Ringen um afrikanisches Uran
Von Fritz Schmalzbauer
Die nigrische Militärregierung wehrt sich gegen Vorwürfe des französischen Atomkonzerns Orano, Niger würde unerlaubt Uran aus der Somaïr-Mine entnehmen. »Die Republik Niger lehnt jede Rhetorik ab, die die Ausübung ihrer Souveränität über eine nationale Ressource als Diebstahl betrachtet«, sagte Nigers Bergbauminister Osman Abarchi Samstag abend im nigrischen Staatsfernsehen. »Man kann nicht stehlen, was sich rechtmäßig in seinem Besitz befindet«, so Abarchi in seiner Rede. Der Justizminister Alio Dawada ergänzte, Orano habe 58 Milliarden CFA-Franc (rund 88,4 Millionen Euro) an unbezahlten Schulden hinterlassen, und fragte, wer hier also wen bestohlen habe.
Ende November gab die Orano-Gruppe, ein großteils dem französischen Staat gehörendes Uranabbaukonglomerat, bekannt, dass eine Ladung den Bergbaustandort Arlit verlassen habe, wo sich 1.300 Tonnen Uran befunden hatten. Das Unternehmen verurteilte die Vorgänge und berief sich darauf, dass ein Schiedsgericht einige Wochen zuvor entschieden hatte, der Staat Niger habe nicht das Recht, das von Somaïr, einer Tochtergesellschaft von Orano, produzierte Uran zu verkaufen oder zu übertragen. Mitte Dezember hatte dann die Pariser Staatsanwaltschaft eine Untersuchung wegen organisierten Diebstahls eingeleitet.
Nach dem Staatsstreich im Juli 2023 hat die nigrische Militärregierung Orano die Konzession für den Abbau eines der weltweit größten Natururanvorkommen entzogen. Seitdem tobt der Streit um die Legitimität, den Orano im Januar 2025 vor dem »internationalen Zentrum zur Beilegung von Investitionskonflikten« für sich entschieden glaubte. Die Militärregierung in Niger zeigte sich jedoch wenig beeindruckt. Aus ihrer Sicht ist die Verweigerung einer neuen Konzession eine Frage der nationalen Souveränität. Aus französischer Perspektive ist sie illegal. Schließlich interpretiert Paris seine Kolonialgeschichte als zivilisatorische Leistung und die einseitigen Verträge im Zuge der Unabhängigkeit als Entschädigung.
In den 1960er Jahren, der Algerienkrieg war für Frankreich verloren, hatte Charles de Gaulle auf militärische und zivile Atomenergie gesetzt. Schon 1957 wurde das afrikanische Uran von Geologen geortet und seit 1971 industriell abgebaut. Mehrere finanzpolitische Skandale führten 2018 zur Umstrukturierung des Konzerns Areva. Das Kerngeschäft firmiert nun als Orano und ist zu 90 Prozent in französischem Staatsbesitz. Nachdem verschiedene Abbauorte ausgebeutet worden waren, entdeckte man das Vorkommen in Imouraren, 160 Kilometer von Agadez entfernt, und beauftragte Imouraren S. A. (Orano) mit der Ausbeutung des neuen Vorkommens. Im Konflikt mit der Militärregierung stellte die Firma im Oktober 2024 die Produktion ein. 2025 wurde daher eine erneute Konzession verweigert, die Aktien und die Liegenschaften von seiten Nigers wurden verstaatlicht. Am Samstag warnten die Beamten erneut, dass Orano mit dem Entzug einer weiteren Konzession rechnen müsse, wenn es sich weiterhin über die Bergbaugesetze des Niger hinwegsetze.
Journalisten und Ökonomen aus der Region verteidigen die Ambitionen der Staatsführung, Rohstoffe auf dem Weltmarkt selbständig zu verkaufen. Zahlreiche Abnehmer stünden bereit, zum Beispiel die Türkei, China, der Iran und arabische Länder. Das Angebot aus Niger enthält neben Uran auch Thorium, Lithium und Beryllium. Und zwar zu Weltmarktpreisen, betonte etwa der Ökonom Yves Ekoué Amaïzo. Er hält die von Frankreich verbreitete Panik vor möglichen russischen Abnehmern für übertrieben, Russland sei in bezug auf Uran autonom. Und nach Angaben des Journalisten Seidi Abba gebe es bisher keine Verträge zwischen Russland und Niger, anders als die neokolonial diktierten Abmachungen mit den Franzosen. Der Militärregierung gehe es im Gegenteil um Reinvestitionen aus Quellen, die Unabhängigkeit garantierten, auch wenn keiner der Beteiligten aus purer Selbstlosigkeit handele.
Amaïzo meint, Frankreich schulde dem Niger und anderen ehemaligen Kolonien Jahrzehnte des vorenthaltenen Anteils der Rendite aus den Bodenschätzen.
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