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Aus: Ausgabe vom 10.04.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Wir konnten nicht anders, weil …

Annäherung an einen fremden Vater: »Der Funktionär«, ein Essayfilm über Klaus Gysi
Von Kai Köhler
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»Die Maske war sein Job« (Klaus Gysi und Andreas Goldstein)

Die Schlüsselszene wird mehrfach erzählt: Wie Klaus Gysi (1912–1999) in der Spätphase der Weimarer Republik hinter dem Fenster der elterlichen Wohnung in Berlin eine Arbeiterdemonstration beobachtete. Plötzlich trat die sozialdemokratisch kontrollierte Polizei auf, schoss in die Menge – ein Toter blieb auf dem Platz. Alles sei besser als das, erkannte der Beobachter, trat in den kommunistischen Jugendverband ein, bald auch in die Partei. Während des Faschismus ins Exil geflohen, ging er auf Parteibeschluss 1940 nach Deutschland zurück und überlebte in der Illegalität. Nach dem Krieg übernahm er in der DDR verschiedene Aufgaben. 1957 bis 1966 leitete er den Aufbau-Verlag und war danach bis 1973 Kulturminister. Als Ulbricht-Mann wurde er unter Honecker zunächst auf verschiedene Botschafterposten abgeschoben. Von 1979 an bemühte er sich als Staatssekretär für Kirchenfragen um die Stabilisierung der DDR, während Stagnation und Verfall immer deutlicher wurden. Ein Jahr vor der Maueröffnung ging er 76jährig in den Ruhestand.

Sein Sohn Andreas Goldstein skizziert in dem Film »Der Funktionär« weniger dieses Leben als seine Beziehung zu dem Vater und gerade dadurch ein Bild von Geschichte. Es handelt sich kaum um einen Dokumentarfilm. Historische Aufnahmen sind sparsam verwendet, Zeitzeugen fehlen ganz. Über weite Strecken sieht man Goldsteins alte Fotos, die Zimmer, Landschaften, Straßen zeigen – oft verwackelt, manchmal vergilbt. Oder die starre Kamera fängt Straßenszenen ein, die scheinbar ohne Bezug zu Gysis Leben sind; anhand von Autotypen, Straßenwerbung und Farbgebung versucht der Zuschauer zu erschließen, ob sie vor oder nach dem Anschluss der DDR entstanden sind. Dazu hört man einen Sprecher, der aus einer Ich-Perspektive berichtet. Der Text wirkt erst einmal einfach, die Sätze sind extrem kurz. Das aber ist das Ergebnis von Verdichtung. Begebenheiten werden rekapituliert, Gedanken über die Geschichte des Sozialismus und Geschichte überhaupt sehr prägnant formuliert. Das Aphoristische birgt Erkenntnis, man würde es zuweilen gern nachlesen. Die literarische Qualität geht an die Grenze dessen, was in einem Essayfilm möglich ist.

Goldstein war noch ein Kleinkind, als der Vater Minister wurde und aufgrund zahlreicher Termine nur selten zu Hause war; er war neun Jahre alt, als sich Gysi von seiner Mutter trennte und Botschafter in Rom wurde. Eine enge Beziehung konnte so nicht entstehen. Immerhin erinnert sich der Regisseur an prägnante Gespräche mit einem Mann, der viel erlebt hat. Dabei bleibt freilich etwas Maskenhaftes. »Der Funktionär« ist auch der Versuch einer Annäherung, die scheitert.

Klaus Gysi erscheint vor allem als Mann, der durchs Reden lebte. Sein Sohn beobachtet einen Verfall: In frühen Aufnahmen aus den 50er Jahren, als es gegen Faschisten in der Bundesrepublik ging, finden sich klare Aussagen. Je länger Gysi Minister war, desto phrasenhafter wurden seine Angaben zur Entwicklung des sozialistischen Menschen mittels Kultur. In einem Fernsehgespräch mit Günter Gaus nach 1989 findet Goldstein dann nur noch moralisierendes Ausweichen. Die Berliner Urszene, die Gysi im Gespräch mit Gaus ein weiteres Mal erzählt, scheint nur noch dazu zu dienen, eine politische Analyse zu verhindern.

Vielleicht muss eine biographische Annäherung an solchen Punkten scheitern. Goldstein kann Fernsehauftritte unter dem Gesichtspunkt der Rhetorik analysieren. Erhellend ist, wie er drei Diskussionsrunden kommentiert, an denen der Kulturminister Gysi im DDR-Fernsehen teilnahm. In der frühesten tauscht er noch mit einem Betriebsleiter Argumente aus, was an Kultur für welche Beschäftigten zugänglich ist. In der zweiten trägt er vor, und die anderen haben zu warten, bis er fertig ist. In der letzten ist Ulbricht schon gestürzt, Honeckers Parteileute sitzen mit im Studio, und der Minister spricht aus einer Position der Schwäche.

All das stimmt, aber so kann man keinen Politiker als Menschen verstehen. Der Film stellt die Frage nach dem Verhältnis von Privatem und Öffentlichem. Der Sohn kommentiert Fernsehauftritte des Vaters, den er verstehen will. Doch argumentiert ein Politiker stets unter Zwängen, die Maske ist sein Job. Das gilt umso mehr nach der Niederlage. Wahrscheinlich antwortete Klaus Gysi, von Gaus im Westfernsehen nach seinen Empfindungen befragt, immer noch als Funktionär. Er brachte das, was die Zuschauer gerade noch akzeptieren konnten: Seine moralische Empörung angesichts des Weimarer Mordes. Die unpolitische Erklärung war eine politische Handlung, und der Mensch verschwand hinter der Politik.

Klug an Goldsteins Film ist freilich, dass er auch dies befragt. Die Ebene des Geschichtlichen ist stets vorhanden. Damit verbunden ist die Frage nach Subjekt und Objekt in der Geschichte. Die Kommunisten hatten versucht, als Subjekte Geschichte zu machen und die Gattung Mensch auf eine neue Höhe zu bringen. Der Aufbruch mündete in einen Pragmatismus, der im Detail stets wohlbegründet war: Wir können nichts anderes tun, weil … Die Subjekte der Geschichte begriffen sich immer mehr als Objekte, bis sie so umfassend wie möglich verloren. Klaus Gysi formulierte das offen gegenüber Gaus: Die Strategie, das Schlimmere zu vermeiden, sei gescheitert, denn das Schlimmste sei eingetreten.

Sein Sohn blickt skeptisch auf den Vater. In einem weiß er sich mit ihm einig, und das macht die Auseinandersetzung produktiv: Es geht darum, Geschichte als Verlauf zu retten. Die Stagnation der Honecker-Zeit erscheint deshalb als ebenso negativ wie das Geschwätz vom angeblichen Ende der Geschichte nach dem Sieg des Westens. Goldsteins Film ist außerordentlich ruhig und alles andere als agitatorisch. Dabei stellt er dringlich die Frage, wie man wieder zum Subjekt der Geschichte werden kann.

»Der Funktionär«, Regie: Andreas Goldstein, BRD 2019, 72 min, Kinostart: morgen

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