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Chaos und Konstanz

Trump-Besuch in Beijing

Foto: Kenny Holston/Pool The New York Times/dpa

Donald Trumps Außenpolitik ist in der Regel schon charakterbedingt chaotisch und beschleunigt scheinbar den relativen Niedergang der US-Hegemonie. Gegenüber China und Russland jedoch ist sie bei allem Zickzack verhältnismäßig beständig und setzt insgesamt auf Berechenbarkeit und sogar Stabilität. Ein Indiz dafür ist, dass der Waffenstillstand im Zollkrieg mit der Volksrepublik, den er und Xi Jinping im Herbst 2025 in Südkorea vereinbart hatten, bis zu seinem Besuch in Beijing gehalten hat. Zuvor wollte Trump China mit bis zu 145 Prozent Zusatzzoll bestrafen. Was bei anderen, etwa der EU, bis heute für Schock und Entsetzen sorgt, beeindruckte Xi nicht besonders. Er erteilte eine Lektion, die offenbar gewirkt hat. Nach Beijing kam Trump mit einer Kompanie »Broligarchen« – seinen »Brüdern« vom IT-Monopolkapital, die ihn zur politischen Figur gemacht haben. Sie wollen vermutlich keine fürs Geschäft schädlichen Dummheiten.

Unvereinbar sind Chaos hier und Konstanz dort nicht. Ersteres ist Symptom für die Kombination von globalem Einflussverlust der USA und gleichzeitigem Vorsprung bei Spitzentechnologien, der bis vor kurzem uneinholbar schien. China hat das auf wichtigen Gebieten nicht zuletzt bei modernen Waffen widerlegt. Die Volksrepublik hat in den vergangenen zwei oder drei Jahren auf einigen Gebieten sogar die Nase vorn und setzt bei anderen zum Sprung an die Weltspitze an. Sie ist damit für die IT-Konzerne, nicht für antikommunistische »Falken« in Washington, offenbar erneut ein wichtiger Partner. Die Werkbankzeiten aber sind vorbei.

Hinzu kommt: Das seit 1978 verfolgte Modell der KP Chinas, mit Hilfe von Auslandskapital planmäßig technische Produktivkräfte zu entwickeln, schlägt qualitativ in wachsenden Wohlstand, nicht in Akkumulation von Armut plus Hochrüstung wie in den USA oder noch schleichend in Westeuropa um. Das wirkt global. Nebenbei: Die Vereinbarung von Joe Biden und Xi vom November 2024 in Peru, künstliche Intelligenz nicht für Atomwaffen einzusetzen, kann in ihrer Bedeutung zum Erhalt des Weltfriedens nicht überschätzt werden.

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Die Konstanzelemente der US-Politik gegenüber China ergeben sich aus realistischer Anerkennung der von Beijing fast 50 Jahre verfolgten Entwicklungsstrategie. Das unterscheidet Washington grundlegend von den Westeuropäern, die sich durch Arroganz – eine kommunistische Partei, zumal in einem armen Land, kann keinen Erfolg haben – global ins Abseits gestellt haben. Der Aufstieg Chinas zur wirtschaftlichen Supermacht hat die Kräfteverhältnisse derart verändert, dass nun eine neuartige wirtschaftliche Kooperation mit den USA möglich erscheint. Das signalisiert Trumps Besuch.

An der Kriegsgefahr, die nicht von China, sondern allein vom US-Imperialismus ausgeht, ändert das nichts. Wie erstmals 2014 warnte Xi am Donnerstag erneut vor der »Thukydides-Falle«: Wenn Sparta Athen mächtig werden sieht, soll Krieg unvermeidlich sein? Beijing hält hartnäckig daran fest, dass das nicht so ist. Seine Konstanz, vulgo strategische Vernunft, ist eine Hoffnung.

