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16.05.2026
- → Der schwarze Kanal
Die Kinder der Wanderarbeiter
In der stramm konservativen Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) erscheint am Dienstag ein Artikel des NZZ-Chefökonomen Peter A. Fischer unter den Überschriften: »China vollbringt ein Handelswunder. US-Präsident Trump wollte das Land wirtschaftlich ausbremsen – doch das Gegenteil ist eingetreten.« Darunter heißt es, dass in China »Wanderarbeiter, die fernab ihrer Familien Kleider nähen, Schuhe zusammensetzen, Mobiltelefone montieren« wegen Automatisierung von Billigproduktion oder deren Abwanderung in andere Länder »nicht mehr so häufig gebraucht werden«. Für die Kinder der Wanderarbeiter habe sich »das Malochen ihrer Eltern« dennoch gelohnt: »China konnte sich erfolgreich weiterentwickeln.«
Der Satz ist angesichts der Dimension dieser »Weiterentwicklung« etwas kurz – höflich gesagt. Beispiel: 2021 bescheinigte die UNO der Volksrepublik, mehr als 800 Millionen Menschen aus absoluter Armut herausgeführt zu haben. Vor der kürzlichen Verabschiedung des neuen Fünfjahresplans teilte die Führung in Beijing mit, bis 2035 solle die Zahl der Chinesen mit kleinem Wohlstand auf mehr als 800 Millionen Menschen verdoppelt werden. Weltgeschichte.
Fischers Artikel dreht sich um Export und Import Chinas. 2018 trat Trump nach seinem ersten Besuch als US-Präsident einen Handelskrieg los, wonach zunächst wenig passiert sei. Aber nach Covid habe der Außenhandel Chinas »fast schon unglaublich an Fahrt« aufgenommen. Das Ergebnis: China exportierte »2025 60 Prozent mehr und erzielte 67 Prozent höhere Dollar-Einnahmen als 2017«. Das beruht laut Fischer auf einer langfristigen Strategie. Die chinesische Führung habe »schon kurz nach der Jahrhundertwende beschlossen, von einer Wirtschaft, die kopiert und ausführt, zu einer innovativen Industrienation zu werden. Dafür wurde viel Geld in Ausbildung und Forschung gesteckt, und deshalb wurden gezielt Anreize zur Förderung von innovativen Industrien unter hartem Wettbewerb geschaffen.« In Fischers Worten lässt sich sagen, dass die Kinder der Wanderarbeiter vor allem gut ausgebildet wurden.
Am Freitag legt er in einem NZZ-Kommentar zum aktuellen Trump-Besuch in Beijing nach: »1990 betrug das in Dollar gemessene Bruttoinlandsprodukt Chinas sieben Prozent desjenigen der USA. Zur Jahrtausendwende waren es zwölf Prozent, 2010 schon 41 Prozent und im vergangenen Jahr 64 Prozent. Nähme man statt der aktuellen Preise und Wechselkurse die Kaufkraft zum Maßstab, wäre die chinesische Wirtschaftsleistung heute bereits größer als diejenige der USA.«
Wenn Xi beim Empfang Trumps von einem »großen Wandel, wie er nur einmal in hundert Jahren vorkommt«, spreche, könne das als »historische Feststellung« verstanden werden. Aber: »Viele Amerikaner dürften es als Drohung empfinden.« Sie forderten ebenso wie »Vertreter der freien westlichen Welt«, »den Aufstieg des chinesischen Rivalen mit allen Mitteln zu bremsen«. Also Atombomben eingeschlossen. Fischer begrüßt, dass Xi und Trump dagegen von einer »strategischen Stabilität« sprechen. Er schlussfolgert: »Die USA müssen Chinas Wiederaufstieg akzeptieren und China die Interessen der freien Welt.«
Diese Politikberatung geht ins Leere, zumal der zweite Satz. Worin bestehen »die« Interessen der freien Welt? Haben sie etwas mit den ewigen Kolonialkriegen seit 1991, dem NATO-Vormarsch gegen Russland zu tun?
Fischer hat recht: Das jetzige Treffen war »ein bescheidener Anfang«. Die »Kinder der Wanderarbeiter« benötigen noch viel Zeit und Weiterentwicklung, damit daraus mehr wird. Der »freie Westen« will das nicht.
Das jetzige Treffen war »ein bescheidener Anfang«. Die »Kinder der Wanderarbeiter« benötigen noch viel Zeit und Weiterentwicklung, damit daraus mehr wird. Der »freie Westen« will das nicht.
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