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Gespenstertreffen

Sudetendeutsche wollen in Tschechien tagen

Von Reinhard Lauterbach
Foto: IMAGO/reportandum

Die gibt es also immer noch. Obwohl sie ihre letzten großen Auftritte vor knapp 30 Jahren hatten, als die BRD und die Tschechische Republik gegen ihren Widerstand eine gemeinsame Erklärung darüber unterzeichneten, dass sie »ihre gegenseitigen Beziehungen nicht mehr mit aus der Vergangenheit herrührenden politischen und rechtlichen Fragen belasten« wollten. Gemeint waren als Subjekte dieser »Belastungen« die organisierten »Sudetendeutschen«, als die sich die nach 1945 aus der Tschechoslowakei vertriebenen ethnischen Deutschen bezeichneten. Das an Tschechien angrenzende Bundesland Bayern vollzog seine Nachkriegsindustrialisierung weitgehend mit ihrer Arbeitskraft.

Bei Kaufbeuren gibt es bis heute einen Ort namens »Neugablonz«. Eine weltbekannte österreichische Manufaktur für edle Weingläser wurde dort von einem aus dem Sudetenland ausgewiesenen Unternehmer wiedergegründet. Die Leute sind also »angekommen« in dem Vaterland, in das sie 1938 unbedingt hineinwollten, und dabei den Staat sprengten, in dem sie lebten. Mit überwältigender Mehrheit: Die pronazistische »Sudetendeutsche Partei« von Konrad Henlein erzielte 1938 bei der tschechischen Kommunalwahl etwa 90 Prozent der sudetendeutschen Stimmen.

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Am Leben gehalten wird die »Sudetendeutsche Landsmannschaft« inhaltlich von eben jenen »aus der Vergangenheit herrührenden Fragen«, mit denen es auf der offiziellen Ebene ein Ende haben sollte. Und finanziell durch laufende Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt und dem des Freistaats Bayern, der die Sudetendeutschen als »vierten Volksstamm Bayerns« – neben den eigentlichen Bayern, den Franken und den Schwaben – bezeichnet. Vorsitzender ist traditionell ein CSU-Politiker, aktuell der ehemalige Europaabgeordnete Bernd Posselt. Man kann sie ohne große Überspitzung als Nebenorganisation der bayerischen Staatspartei bezeichnen. Und jetzt will dieser Verein also sein jährliches Pfingsttreffen im mährischen Brno abhalten, Tschechiens zweitgrößter Stadt.

Dass das in Tschechien keine Begeisterung ausgelöst hat, ist mehr als verständlich. Auch wenn der tschechische Außenminister Petr Macinka gegenüber der FAZ erklärte, der Großteil der heute lebenden Tschechen interessiere sich für das sudetendeutsche Thema nicht mehr – der Großteil der heute lebenden Deutschen übrigens vermutlich ebenso wenig –, bleibt das organisierte Auftreten der Berufsvertriebenen im Herkunftsland ihrer Vorfahren zumindest eine Aufdringlichkeit. Wenn sie sich wirklich mit Tschechien versöhnen wollen, steht ihnen frei, nach Tschechien zu reisen und beim örtlichen Bier ihrer Großeltern zu gedenken. Gern auch mit einem gehörigen Schuss innerfamiliärer Selbstkritik, damals auf ein falsches Pferd gesetzt und verloren zu haben. Statt dessen fühlen sich ausgerechnet die Nachfahren derer, die 1938 in den Straßen des Sudetenlandes massenhaft die Arme hochgerissen haben, zu Fürsprechern der »Aussöhnung« mit den Tschechen berufen. Grotesk. Das Beste, was die Landsmannschaft für die Versöhnung zwischen Deutschen und Tschechen tun könnte, wäre die Selbstauflösung.

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Erschienen in der Ausgabe vom 16.05.2026, Seite 3, Ansichten

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