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Vom Sozialismus lernen …

Foto: jW

Unter dem Titel »Die staatliche Zwickmühle im Wohnungsbau« schreibt der emeritierte Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Werner Plumpe in einem Beitrag für die FAZ am Dienstag über die Geschichte der deutschen Wohnungsbewirtschaftung im kapitalistischen Deutschland seit dem Kaiserreich. Die DDR kommt nicht vor. Der Untertitel fasst zusammen: »Zweimal gelang es in der jüngeren deutschen Geschichte, Mangel erfolgreich zu bekämpfen. Heute führt das Bemühen, ärmeren Bürgern zu bezahlbaren Wohnungen zu verhelfen, in die Subventionsfalle. Gemeinnützigkeit ist keine Lösung.«

Plumpe schließt sich der These an, »einfache Lösungen« wie Mietendeckel beseitigten keine »physische Wohnraumknappheit«, weil – so lautet seine zentrale These: »Hohe Neubaumieten sind nicht nur Folge von Profitgier und überbordender Nachfrage, sondern vor allem von hohen Baukosten.« Deren Steigen hält Plumpe, zeigt sich, für unvermeidlich. Die vom Bundesfinanzminister jetzt ins Spiel gebrachte bundeseigene Gesellschaft könne das Problem der Knappheit auch nicht lösen. So sei die gemeinnützige »Neue Heimat« in den 70er Jahren »in den Fängen der Baukosten« gewesen und habe ihre Lage durch Missmanagement noch verschlimmert.

Die »Lösung« der Wohnungsfrage im Kaiserreich sei in rein privatwirtschaftlicher Weise geschehen, das zweite Mal in den 1950er und 1960er Jahren durch »umfassende staatliche Steuerungen«. Wie gesagt, die DDR mit ihren unterschiedlichen Wohnungsbauprogrammen und Neubauvierteln in Plattenbauweise, die auch im Kapitalismus nicht zwangsläufig zu Hochhauswüsten wurden, kommt bei ihm nicht vor.

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Im Kaiserreich bedeutete das: »Differenzierung nach Zahlungsfähigkeit«. Wer es sich leisten konnte, zog in den heute beliebten Altbauvierteln in die sogenannte »Beletage«, wer nicht, vegetierte im dritten oder vierten Hinterhof in einem Loch, das eventuell »trockengewohnt« werden sollte. Staatliche Zuschüsse gab es nicht. Laut Plumpe wurde das Neubauvolumen in den Großstädten des Kaiserreichs »erst nach 1950 wieder erreicht«, gemeint ist vermutlich die BRD. In den besonders stark zerstörten DDR-Städten wurde offenbar nicht gebaut.

In der Weimarer Republik brach nach Plumpe der private Wohnungsbau wegen Mietendeckel und Hauszinssteuer »vollständig zusammen«. Neubau übernahmen Kommunen oder Genossenschaften. Die Wohnungsnot stieg aber, auch der Siedlungsbau der Nazis sei ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen. Kriegszerstörungen und der Zustrom Millionen Vertriebener führten zur Katastrophe. Die frühe BRD habe die Wohnungszwangswirtschaft weitergeführt und steuerlich Neubau begünstigt, womit der Aufstieg großer gemeinnütziger Wohnungsunternehmen wie der »Neuen Heimat« begonnen habe. Als aber die staatliche Förderung ab den 60er Jahren ausgelaufen sei, »explodierten die Baukosten, vor allem die Bauarbeiterlöhne legten deutlich zu.« Die Bundesregierung reagierte darauf 1965 mit der Einführung des Wohngeldes, also der Subventionierung zahlungsschwacher Mieter. Das bedeutete zugleich: Die private Wohnungswirtschaft konnte alle Baukosten plus Extraprofit auf die Mieten umlegen – es gab ja Wohngeld.

Da alles führte in heutigen Schlamassel. Was tun? Plumpe: »Nötig wäre also eine deutliche Senkung der Baukosten, namentlich durch Rückkehr zum relativ preiswerten seriellen Bauen, vor allem aber durch Absenkung kostentreibender bürokratischer Vorschriften.« Heißt wohl: Kapitalistischer Wohnungsbau benötigt fast acht Jahrzehnte, worauf der sozialistische vor mehr als 60 Jahren kam. Von der Eigentumsfrage nicht zu reden.