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.05.2026, Seite 3, Ansichten

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  • Onlineabonnent*in Franz S. aus R. 15. Mai 2026 um 14:59 Uhr
    »An der Kriegsgefahr, die nicht von China, sondern allein [!] vom US-Imperialismus ausgeht, ändert das nichts.« Mit solchen Einschätzungen können die Kriegsvorbereiter in Berlin gut leben. Es müsste sich eigentlich herumgesprochen haben, dass der deutsche Imperialismus dabei ist, aus dem Windschatten der USA herauszutreten und sich für den dritten Anlauf zur Weltmacht zu rüsten. Als Trump zumindest das Gespräch mit Russland suchte, welche Kräfte haben da als Kriegstreiber agiert?
  • Istvan Hidy aus Stuttgart 15. Mai 2026 um 10:54 Uhr
    Warum es geht: Die US-Sanktionen gegen den chinesischen Ölkonzern Hengli Petrochemical im April 2026 markieren eine deutliche Verschärfung des Machtkampfs zwischen Washington und Peking. Offiziell begründen die USA die Maßnahmen damit, dass Hengli seit Jahren große Mengen iranischen Öls gekauft und dadurch indirekt die iranischen Streitkräfte finanziert habe. Tatsächlich geht es jedoch um weit mehr als Iran: Im Kern richtet sich der Druck gegen Chinas Energieversorgung und dessen wirtschaftliche Unabhängigkeit vom westlich dominierten Finanzsystem. Die USA kombinieren dabei drei zentrale Druckmittel. Erstens erschweren Marineoperationen und Kontrollen in der Straße von Hormus den Export iranischen Öls. Zweitens erhöhen Finanz- und Sekundärsanktionen den Druck auf chinesische Banken, Reedereien und Versicherer. Drittens entsteht für internationale Schifffahrtsunternehmen eine Zwangslage: Wer iranische Transitforderungen bezahlt, riskiert US-Sanktionen; wer nicht zahlt, riskiert iranische Gegenmaßnahmen. China reagiert nicht mit lautstarker Eskalation, sondern mit strategischen Gegenmaßnahmen. Peking weist die Sanktionen als völkerrechtswidrig zurück, verlagert Handelsgeschäfte zunehmend auf Yuan-Zahlungen und schützt betroffene Unternehmen mit eigenen Anti-Sanktionsgesetzen. Gleichzeitig signalisiert China Europa und den USA, dass wirtschaftliche Gegenreaktionen – etwa über Handels- oder Taiwan-Fragen – jederzeit möglich sind. Der Konflikt zeigt, dass der Krieg um iranisches Öl längst Teil eines größeren geopolitischen Ringens geworden ist. Iran bildet dabei vor allem die Bühne für den eigentlichen Machtkampf zwischen den USA und China. Hinter Sanktionen, Tankerkontrollen und diplomatischen Drohungen steht letztlich die Frage, wer künftig die Regeln für Energieversorgung, Finanzströme und globale Machtverhältnisse bestimmt.
  • Rayan aus Unterschleißheim 15. Mai 2026 um 08:46 Uhr
    Tatsächlich dürfte China die einzige Hoffnung sein, die die Menschheit noch hat. Als ich vor einigen Jahren eine Doku sah, in der eine chinesische Top-Managerin eines großen chinesischen Konzerns von einem deutschen Fernsehteam befragt wurde, begann sie mit Höflichkeits-Blabla, sie würde ja Deutschland wirklich sehr mögen. Dann die Begründung: »Schließlich war ja auch Karl Marx ein Deutscher.« Da wurde mir klar, dass China auf sehr breiter Basis der Bevölkerung bis in die elitären Spitzen das kapitalistische System weit besser versteht, als die (westliche) Kapitalistenklasse selber und entsprechend erfolgreich Wege sucht und findet, mit diesem weltweit dominanten Dreckssystem effektiv klar zu kommen. Solange es der KPC weiterhin gelingt, das Primat über ihre eigene Ökonomie zu behalten und gleichzeitig ihren globalen Einfluss über Soft- und Hardpower weiter auszubauen, hat die Spezies Mensch noch eine Chance auf ein Überleben und den Abschluss des nach wie vor insgesamt im Status der Barbarei steckenden Zivilisationsprozesses.
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