»Schafft zwei, drei, viele Vietnams …«
Von Jörg Tiedjen
Das Imperium hat ein langes Gedächtnis und vergibt nichts. Am 3. Januar 1966, dem achten Jahrestag der Kubanischen Revolution, kamen in Havanna mehr als 500 Delegierte aus 82 Ländern zur Trikontinentalen Konferenz zusammen. Das internationalistische Treffen führte zur Gründung der Organisation der Solidarität der Völker Afrikas, Asiens und Lateinamerikas (OSPAAAL), deren zentrales Ziel es war, Befreiungsbewegungen in Afrika, Asien und Lateinamerika zu unterstützen und die »trikontinentale« Solidarität auf sozialistischer und antikolonialer Grundlage zu festigen.
Genau 60 Jahre später, am 3. Januar dieses Jahres, überfielen US-amerikanische Truppen Venezuela und entführten Präsident Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores in die Vereinigten Staaten, wobei 32 kubanische Wachleute, die zum Schutz des Staatschefs eingesetzt waren, getötet wurden. Unmittelbar im Anschluss verkündete US-Präsident Donald Trump, dass auch Kuba »zum Fall verurteilt« sei, da es nun keine Öllieferungen aus Venezuela mehr erhalten werde. Mit der sozialistischen Inselrepublik, die den Kampf gegen Kolonialismus und Fremdbestimmung nie aufgegeben und an der internationalen Solidarität festgehalten hat, soll ein für allemal Schluss sein.
Kunst und Kampf
Die OSPAAAL hatte bis zu ihrem Ende 2019 vor allem zwei Gebiete, auf denen sie sich dem Imperialismus entgegenstellte. Sie waren aus ihrer Sicht eng verbunden: die Kultur und der bewaffnete Kampf. Dabei prägte sie Generationen. 1967 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift Tricontinental, in der auch Ernesto Che Guevaras »Botschaft an die Trikontinentale« abgedruckt war. »Imperialisten erpressen die Menschheit«, heißt es darin. Denn 21 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs deute »alles darauf hin, dass der Frieden, dieser instabile Frieden, der nur deswegen so genannt wird, weil kein weltweiter Krieg mehr stattgefunden hat, wieder in Gefahr steht, zerstört zu werden durch einen nicht wiedergutzumachenden und unannehmbaren Schritt der USA«. Auch findet sich in der »Botschaft« der Satz: »Wie nah könnte eine strahlende Zukunft sein, wenn zwei, drei oder viele Vietnams auf der ganzen Welt aufblühen«, so dass der Imperialismus »gezwungen wäre, seine Streitkräfte unter dem plötzlichen Angriff und dem wachsenden Hass aller Völker der Welt zu zerstreuen«. Das wurde auch auf dem Plakat aufgegriffen, das dem ersten Heft der Tricontinental beilag. Auf ihm findet sich der Slogan: »Schafft zwei, drei, viele Vietnams!«, der dadurch berühmt wurde.
Kuba hatte 1967 im Anschluss an die Trikontinentale zum »Jahr des heldenhaften Vietnam« erklärt. Das griffen französische Filmregisseure, darunter Jean-Luc Godard, auf und drehten den kollektiven Dokumentarfilm »Loin de Vietnam«, in dem auch Fidel Castro zu Wort kommt. Sie beteiligten sich zudem aktiv an den Kundgebungen des »Mai 1968« in Frankreich. Der Einfluss Kubas und der Trikontinentalen Konferenz, auf der Vietnam eines der beherrschenden Themen war, auf die Studentenbewegung war bedeutend. Che Guevara, der zur Zeit der Konferenz in Bolivien mit einem Guerillakampf eine Revolution auslösen wollte und im Oktober 1967 unter Mitwirkung der CIA ermordet wurde, ist bis heute eine Ikone sämtlicher progressiver Bewegungen weltweit.
Doch neben Lateinamerika und Asien spielte auch der afrikanische Kontinent eine wichtige Rolle. Ursprünglich sollte auf der Trikontinentalen Konferenz eine internationale Friedenstruppe beschlossen werden, die sich weltweit dem Imperialismus entgegenstellt. Diese Aufgabe übernahm am Ende allein das kleine Kuba. Es entsandte seine Armee nach Angola und löste damit eine Kettenreaktion aus. Mit Hilfe der kubanischen Truppen konnte die Regierung in Luanda nicht nur der Konterrevolution und ultrarechten, vom Westen und Südafrika unterstützten Milizen standhalten. In der Schlacht von Cuito Cuanavale 1988 wurde zudem die Armee des Apartheidstaats zurückgeschlagen. Darauf verlor dieser auch die Kontrolle über Namibia, und schließlich stürzte das Rassistenregime selbst.
