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Beilage Nahost

Verhängnisvolles Bündnis

Marokko und Israel geben vor, gemeinsame jüdische Traditionen zu pflegen. Bisher erreichen sie das genaue Gegenteil

Foto: instagram.com/marahza91

Marokko ist stolz auf sein jüdisches Erbe. Neuerdings erwägt Rabat sogar, marokkanischstämmigen Israelis wieder die eigene Staatsbürgerschaft zu verleihen. 2011 war die Bedeutung des Judentums für die nationale Identität schon in der Verfassung des nordafrikanischen Königreichs festgehalten worden. Seit dieses 2020 im Rahmen der von US-Präsident Donald Trump während seines ersten Mandats initiierten »Abraham-Verträge« seine Beziehungen zu Israel normalisierte, wurden zudem Organisationen wie »Sharaka« oder »We Are MENA« ins Leben gerufen oder in Marokko tätig, die offiziell der gemeinsamen Verständigung dienen. Allerdings hat die jüngste Annäherung keine kulturellen Gründe, sondern dient klaren politischen Zwecken.

Israel versucht, für das zionistische Projekt zu werben und Kritik an Besatzung, Krieg und Völkermord zum Verstummen zu bringen, kommentierte das Nachrichtenportal Middle East Eye im April die jüngste israelisch-marokkanische Verbundenheit. Der Zionismus steht aber nicht allein im Zentrum des Nahostkonflikts. Er ist auch dafür verantwortlich, dass die jüdischen Traditionen Marokkos heute weitgehend der Geschichte angehören. 1982 schrieb der 17 Jahre lang für seine Überzeugungen eingekerkerte jüdische marokkanische Kommunist Abraham Serfaty in seinem »Offenen Brief an die Verdammten Israels«: »Der Zionismus steht im Widerspruch zur ruhmreichen, mehr als tausendjährigen Geschichte des arabischen und mediterranen Judentums, das historisch in Symbiose mit dem Islam innerhalb der arabischen Zivilisation geschmiedet wurde.«

Zerstörerischer Zionismus

Wie in anderen Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens wurde die Emigration der jüdischen Bevölkerung von zionistischen Organisationen und dem israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad vor allem aus dem Grund organisiert, weil Israel Zuwanderer fehlten. Allerdings wurden marokkanische wie allgemein nichtaschkenasische Juden von ihrer Ankunft an diskriminiert und in »arabischen Vierteln« ghettoisiert. Traditionelle arabisch-jüdische Wohngegenden wiederum wurden dem Erdboden gleichgemacht. In Marokko selbst zählt die jüdische Gemeinde heute nur noch geschätzte 2.000 Personen. Damit ist sie zwar die größte in Nordafrika. Doch lebten in Marokko einst Hunderttausende jüdische Marokkaner.

Ein Schlüsselereignis bei der jüdischen Emigration aus Marokko war 1961 der Untergang der »Egoz«, eines Schiffes, das Auswanderer klandestin nach Spanien brachte. Aufgrund schlechter Vorbereitung kamen damals fast alle Insassen in einem Sturm ums Leben. Da wenige Tage vorher in Casablanca eine panafrikanische Konferenz stattgefunden hatte, auf der auch Politiker wie der ägyptische Staatschef Gamal Abdel Nasser zugegen waren, wurde der Untergang der »Egoz« propagandistisch ausgeschlachtet, um diesen fortschrittlichen Kräften Antisemitismus vorzuwerfen. Schließlich hatten sie versucht, die jüdische Emigration nach Palästina zu stoppen.

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Im Anschluss an die »Egoz«-Katastrophe trafen Israel und die marokkanische Monarchie eine Übereinkunft. Der 1961 inthronisierte König Hassan II. erhielt ein Kopfgeld für jeden marokkanischen Juden, der das Land verlassen konnte. Millionen US-Dollar sollen in schwarzen Kassen des Autokraten verschwunden sein. 1965 kam es zu einer weiteren verhängnisvollen Kollaboration. Marokko lieferte dem Mossad Abhörprotokolle von einem Gipfel der Arabischen Liga, wiederum in Casablanca. Die Mitschnitte sollen entscheidend für den Ausgang des Junikriegs 1967 gewesen sein, da sie die Schwäche der arabischen Armeen offenbarten. Als Gegenleistung für diesen Verrat half der Mossad Rabat im selben Jahr, den linken marokkanischen Oppositionsführer Mehdi Ben Barka im Exil zu ermorden und seine Leiche verschwinden zu lassen. Heute steht Marokko fest im imperialistischen Lager.

Von marokkanischer Seite stand beim Abschluss der »Abraham-Verträge« im Vordergrund, die Unterstützung der US-Regierung für das eigene Kolonialprojekt sicherzustellen: die Annexion der Westsahara. Ihre Zugehörigkeit zu Marokko erkannte Trump im Gegenzug in einem Dekret an. Ein völkerrechtswidriger Schritt, da die ursprünglichen Einwohner der Westsahara, die Sahrauis, ein von der UNO verbürgtes Recht auf Selbstbestimmung haben. Momentan haben Marokko und Israel vor allem eines gemeinsam: Sie wollen die erneute Präsidentschaft Donald Trumps ausnutzen, um ihre Kolonialprojekte durchzubringen.

Monarchie im Abseits

Marokkos König ist zwar Vorsitzender des Kuds-Komitees, das für den Schutz der heiligen Stätten in Jerusalem zuständig ist. Doch aufgrund seines Bündnisses mit Israel ist er in dieser Position kaum glaubwürdig. Auch auf den durch die katastrophale soziale Lage in Marokko ausgelösten Demonstrationen der sogenannten Generation Z im vergangenen Jahr spielte das Thema Annäherung an Israel eine wichtige Rolle, wenn es darum ging, die Entfremdung der Monarchie, des »Makhzen«, anzuprangern. Die Proteste wurden brutal niedergeschlagen. Schon zuvor waren Kundgebungen gegen den Völkermord in Gaza verboten und unterdrückt worden.

Unter dem Primat von Krieg und Besatzung untergräbt die marokkanisch-jüdische Traditionspflege ihre erklärten Ziele. So erlebte Marokko im April laut Le Monde eine »Welle des Antisemitismus«, nachdem jüdische Touristen aus den USA in Marrakesch an einem Tor ein halachisches Ritual verrichtet hatten. Das palästinasolidarische »Marokkanische Observatorium gegen Normalisierung« – zitiert vom iranischen Sender Press TV – zog eine Parallele zum Beginn der zionistischen Besetzung Palästinas. Sie habe auch nicht direkt auf militärische Weise »mit Panzern«, sondern mit »Gebeten an der Klagemauer« begonnen. Das klingt nicht nach Versöhnung. Ohne Frieden und unter den Bedingungen des »Makhzen« und der israelischen Ultrarechtsregierung wird das gemeinsame Erbe nicht lebendig erhalten, sondern zerstört.

Jörg Tiedjen ist Redakteur der jW im Ressort Außenpolitik.

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Erschienen in der Beilage vom 13.05.2026, Seite 6, Ausland

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