Selbst schon ein Mythos
Der Blick des Sohnes: Klaus Frieds Dokumentarfilm »Friendly Fire« über Erich Fried
Dokumentarfilme über die eigene Familie, die Eltern gar, geraten selten gut. Es gibt Ausnahmen, wie Andreas Goldsteins Portrait seines Vaters, Klaus Gysi. Häufiger aber ist das Scheitern, zumal wenn familiäre Verletzungen im Spiel sind, die der Film aufarbeiten soll. In »Friendly Fire« ist es Klaus Fried, der seinen Vater, den Dichter Erich Fried, zu verstehen versucht. Dabei kommen auch zahlreiche Angehörige der umfangreich verzweigten Familie zu Wort. War es ein Nachteil, Kind einer Berühmtheit zu sein? Einer Berühmtheit zumal, die ein offenes Haus führte, in dem andere Berühmtheiten ebenso ein und aus gingen wie Angehörige der RAF? Anregungen gab es viele, aber die Aufmerksamkeit des Vaters war ein rares Gut.
Der filmische Weg beginnt am Grabstein Frieds. Es folgt die klassische biographische Rückblende, einigermaßen chronologisch: Kindheit in einem Wiener jüdischen Elternhaus, Naziterror, Flucht nach London. Die ersten Jahrzehnte in England scheinen randvoll mit familiären Problemen, etwa einer von Feindseligkeit geprägten Ehe. Dann aber gibt es Krieg in Vietnam, und plötzlich ist der Lyriker Fried eine politische Autorität. Als Jude ist er mit seiner scharfen Kritik an der zionistischen Politik glaubwürdig, das Gedicht »Höre, Israel« fehlt nicht. In den 1980er Jahren steht er an der Seite der deutschen Friedensbewegung und klagt die Hochrüstung in West wie Ost an – ein Freund des sozialistischen Lagers war er nicht. Sein Ideal war der Ausgleich, die Verständigung von Mensch zu Mensch, was den auf den ersten Blick irritierenden Briefwechsel mit dem inhaftierten Neonazi Michael Kühnen erklärt. Da scheint etwas wie väterliche Freundschaft auf, und natürlich hat das nichts genützt: Nach seiner Freilassung hetzte Kühnen wie eh und je.
Solch ein grobes Gerüst wird im Film zwar vermittelt, doch fehlt vieles. Über die Ästhetik Frieds erfährt man nichts und auch nichts über seine Stellung im Literaturbetrieb, ohne oder gar gegen den Erfolg bei Lebzeiten nur schwer zu haben ist. Dafür sieht man oft Klaus Fried, etwa wie er durch London fährt, Exil- und Wohnort Frieds; wie er am Berliner Hauptbahnhof ankommt, auf einer Stele des Holocaustmahnmals hockt oder über den Teufelsberg auf die Stadt schaut. Zeitzeugen erzählen irgendwas, aber nicht unbedingt das Wichtigste. Bei Erich Frieds DDR-Lektorin sehen wir die Liege, auf der er nächtigte, und hören von einem fatalen Griff zur falschen Flasche im Badezimmer, nach dem er mit rotgefärbten Haaren zu einem öffentlichen Termin musste. Über seine Haltung zum sozialistischen Staat erfahren wir nichts.
Während solche Gespräche, vor allem die mit Familienangehörigen, sehr ruhig geschnitten sind, erscheinen historische Filmdokumente oft hektisch. Wenn dazu Fried-Gedichte eingesprochen werden, fällt es schwer, über die Inhaltsebene hinaus eine mögliche ästhetische Qualität wahrzunehmen. Der Literatur vermag diese Dokumentation sich also nicht anzunähern – aber der Person? In einer der klügsten Passagen fragt sich ein Verwandter, ob nicht all die Geschichten, die zu Erich Fried erinnert werden, selbst schon Mythos sind, durch häufiges Erzählen geformt und verhärtet. Manchmal liegt zwar der Gedanke nahe, dass das feindselige Verhältnis Erich Frieds zu seinem Vater, der den Nazis zum Opfer fiel, traumatisch war. Zum Glück wird das aber nicht zur Gewissheit verdichtet; Künstler, mit denen zusammenzuleben nicht immer einfach ist, gibt es auch ohne solche Erfahrungen genug. Erich Fried entzieht sich solchem Zugriff, und so bleibt nach 109 Minuten die Frage, was man über ihn erfahren hat.
→ »Friendly Fire«, Regie: Klaus Fried, BRD/Österreich 2025, 109 Min., Kinostart: Donnerstag
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