Ermordeten und in mancher Beziehung sie selbst sprechen jedoch noch immer; eine schallende Ohrfeige für den Tod.

Ausländers Werk steht für die Vergessenen ein, die trotzig sich auf ein Erbe berufen, das ihnen genommen werden sollte. Dabei – und nicht unabhängig davon – verfolgte sie unermüdlich ihr Projekt, den monistischen Spinoza mit dem dialogischen Buber zu versöhnen. Das belegen einige erstaunliche Texte aus dem 20.000 Blatt umfassenden Nachlass, die erst vergangenes Jahr im Druck erschienen (»Rose Ausländers unveröffentlichte Gedichte aus dem Nachlass«, kritische Edition von Annkathrin Sonder).

Stein und Stern

In der vorliegenden Auswahl drängt sich das Motiv der Sterne auf. Betrachtet werden sie einmal von unten, aus einer menschlichen, einmal von oben, aus einer göttlichen Perspektive. »Wo sind wir / fragen die Fremden // auf dem Weg / zu den Sternen / antwortet die Nacht«, heißt es in »Abendsonne«. Leicht lässt sich darin Spinozas Formwillen wiedererkennen, der »sich ins All weitet«, wie Ausländer formulierte. Auffällig ist allerdings, dass dieses All nicht durchsichtig, sondern eine, wenn auch antwortende, Nacht ist, Unerkennbarkeit, Unvorhersehbarkeit.

Den genau umgekehrten Blickwinkel bietet »Auf der Sternwarte«. Das Gedicht sieht oben, bei den Sternen, »Schwärze / von Strahlen durchbrochen«, unten aber »zahllose Babelstationen« und »rhetorisches Glück«. Die »Babelstationen« erinnern an den Versuch, sich den Sternen und dem Ganzen zu nähern, den in der Genesis geschilderten Turmbau zu Babel.

Bekanntlich scheiterte der Turmbau daran, dass sich die Sprachen der Bauleute verwirrten. Doch was die Genesis als große Niederlage hinstellt, wird bei Ausländer zum Glück der Vielsprachigkeit, dem sie selbst erst in der Bukowina, dann in New York begegnet ist. Dieses einander Ansprechen, das große Gespräch, verdankt sich zweifellos Buber und der Dialogphilosophie, der sie eine historische und zugleich persönliche Dimension verleiht: »Bäume sehen heißt / verstehen / zurückkommen« (»Verstehen«). Mit dem Verstehen ist also ein Zurückkommen, eine Rückkehr in die Kindheit gemeint. Ist sie möglich? In der Dichtung ist alles möglich. (Nur Romane beschränken sich meistens aufs Wahrscheinliche.)

In der durch Sprache wiedergewonnenen Kindheit können das Oben und das Unten, das Ganze und dessen Teile miteinander in Beziehung gesetzt werden: »Hinter dem Wind stehen / die Berge der Bukowina / meine lebendigen Berge die / sich gut verstehen mit den Sternen / meine lebendigen Sterne« (»Sich gut verstehen«). Allein »hinter dem Wind«, also im Windschatten der Geschichte, wird Verstehen möglich. In diesem Gedicht aus dem Nachlass ist die Fusion von Metaphysik und Physik, von Vergangenheit und Gegenwart, von Spinoza und Buber endgültig vollzogen, aber Ich und Du sind nun Stein und Stern, nichtmenschliche Entitäten, die gleichwohl im Vorgang des Schreibens und Redens lebendig oder, mit Spinoza, »affiziert« werden.

Die Bücher Rose Ausländers, die ab den 1970ern erschienen, enthalten Texte, die oft Jahrzehnte zuvor entworfen wurden. Sie gehen auf lebhafte Streitgespräche und gemeinsame Erfahrungen in Czernowitz, der »Stadt der Schwärmer und Anhänger«, aber auch auf herbe Begegnungen in New York zurück. Gelenkt und ausgerichtet werden sie in einer Art Selbstbewegung der Sprache. Die Wörter »drehen den Stil um, greifen mich an, zwingen mich, sie hin- und herzuschieben, bis sie glauben, den ihnen gebührenden Platz eingenommen zu haben«. Die Wörter gehören der Dichterin nicht, sie werden ihr aus der Vergangenheit zugerufen und suchen nach einer kosmisch-kristallinen Ordnung.

→ Stefan Ripplinger schrieb an dieser Stelle zuletzt am 9. April 2025 über Francis Bacon: »Die Geburt der Zeit«.

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.05.2026, Seite 12, Thema

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