Zum Inhalt der Seite
Jazz

Fanfaren der Einigkeit

»Paramount Quartet« – das magische neue Album des Saxophonisten Joe Lovano

Foto: Joe Miller/Gonzales Photo/imago
Der Chef im Planschbecken: Joe Lovano

Der Titel »Saxophone Colossus« gebührt auf immer und ewig dem gerade erst mit 95 Jahren verstorbenen Sonny Rollins. Zur Riege der Giganten auf dem Tenorsaxophon zählt aber auch Joe Lovano schon lange. Doch kaum je hat man den feinen Herrn aus Cleveland, Ohio, so unwiderstehlich und zugleich subtil erlebt wie auf seinem neuen Album »Paramount Quartet«.

Um das Fundament mit Bass und Schlagzeug kümmern sich zwei würdevolle Wettermacher: Jederzeit können Blitz und Donner, Hagel und Stark­regen losbrechen, wenn Asante Santi Debriano und Will Calhoun sich von Lovanos melodischen Attacken in Rage bringen lassen. Dann wieder dösen sie massig und träge am sicheren Ufer und hören dem Chef und seinem Gitarristen Julian Lage beim Vollführen ihrer Kunststücke im Planschbecken zu. Und staunen, wie die beiden einander unablässig umgarnen, statt sich gegenseitig mit Virtuosität überbieten zu wollen. So ähnlich hat Lovano das zuvor schon über Jahre mit Bill Frisell bzw. John Scofield praktiziert, die er aus dem gemeinsamen Studium am Berklee College of Music in Boston kannte. Doch dieser Julian Lage schüttelt hier eine so freche Kongenialität aus dem Ärmel, dass einem der Mund offen bleibt. Ganz selbstverständlich bietet er dem Leader Paroli, spielt waghalsig und besonnen zugleich, grätscht auch mal rockig dazwischen – und natürlich nimmt Lovano jeden dieser Impulse dankbar auf.

Drei Viertel der Paramount-Quartet-Besetzung gehen auf ein 2023er-Benefizkonzert für puertoricanische Hurricaneopfer zurück. Danach erst stieß der wesentlich jüngere Julian Lage als weiterer Solist dazu; aber er hatte bereits als Teenager für Lovano geschwärmt und war ihm erstmals in den frühen 90ern vorgestellt worden, als der Saxophonist noch in der Band von McCoy Tyner spielte. Wie die meisten großen Jazzer machte Lovano in New York seinen weiteren Weg, verdiente sich bei den Organisten Lonnie Smith und Jack McDuff und in den Big Bands von Woody Herman und Mel Lewis die Sporen ab, bevor er bald bei Paul Motian und danach bei Scofield als gefragter Solist reüssierte. Dass Lovano auch den puren Spaß an der Freude auf die Spitze treiben kann, hat er im Lauf der Jahrzehnte zur Genüge bewiesen. 1994 lieferte er sich auf der mit einem Grammy bedachten Platte »Tenor Legacy« ausgiebige Battles mit Joshua Redman, einer anderen Tenorsax-Koryphäe. Im entsprechenden Kontext kann er tatsächlich jederzeit in die Rollen und Tonfälle der großen Altvorderen wechseln, weiß sich aber auch auf ganz anderem stilistischen Terrain zu bewähren – wie bei dem Album »Flying Colors«, das er 1998 mit dem kubanischen Pianisten Gonzalo Rubalcaba aufnahm.

Anzeige

Lovano destilliert in seinen Soli nicht nur das Erbe der stilbildenden Jazzsaxophonisten, sondern ist auch zu jeder erdenklichen neuen Nuance auf seinem Instrument fähig, die sich im passenden Moment aufdrängt – ausdenken muss sich dieser Maestro rein gar nichts. So entwickeln sich die Ausgestaltungen seiner subtilen Themen ohne jede Hast. Und Gefahr, dass die Fäden der teils turbulenten Erzählungen mal verlorengehen könnten, besteht dank Santi Debriano und Calhoun nie. Der Drummer, in der Band Living Colour sonst durchaus als Hardrock-Haudegen aktiv, spielt hier ganz im Geist der großen Meister Tony Williams und Elvin Jones. Und der Bassist hat unter anderem bei Archie Shepp, Sam Rivers und David Murray gelernt, wie man wirkungsvollen Stoizismus übt.

Bis auf das Eröffnungsstück »First Song« von Charlie Haden und Wayne Shorters Billie-Holiday-Hommage »Lady Day« stehen lauter Eigenkompositionen von Lovano auf dem Programm: »Amsterdam« evoziert ein intensives zweistimmiges Thema, im kammermusikalischen »The Call« und in der ansteckenden »Fanfare for ­Unity« wechselt Lovano, wenn erforderlich, auch mal zum Sopransax oder zum klarinettenartigen Tarogato. »The Great Outdoors« ist ein strammer Ritt durch die freie Prärie, und im Finale bringt das Quartett mit »Congregation« einen grandiosen Blues ins Ziel. Dieses Album zeigt Joe Lovano, bei allem Traditionsbewusstsein im Sound, als Modernisten, der hungrig neuen musikalischen Fragen und Antworten nachjagt und mit dem Paramount Quartet reiche Beute macht.

Vom Prozess, wie die vier Musiker ihre Ideen, Vorschläge und ­Forderungen miteinander verschränken und dann gemeinsam zuspitzen, geht ein verlockender Zauber aus. Lovano selbst kann das nur bestätigen: »Es gibt eine Menge Magie, die sich um uns entfaltet, wenn wir spielen.«

→ Joe Lovano: »Paramount Quartet« (ECM)

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 15.06.2026, Seite 11, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!