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Korsika beharrt auf Autonomie
Vor 50 Jahren: Nationale Befreiungsfront setzte anfangs linke Zeichen, konnte Linie aber nicht einhalten
Vor einem halben Jahrhundert, am 5. Mai 1976, gründete sich auf der Mittelmeerinsel Korsika der FLNC (Front de libération nationale de la Corse), die »Nationale Befreiungsfront Korsikas«, als bewaffnete Organisation. Vorausgegangen war die Besetzung eines Weinkellers in Aléria, der einem sogenannten Pied Noir – einem aus Algerien ausgesiedelten Kolonialfranzosen – gehörte, dem Weinpanscherei vorgeworfen wurde. Dieser Bevölkerungsgruppe, also den früheren französischen Siedlern in Nordafrika, die angesichts der Unabhängigkeit Algeriens 1962 mehrheitlich das Land verlassen hatten, hatte die Pariser Zentralregierung oft die besten landwirtschaftlichen Nutzflächen gegeben.
Die damalige Regierung unter Präsident Valéry Giscard d’Estaing und Premierminister Jacques Chirac reagierte hart auf die Gründung des FLNC. 2.000 Polizisten und Soldaten waren im Einsatz, obwohl nur wenige Menschen den Weinkeller besetzt hatten. Bei der Namensgebung des FLNC ist der Bezug auf den FLN, die algerische Unabhängigkeitsbewegung (Front de libération nationale, Nationale Befreiungsfront), unverkennbar. Tatsächlich bediente sich der FLNC eines stark antikolonialen Diskurses.
Dafür gab es auch objektiv gute materielle Gründe. Zwar zählte Korsika als in Europa liegendes Inselterritorium theoretisch als fester Bestandteil zum französischen Mutterland und seiner »einen, unteilbaren Republik«. Tatsächlich aber hat es eine Gleichbehandlung der Mittelmeerinsel Korsika mit anderen französischen Regionen, unter denen sie die ökonomisch ärmste darstellt, nie gegeben. So erhielt die französische Regierung von 1808 bis 1912 die Zollschranken gegenüber der Insel aufrecht. Die nur in einer Richtung wirksamen Beschränkungen behinderten den Export korsischer Waren – es ging damals vor allem um Landwirtschaftsprodukte – auf den französischen Markt und favorisierten zugleich den Import französischer auf die Insel. Bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein unterhielt das Festland quasi koloniale Wirtschaftsbeziehungen zu der Insel.
Allerdings gab es beim Kampf gegen die französische Vormacht einen Haken. Das Fehlen kollektiver Klassenstrukturen – auch, weil es kaum eine Industrieproduktion auf Korsika gab – sorgte dafür, dass sich schnell Spaltungen im FLNC auftaten. Die Organisation mit ihren ursprünglich eher linken Ansätzen und weltweiten Verbindungen zu Befreiungsbewegungen zerfiel in mehrere rivalisierende Gruppierungen. Der am 7. August 2000 von Rivalen erschossene Jean-Michel Rossi, eine Art Chefideologe des FLNC, hatte in den zurückliegenden Jahren diese Strukturen kritisiert. In seinem letzten Interview, das er wenige Tage vor seinem Tod führte, erklärte Rossi unter anderem: »Was die Basis der illegalen Bewegung angeht, so ist das, was sie im wesentlichen ausmacht, das Fehlen jeglicher Politisierung. Bis auf wenige Ausnahmen besitzen die Aktivisten keinerlei theoretisches Gepäck, ja keinerlei Bildung. Die meisten rekrutieren sich aus einer Art Lumpenproletariat«, das aus Erwerbslosen und einer perspektivlosen Dorfbevölkerung bestehe. Rossi fuhr fort: »So ist es für die örtlichen Chefs einfach, sich eine unterwürfige Miliz heranzubilden.« In den 1990er Jahren waren rund 30 Nationalisten bei internen Auseinandersetzungen getötet worden. Dabei ging es auch um diverse Geschäftemachereien.
Seit 2017 bilden Regionalisten und Nationalisten zusammen die mit Abstand stärkste Kraft im Inselparlament. Dennoch kommt es nach wie vor zu Konflikten unter den Erben des FLNC. Im Januar wurde etwa der prominente frühere Anführer Alain Orsoni bei der Beerdigung seiner Mutter erschossen. Substantielle Autonomie wird von Paris seit einem Vierteljahrhundert versprochen und dennoch nur zögernd umgesetzt. Im Juli 2025 wurde dennoch ein entsprechender Gesetzentwurf von der Regierung vorgelegt, mit dem die französische Verfassung geändert werden soll. Ab dem 16. Juni soll der Text nun in der französischen Nationalversammlung beratschlagt werden.
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