Antikoloniale Theorie
Großen Einfluss hatte auf der Trikontinentale selbst die »Theorie als Waffe« überschriebene Rede des Revolutionärs Amílcar Cabral, der im heutigen Guinea-Bissau und Cabo Verde gegen die portugiesische Kolonialherrschaft kämpfte und feststellte: »Der ideologische Mangel, um nicht zu sagen das völlige Fehlen von Ideologie in den nationalen Befreiungsbewegungen – der im wesentlichen auf Unkenntnis der historischen Realität zurückzuführen ist, die diese Bewegungen zu verändern vorgeben –, stellt eine der größten Schwächen unseres Kampfes gegen den Imperialismus dar, wenn nicht sogar die größte Schwäche von allen.« Daran schloss er eine sich mit den Befunden des antikolonialen Theoretikers und 1961 verstorbenen Kämpfers der algerischen FLN Frantz Fanon deckende Analyse an, wonach Befreiung vom Kolonialismus und Neokolonialismus auch den Sturz der einheimischen Kompradorenbourgeoisie einschließen muss, die mit den imperialistischen Kräften kollaboriert.
Trotz aller Bedeutung der Trikontinentale ist sie hinter ihren Zielen zurückgeblieben. Es gelang, antikoloniale Staaten und Bewegungen für zwei Wochen zusammenzuführen, aber nicht zu organisieren. Ursprünglich sollte die OSPAAAL, deren Arbeit seit 2019 das Tricontinental Institute in Neu-Delhi fortführt, ihren Sitz nicht allein auf Kuba haben, sondern abwechselnd auf allen drei beteiligten Kontinenten. Doch die vorgesehene Übersiedlung nach Ägypten scheiterte an der politischen Entwicklung. Seit langem hat das Land am Nil die Reihe der fortschrittlichen Staaten verlassen. Genauso steht es um Marokko. Maßgeblicher Initiator und vor allem Organisator der Trikontinentale war der marokkanische Oppositionsführer Mehdi Ben Barka. Ursprünglich sollte die Konferenz in Algerien stattfinden, was aber am Putsch gegen Präsident Ahmed Ben Bella im Juni 1965 scheiterte. Ben Barka schlug darauf Genf vor. Doch der Vorschlag Kubas, die Trikontinentale in Havanna stattfinden zu lassen, setzte sich durch.
Wenige Monate vor ihrem Beginn wurde Ben Barka dann am 29. Oktober 1965 in Paris auf offener Straße von zwei französischen Polizeibeamten in einen Wagen gebeten – und verschwand spurlos. An den Ort seiner Entführung vor der Brasserie »Lipp« gelockt worden war er zynischerweise durch das Projekt eines antikolonialen Films mit dem Titel »Basta«, der auf der Trikontinentale gezeigt werden sollte – »Loin de Vietnam« wirkt im Rückblick wie eine spätere Umsetzung dieses Vorhabens. Nicht ahnend, dass es sich um eine vom marokkanischen Geheimdienst aufgestellte Falle handelte, hatte sich Ben Barka an jenem Tag zu einer angeblichen Vorbesprechung mit dem Regisseur Georges Franju nach Paris begeben.
Mord an Ben Barka
Erst im vergangenen Jahr hat am 29. Oktober das israelisch-US-amerikanische Autorengespann Ronen Bergman und Stephen Smith auf französisch unter dem Titel »L’Affaire Ben Barka« eine umfassende Recherche über den »Jahrhundertskandal der V. Republik« veröffentlicht, nach der das nordafrikanische Königreich den Vorkämpfer der marokkanischen revolutionären Linken unbedingt vor der Trikontinentale ausschalten wollte, um zu verhindern, dass er durch sie weiteres Prestige gewinnt. Bei der Durchführung konnte sich der marokkanische Geheimdienstchef Ahmed Dlimi auf Kräfte im französischen Sicherheitsapparat verlassen – und den israelischen Mossad. Dem hatte Marokko nämlich Audioaufzeichnungen von Geheimverhandlungen auf einer Konferenz der Arabischen Liga 1965 in Casablanca zugespielt, die zum Sieg Israels im Junikrieg 1967 beitrugen. Als Gegenleistung verpflichtete Dlimi den Mossad, seinen eigenen Geheimdienst bei der Überwachung und Beseitigung Ben Barkas zu unterstützen – nach Auskunft Bergmans und Smiths wurde er von Dlimi eigenhändig in einer Badewanne ertränkt.
Der Mord wurde auf der Konferenz als Beweis gesehen, dass der Imperialismus vor keinem Verbrechen zurückschreckt. Für den »Dynamo«, wie Ben Barka genannt wurde, blieb auf dem Podium der Trikontinentale bis zu ihrer Abschlusskundgebung demonstrativ ein Stuhl leer. Die OSPAAAL wurde nicht zuletzt in Erinnerung an die Ziele, die Ben Barka für den Kongress formuliert hatte, ins Leben gerufen. Nach dessen Ermordung war die marokkanische Linke eines wichtigen Kopfes beraubt. Zwar versuchte seine Partei Nationalunion der Volkskräfte mehrfach, Hassan II. zu stürzen. Doch nach Jahrzehnten der Repression und auch der feindlichen Umarmung durch die Monarchie ist die Linke in Marokko heute kaum mehr von Bedeutung. Das nordafrikanische Königreich ist einer der treuesten Statthalter von Imperialismus und Neokolonialismus in Afrika und hält mit der Westsahara sogar selbst die »letzte Kolonie in Afrika« besetzt.
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