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Erschienen in der Ausgabe vom 09.05.2026, Seite 3, Der schwarze Kanal

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→ Leserbriefe
  • Istvan Hidy aus Stuttgart 11. Mai 2026 um 21:27 Uhr
    Der Wohnungsmarkt funktionierte in Deutschland historisch niemals als vollkommen »freier« Markt. Immer wieder griff der Staat ein, sobald Wohnungsnot, soziale Spannungen oder politische Krisen entstanden. Zugleich erzeugten diese Eingriffe neue Probleme: Mietpreisbindungen, Förderprogramme oder sozialer Wohnungsbau konnten zwar kurzfristig entlasten, bremsten jedoch häufig Investitionen und schufen neue Knappheiten. Ohne staatliche Eingriffe entstehen oftmals Wohnungsnot und soziale Konflikte; mit einem starken staatlichen Regulierungsrahmen wiederum sinken Rentabilität und Neubauanreize. Plumpe ordnet die heutige Wohnungskrise damit in eine lange historische Kontinuität ein. Dazu zählen unter anderem die Mietregulierungen des Ersten Weltkriegs, der kommunale und genossenschaftliche Wohnungsbau der Weimarer Republik, der soziale Wohnungsbau der Nachkriegszeit sowie die Marktliberalisierung und Privatisierung seit den 1980er und 1990er Jahren. Gerade im Vergleich wäre die DDR historisch besonders interessant gewesen, weil sie ein Gegenmodell zur westdeutschen Mischung aus Markt, Förderung und Regulierung darstellte. Wohnpolitik war dort explizit Bestandteil der sozialistischen Gesellschaftsordnung und nicht lediglich Sozialpolitik innerhalb eines Marktsystems. Abschließend noch eine persönliche Erfahrung: Ich arbeitete selbst beim VEB Baukombinat Dresden. Es stimmt, dass die DDR enorme Anstrengungen unternahm, ihr Wohnungsbauprogramm zu verwirklichen – auch wenn dies letztlich nicht vollständig gelang. Bei der Wohnungsvergabe wurde die Arbeiterschicht eindeutig bevorzugt; auch einkommensmäßig war sie vergleichsweise gut gestellt. Dennoch ging 1989, als die DDR in ihre Krise geriet, kaum jemand aus dieser Schicht auf die Straße, um die sozialistischen Errungenschaften zu verteidigen. Viele wollten vor allem die D-Mark. Das sagt vielleicht mehr über die Grenzen von Dankbarkeit, Klassenkampf und Klassenbewusstsein aus als manche ideologische Debatte.
  • Peter Maaßen aus Frankfurt/M. 10. Mai 2026 um 22:00 Uhr
    So sehr ich Arnold Schölzels Artikel sonst schätze, hier kann ich mir eine kritische Anmerkung nicht verkneifen. Immer wieder begegnen mir in unsrer jungen Welt Abhandlungen über die wohl mehr oder weniger kapitalismusübliche Wohnungsnot, in denen anscheinend der einzige Ausweg in »Bauen, Bauen, Bauen« gesehen (?) wird. In der DDR gabs damals wohl vorerst keinen anderen Weg. Aber heutzutage hierzulande können wir doch die sich zuspitzende Umweltkrise nicht mehr einfach ausgeblendet lassen, die die Zukunft der Menschheit mindestens genau so infrage stellt wie die Rüstungs- und Kriegsgeilheit der reichen westlichen Räuberstaaten. Und gerade den hier im reichen Räuberwesten immer weitergetriebenen Umweltverbrauch braucht der Planet am allerwenigsten. Und die Umweltkrise war nie nur eine Klimakrise. Genau so bedrohlich ist der riesige Flächenverbrauch. Der trägt nämlich auch stark zur Klimakrise bei, wie auch zu Dürren, Hochwasser, Artensterben. Da stellen sich doch Fragen wie: Was ist mit den ganzen Leerständen hierzulande, braucht es massig familiäre Luxuswohnungen mit hunderten Quadratmetern, wie lange wollen wir das Wohnungswesen noch privaten Spekulanten überlassen, statt es nach gesellschaftlichen Bedürfnissen intelligent und weitsichtig zu organisieren? Leider fallen auch in linken Zeitungen diese Fragen immer wieder unter die Tische.
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