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Konflikt im Sahel

Bamako unter Feuer

Mali: Tuareg-Separatisten und Dschihadisten starten koordinierte Offensive gegen die Zentralregierung

Foto: Adama Diarra/Reuters
Die Grenzen zwischen Tuareg-Separatismus und Dschihadismus waren von Anfang an fließend (Kidal, 16.6.2012)

Die am Sonnabend gestartete Offensive überwiegend dschihadistisch orientierter bewaffneter Kräfte in Mali hatte eine neue Qualität. Ein Al-Qaida-Ableger und Tuareg-Verbände griffen auf dem gesamten Staatsgebiet an – von Kidal im Landesnorden in der Nähe der algerischen Grenze bis zur Hauptstadt Bamako. Verteidigungsminister Sadio Camara wurde nach übereinstimmenden Berichten des französischen Figaro und des Senders Al-Dschasira bei einem Angriff auf die nahe der Hauptstadt Bamako gelegene Garnisonsstadt Kati bei Bamako getötet, auch wenn dies offiziell dementiert wurde. Interimspräsident Assimi Goïta war ebenfalls zunächst für tot erklärt worden, soll die Attacke aber an einem sicheren Ort überlebt haben.

Beim jährlich in der senegalesischen Hauptstadt stattfindenden regionalpolitischen »Forum von Dakar für Frieden und Sicherheit« hatte Malis Außenminister Abdoulaye Diop erst vergangenen Montag mehrere Staaten der Region wie Togo und hinter ihnen die alte Kolonialmacht Frankreich scharf kritisiert. Er sprach von »ausländischen Einmischungen« und »Manipulationen«, mittels derer Vorwände für Interventionen gesucht würden. In seiner Rede vom 20. April, in der er die Forderung nach Souveränität der afrikanischen Staaten betonte, erklärte er ferner, mit Hilfe eines »Informationskriegs« wolle man Länder »von innen her destabilisieren«, um »die Suche endogener afrikanischer Lösungen für die Probleme des Kontinents« zu blockieren.

Dass auswärtige Mächte wie Frankreich – oder auch der Nachbar Algerien – direkt den im Norden und im Zentrum Malis operierenden dschihadistischen Gruppen Unterstützung zukommen lassen, ist unwahrscheinlich, auch wenn Malis Regierung dies des öfteren suggeriert. Dennoch ist zumindest eine helfende französische Hand hinter den in Mali wirkenden Organisationen zu erkennen. Unterstützt wird zwar nicht direkt der regionale Ableger von Al-Qaida, die »Gruppe zur Unterstützung des Islams und der Muslime« (GSIM), wohl aber die Tuareg-Separatisten im Norden Malis. Diese waren aber in der Vergangenheit wiederholt und sind offensichtlich auch jetzt mit den Dschihadisten verbündet.

Als im April 2012 die Nordprovinzen Malis unter der international nicht anerkannten Staatsbezeichnung »Azawad« ihre Abspaltung von Bamako erklärten, waren die damals unter dem Label »Nationalbewegung zur Befreiung von Azawad« (MNLA) firmierenden Separatisten, die ihre Erklärungen zum Teil aus einem Pariser Luxushotel heraus verbreiteten, die treibende Kraft. Neben den Dschihadistengruppen »Al-Qaida im islamischen Maghreb« (AQMI), »Bewegung für Einheit und Kampf in Westafrika« (MUJAO) sowie Ansar Dine (Helfer der Religion) waren sie zunächst an der Kontrolle der drei Regionen Timbuktu, Gao und Kidal beteiligt – ihnen kam dabei vor allem die Tuareg-Hochburg Kidal zu.

Später stellten sich MNLA-Verbände der französischen Armee, die ab Januar 2013 im Rahmen der »Operation Serval« und ab 2014 unter dem Nachfolgenamen »Operation Barkhane« im Land intervenierte, bevor Mali sie 2022 aus dem Land warf, jahrelang als Hilfstruppen zur Verfügung. Seitdem wechselten die Allianzen mehrfach, ebenso wie die Bezeichnungen. Aus MNLA wurde die »Koordination der Bewegung von Azawad« (CMA) – sie ging 2015 mit dem »Friedensvertrag von Algier« ein vorübergehendes Abkommen mit der Zentralregierung in Bamako ein, dieses ist aber längst zerbrochen – und aus ihr wiederum die »Befreiungsfront von Azawad« (FLA).

Zu den Attacken vom Sonnabend bekannten sich die Tuareg von der FLA und der Al-Qaida-Ableger GSIM gemeinsam. Kolonnen der GSIM fuhren in Bamako ein, während der FLA in Kidal die Azawad-Fahne hisste. Am Sonntag gab die malische Zentralregierung an, die Kontrolle über Kidal und auch die Hauptstadt der Zentralregion Mopti zurückerlangt zu haben. Dort sind vor allem aus den Reihen der Bevölkerungsgruppe der Fulbe rekrutierte dschihadistische Verbände aktiv. In Bamako gilt weiter eine nächtliche Ausgangssperre.

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.04.2026, Seite 1, Titel

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