Zum Inhalt der Seite
»Africa Forward«

Neokolonialer Gipfel

Frankreich und die afrikanischen Staaten konferieren in Kenias Hauptstadt Nairobi. Es geht um Einfluss und gute Geschäfte

Foto: REUTERS/Thomas Mukoya
Stilvoller Empfang: Da darf sich Macron auch gern mal als überzeugter Panafrikanist darstellen (Nairobi, 10.5.2026)

Emmanuel Macron ging nicht die Puste aus. Das hätte aber passieren können, hätte sein Laufpartner nicht auf ihn Rücksicht genommen: Am Montag ging der französische Staatspräsident mit dem zweifachen Marathongewinner Eliud Kipchoge in Nairobi, der Hauptstadt Kenias, joggen. Kipchoge stammt wie viele erfolgreiche Marathonläufer aus dem ostafrikanischen Land. Er knackte als erster Läufer die Zweistundenmarke: 2019 beendete er einen Lauf mit einer Stunde, 59 Minuten und 40 Sekunden – und ist in der Lage, ein konstantes Tempo von 21 Stundenkilometern einen Marathon lang durchzuhalten.

Das schafft Macron nicht, doch behauptet der 48jährige, andere Rekorde aufstellen zu können. So hat er am Montag und Dienstag den ersten der seit 1973 jährlich stattfindenden Gipfel zwischen der französischen Exekutive und den Regierungen zahlreicher afrikanischer Länder in einem Staat mitorganisiert, der einst britische Kolonie und nicht von Frankreich okkupiert war. Das ist ein Novum gegenüber seinen Amtsvorgängern im Élyséepalast, aber auch eine aus Sicht der Pariser Exekutive notwendige Reaktion auf den Einflussverlust, den die französische Politik in vielen ihrer früheren Kolonien oder Protektorate hinnehmen musste – vor allem in der Sahelzone, wo die dortigen Regierungen die französische Armee 2022 und 2023 nacheinander aus Mali, Burkina Faso und Niger hinauswarfen.

Diese Treffen hießen bis 2010 offiziell »Frankreich-Afrika-Gipfel«, was tief blicken ließ, weil sich die frühere Kolonialmetropole entgegen den Regeln der französischen Grammatik zuerst auflistet, denn unter zwei gleichberechtigten Eigennamen wird der alphabetisch weiter vorne stehende eigentlich zuerst genannt. Unter der Präsidentschaft Nicolas Sarkozys wurde die offizielle Bezeichnung dann, taktisch vorausdenkend, umgedreht in »Afrika-Frankreich-Gipfel«. In diesem Jahr hieß die Veranstaltung – erstmals in einem englischsprachigen Land ausgerichtet – nun anders, nämlich »Africa Forward«.

Anzeige

Nach wie vor bleibt es bei dem Gipfelformat, bei dem ein einziges Land einem Kontinent, Afrika zählt 54 Staaten, gegenübersteht, wie Nichtregierungsorganisationen kritisch hervorhoben; allerdings trifft strukturell ähnliches auch auf die Indien-Afrika-Gipfel – einer von ihnen fand vorige Woche statt –, China-Afrika- sowie Russland-Afrika-Gipfel zu.

Der ausrichtende Staat für das jüngste Ereignis, Kenia, war dabei mit Bedacht ausgewählt worden. Als einziges afrikanisches Land hat es einen offiziellen Status bei der NATO als »Non member allied«, Bündnispartner ohne Mitgliedschaft. 2023 schloss es ein bilaterales Abkommen mit der EU. Und am 9. April trat eine Sicherheitsvereinbarung mit Frankreich in Kraft. Diese sieht den Austausch von Geheimdienstinformationen und Soldaten vor – für die französischen fordert ihr Staat dabei die Garantie juristischer Immunität im Falle, dass ihnen Fehlverhalten oder Schlimmeres auf kenianischem Boden vorgeworfen wird. Dort erinnert man sich an die Debatte über Vergewaltigungen im Zusammenhang mit auf der letzten britischen Militärbasis stationierten Soldaten.

Rund dreißig Staats- und Regierungschefs waren bei der Veranstaltung vertreten, aber auch laut Veranstalterzahlen bis zu 7.000 Unternehmensvertreter – ursprünglich waren 1.500 angekündigt. Der Gipfel sollte den Weg für neue Investitionen freimachen. Laut französischen Medienberichten wurden in diesem Zusammenhang französische Investitionen in Höhe von 14 Milliarden Euro, zum Teil auf Basis rückzuzahlender Kredite, und neun Milliarden aus afrikanischen Staaten beschlossen. Damit sollen neue profitable Geschäftsfelder gefördert werden. So soll die Domäne der erneuerbaren Energieträger 4,3 Milliarden Euro anziehen, die künstliche Intelligenz und die Digitalisierung 3,76 Milliarden und die Verbesserung der Wasserwirtschaft 3,3 Milliarden. Eine Milliarde soll in die Landwirtschaft fließen, 942 Millionen in das Gesundheitswesen und 300 Millionen in die Industrie. Fazit: Afrika bleibt als Rohstofflieferant interessanter denn als Weiterverarbeitungsort. So fand parallel zu dem Gipfel auch ein »Panafrikanisches Forum gegen Imperialismus« in Nairobi statt, und Aktivisten demonstrierten am Dienstag gegen französischen Neokolonialismus, wobei die Polizei Tränengas einsetzte und mehrere Personen festnahm.

junge Welt

Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Erschienen in der Ausgabe vom 13.05.2026, Seite 6, Ausland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!