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Aufrüstung

Mit Geld zuschütten

Nach Absage der »Tomahawk«-Stationierung durch die USA will die Bundesregierung offenbar die Raketen kaufen. Rheinmetall kündigt Produktion von Marschflugkörpern für dieses Jahr an

Foto: Philipp Schulze/dpa
Geld für Waffen? Klotzen, nicht kleckern. Boris Pistorius am 4. Mai im niedersächsischen Munster

Wenn es um Waffen geht, herrscht bei der Bundesregierung kein Finanzmangel, sondern die Devise »mit Geld zusch...«. Nach der US-Absage der Stationierung von »Tomahawk«-Raketen in Deutschland will sich Berlin laut einem Bericht der Financial Times vom Sonntag bei den USA um einen Kauf dieser weitreichenden Marschflugkörper bemühen. Die Zeitung zitierte einen deutschen Regierungsinsider, wonach Berlin möglicherweise bereit sei, sogar einen finanziellen Aufschlag zu zahlen. Japan und die Niederlande warten bereits auf die Auslieferung ihrer bestellten »Tomahawks«. In Berlin, so die Quelle, könne die Versuchung bestehen, »das Problem mit Geld zuzuschütten«.

Das Bundeskabinett hoffe jetzt, die US-Regierung vom Verkauf der Waffen ‌zusammen mit dem dazugehörigen bodengestützten »Typhon«-Raketenwerfersystem zu überzeugen. Verteidigungsminister Boris Pistorius plane eine Reise nach Washington. Er ‌hatte bereits im Juli 2025 eine Anfrage zum Kauf des »Typhon«-Systems gestellt. Die USA hätten darauf bislang jedoch nicht geantwortet, so das Blatt. Die Springer-Zeitung Politico berichtete Anfang Mai unter Berufung auf ein durchgesickertes Dokument des Verteidigungsministeriums, dass Berlin drei dieser Startsysteme sowie 400 »Tomahawk«-Raketen des Typs Block VB zu erwerben plane.

Ein US-Besuch von Pistorius in Washington hängt laut Financial Times nun davon ab, ob er ein Treffen mit seinem US-Kollegen ‌Pete Hegseth vereinbaren könne. Dies gelte angesichts der wegen des Iran-Krieges verschlechterten ‌Beziehungen zwischen US-Präsident ‌Donald Trump und Bundeskanzler Friedrich Merz nicht als sicher. Offizielle Stellungnahmen lagen nicht vor.

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Pistorius ‌hatte nach der US-Absage der »­Tomahawk«-Stationierung von einer Lücke bei der Verteidigungsfähigkeit gesprochen. Die Marschflugkörper waren demnach als Überbrückung gedacht, bis Westeuropa eigene Systeme entwickelt hat. Das US-Verteidigungsministerium hatte zwar im Februar mitgeteilt, einen Sieben-Jahres-Vertrag mit dem Rüstungskonzern Raytheon – Teil der RTX Corporation – zur Ausweitung der »Tomahawk«-Produktion geschlossen zu haben. Die US-Bestände von rund 1.000 Exemplaren sind aber durch den Iran-Krieg laut Medienberichten etwa halbiert worden. Die Neuproduktion soll Jahre dauern. Merz selbst erklärte in der ARD-Sendung »Caren Miosga« am 3. Mai, die Amerikaner hätten »im Moment nicht einmal genug für sich selbst«.

Bereits am Freitag hatte Deutschlands größte Waffenschmiede Rheinmetall dazu passend gemeldet: »Noch in diesem Jahr werden wir damit beginnen, Cruise Missiles für Deep-Strike-Operationen in Unterlüß zu fertigen.« Das steht im Manuskript einer Rede, die Konzernchef Armin ­Papperger bei der Hauptversammlung der Firma an diesem Dienstag halten will. Bei den Marschflugkörpern will Rheinmetall mit der niederländischen Rüstungsfirma Destinus zusammenarbeiten, deren neues System »Ruta 2« bei einer Nutzlast von 250 Kilogramm eine Reichweite von 700 Kilometern haben soll. Das Vorgängermodell »Ruta 1« ist nach den Worten Pappergers »schon erfolgreich gegen strategische russische Ziele in der Ukraine zum Einsatz« gekommen.

Nach weitreichenden Waffen könnte sich Pistorius auch in Ankara erkundigen. Die Türkei stellte auf einer Rüstungsmesse in Istanbul in der vergangenen Woche eine Rakete vom Typ »Yıldırımhan« vor. Laut Financial Times soll sie mit einem drei Tonnen schweren Sprengkopf 6.000 Kilometer zurücklegen und dabei 25fache Schallgeschwindigkeit erreichen können. Fachleute bezweifeln die Fähigkeiten. Kleines Zusatzproblem: Ein mit KI erstelltes Werbevideo zeigt, wie die Rakete offenbar Anlagen beim NATO-Partner USA zerstört.

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.05.2026, Seite 1, Titel

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