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Beilage Nahost

Nicht ohne Gegenwehr

Die USA und Israel wollen die Region auf den zionistischen Staat ausrichten – ein Krieg folgt auf den nächsten

Foto: instagram.com/marahza91
Die Illustrationen dieser Beilage stammen von der 18jährigen Künstlerin Marah Khaled aus Gaza

Abgezeichnet hat es sich schon in den vergangenen Jahren: Die Region Naher Osten, wie sie im Deutschen verkürzt benannt wird, ist im Umbruch – mit welchen Folgen, liegt bislang noch im Vagen. Klar ist: Israel setzt, im Verbund mit den USA, ohne Unterlass alles daran, seinen Herrschaftsbereich ungeachtet des Völkerrechts oder legitimer Ansprüche seiner Nachbarn auszudehnen. Die sogenannte Weltgemeinschaft lässt der rechtesten Regierung seit Gründung des zionistischen Staates 1948 dabei freie Hand, ohne dass diese bis dato mit Konsequenzen rechnen muss. Mehr noch, erhält sie vor allem aus der Bundesrepublik gemäß Staatsräson Beifall für das tausendfache Morden von Zivilisten. Und Kanzler Merz freut sich über die Partner, die die »Drecksarbeit für uns alle« machen – selbstverständlich mit Waffen made in Germany.

Der Essayist Piotr Biegasiewicz fragt angesichts des barbarischen Abschlachtens ganzer Familien und der flächendeckenden Zerstörung ganzer Landstriche: »Wem gehört das Leiden?« Den Opfern Israels, also den Palästinensern oder den Menschen in Libanon oder Iran sicher nicht. Vor allem in Deutschland dient die Geschichte des historischen Massenmords nicht mehr dazu, die Gegenwart zu prüfen, sondern einzig zur Versicherung des moralischen Selbstbilds. Ähnliches scheint Israels Premier Benjamin Netanjahu umzutreiben, der ein Meister darin ist, sich und sein Land als existentiell bedroht darzustellen. Knut Mellenthin musste für seinen Text »Eine kleine Geschichte der iranischen Atombombe« in der Zeit ziemlich weit zurückgehen, um die erste Warnung vor der vermeintlich kurz bevorstehenden Nukleareskalation aufzufinden. Der Realität hat dies nie entsprochen.

Ebensowenig wie die irakischen Massenvernichtungswaffen Anfang des Jahrhunderts eine Entsprechung in der Realität hatten, wie Joachim Guilliard in seinem Artikel »Irak war die Ouvertüre« schreibt. Aber die von den sogenannten Neocons Ende der 90er Jahre ausgearbeiteten Pläne für die Unterwerfung des Nahen Ostens bedurften eines Totschlagarguments, ähnlich dem der iranischen Atombombe. Die Islamische Republik haben sie sich nun für ihr »Finale« aufgehoben. Aber wie schon der Zwölftagekrieg im vergangenen Jahr und die Resilienz angesichts der aktuellen Aggression gezeigt haben – »Ein in sich geschlossenes System«, wie es Iran als Antwort auf Sanktionen des Westens etabliert hat, ist nicht so leicht umzustürzen, schreibt Mawuena Martens. »Totgesagte leben länger«, konstatiert auch Wiebke Diehl in ihrer Betrachtung der gegenwärtigen Verfasstheit der sogenannten Achse des Widerstands, die sich von Palästina über Libanon und Jemen bis Iran erstreckt.

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Marah Khaled
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Und die US-amerikanisch-israelische Aggression hat unintendiert ­Brüche provoziert. Auf einmal ins ­Visier direkter Vergeltungsschläge Irans geraten, sind die Golfstaaten gezwungen, ihre Treue zum US-Imperialismus zu hinterfragen. »Riad hält sich alle Optionen offen«, schreibt Jörg Kronauer und ordnet die Gerüchte um Saudi-Arabiens Beteiligung oder Widerstand gegen Washingtons und Tel Avivs Vorgehen ein. Emre Şahin analysiert wiederum: »Ankara kann warten« und nimmt der schärfer werdenden israelischen Rhetorik gegenüber der Türkei als »neuem Iran« ein wenig den Wind aus den Segeln. An anderer Stelle werden die Beziehungen bewusst enger gezurrt – im Falle Marokkos und Israels als »Verhängnisvolles Bündnis«, wie Jörg Tiedjen schreibt. Jedoch nicht wie proklamiert, um gemeinsame jüdische Traditionen zu pflegen, sondern – wenig überraschend – aus politischem Kalkül.

Prägend für die Region ist dabei nach wie vor der Konflikt um Palästina. Mathias Dehne erlebt in der besetzten Westbank »Fußball hinter Mauern« und trifft im Rahmen seiner Arbeit beim Palästinensischen Fußballverband auf Menschen, die alle durch die gleichen Erfahrungen verbunden sind: alltägliche Gewalt, Schikane durch die Besatzungsmacht und politische Gefangenschaft. Kennzeichen des zionistischen Staates schon seit seiner Gründung, wie Helga Baumgarten in »Das Beispiel Tantura« aufzeigt. Tod, Vertreibung und Verleumdung kulminieren in der Geschichte eines palästinensischen Dorfes, auf dessen Ruinen und Massengräbern heute unbeschwert Israelis leben dürfen.

Zur Illustratorin dieser Beilage:

Mein Name ist Marah Khaled, ich bin 18 Jahre alt und komme aus Gaza.

Ich habe zu Beginn des Krieges mit dem Zeichnen angefangen, als ich keinen anderen Weg mehr fand, der Realität zu begegnen, außer durch Kunst. Das Zeichnen wurde zu meinem Rückzugsort, ein Raum, in dem ich trotz all des Drucks atmen konnte. Ich wartete sehnsüchtig auf die Nacht, um mich mit meinen Bildern hinzusetzen und alles in mir freizulassen – Angst, Hunger, Anspannung und die stillen Schreie, die niemand hört.

Kunst ist für mich nicht nur ein Hobby; sie ist eine Form des Widerstands und eine Lebensweise, an der ich festhalte, um weiterzumachen. Sie ist meine Stimme, wenn mir die Worte fehlen, und die Kraft, die es mir ermöglicht, diese harte Realität zu ertragen.

Meine Botschaft ist es, mit meiner Stimme die Welt zu erreichen und Gaza ver­lassen und reisen zu können, um den Traum zu verwirklichen, den ich seit meiner Kindheit in mir trage: in Italien Kunst studieren und meine eigene Ausstellung eröffnen, in der ich durch meine Werke meine Geschichte und die Geschichten der Menschen um mich herum erzählen kann.

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Erschienen in der Beilage vom 13.05.2026, Seite 1, Ausland

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