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04.05.2026
- → Feuilleton
Kleine Kanone
Albert Lortzings Oper »Regina« an der Oper Leipzig
Am Anfang der von Albert Lortzing im Revolutionsjahr 1848 komponierten Oper »Regina« droht der Umsturz. Erstmals in der Geschichte des deutschen Musiktheaters kommt ein Arbeiterchor auf die Opernbühne. Die Werktätigen rebellieren, und zwar gegen die Zumutung, ihren von einer Reise zurückkehrenden Fabrikherren mit einem feierlichen Aufmarsch willkommen zu heißen. Sehr schnell wird es grundsätzlich. Der Vorarbeiter und Sozialaufsteiger Richard hält zwar den Protestlern entgegen, der Fabrikherr Simon habe ihnen jahrelang Lohn und Brot gegeben. Ja, schallt es aber chorisch zurück: Der Lohn sei für die Arbeit gezahlt worden. Und bald steht auch die Forderung im Raum, zu den Waffen zu greifen.
So arg kommt es dann doch nicht. Richard ruft ins Gedächtnis zurück, was denn Simon für sie getan hatte, als sie in Not geraten waren. Offensichtlich haben wir es in dieser Oper mit einem fürsorglichen Patriarchen zu tun. Gemurmel, das Kollektiv zerfällt, zuletzt singen die Arbeiter im Chor, dass sie bereuen, und bitten um Verzeihung.
Allein aber, dass die Möglichkeit einer Revolution für einen Moment in den Blick gerät, hat die Aufführung des Werks lange verzögert. Erst 1899 (Lortzing war beinahe schon ein halbes Jahrhundert lang tot) und mit vaterländisch verändertem Text wurde »Regina« uraufgeführt. Dabei geht es auf der Handlungsebene so weiter, wie Kapitalisten es sich nur wünschen können. Simon ist ein empfindsamer Vater und ermuntert seine Tochter Regina, den für tauglich befundenen geliebten Richard zu heiraten, obwohl der keinen Besitz in die Ehe einbringt. Aber auch der rebellische Arbeiter Stephan ist in Regina vernarrt. Als eine Heirat unmöglich erscheint, schließt er sich einer Bande von Aufrührern an, die ihm helfen, Regina zu entführen. Es geht hin und her, zuletzt ist Stephan mit seiner Geisel in einem Pulverturm umzingelt und will sich mit ihr in die Luft sprengen, doch Regina erschießt ihn, und die Ordnung ist gesichert.
Mit dieser Frontstellung kennzeichnet auch die Oper die bürgerliche Entscheidung von 1848/49, lieber die Revolution zu verlieren, als sich mit dem Pöbel einzulassen. Eine moralisierende, doch bei Linken beliebte Geschichtsauffassung sieht darin einen Verrat an den Idealen und keine bis heute ziemlich erfolgreiche Orientierung an den Geschäftsinteressen. Musikalisch hört man aber bei Lortzing Gegenläufiges. Die interessanteste Musik hat Stephan – nicht nur, weil Schurken leichter wirksam zu gestalten sind, sondern weil er tatsächlich verzweifelt liebt und darum zum Entführer wird. Mathias Hausmann dominiert in dieser Paraderolle kraftvoll die Bühne. Andreas Hermanns Richard hat es dagegen schwer, denn Lortzing zeigt ihn zumeist als zögerlich. Regina ist es, die die Heiratserlaubnis von ihrem Vater einfordern will – der Möchtegernverlobte würde die Entscheidung lieber vermeiden. Als er, ziemlich spät, zum Kampf gegen die Entführer aufruft, gibt ihm Lortzing nur recht farblose, konventionelle Töne.
Überhaupt ist »Regina« musikalisch wie dramaturgisch ein Wechselbalg. Ernste, gar dramatisch zugespitzte Passagen wechseln ab mit komödiantisch leichten, für die Lortzing – insbesondere der von »Zar und Zimmermann« – musikhistorisch erinnert wird. Im zweiten Akt wird Regina beinahe befreit, weil ihre Unterstützer Stephans Bande mit vergiftetem Bier in den Schlummer versetzen – ein brillanter Einschlafchor mit lustigen Effekten. Man kann solche Einsprengsel als inkonsequent schelten oder als bühnenwirksam loben, jedenfalls kommt keine Langeweile auf. Das Gewandhausorchester unter Constantin Trinks holt das Maximum aus der Partitur heraus und macht all diese Schattierungen hörbar – die Premiere am 25. April war ein Höhepunkt von »Lortzing 26«, dem Festival, mit dem die Oper Leipzig den Komponisten vom 24. April bis zum 3. Mai gefeiert hat.
Die Rede war von Gegenläufigem, und dazu gehört die Titelfigur. Auf der Opernbühne sterben Frauen zahlreich, seltener töten sie, und noch seltener überleben sie dies unbestraft. In diesem Werk singen viele Figuren gegen Krieg und Gewalt, aber zuletzt muss Regina schießen, um leben zu können. Jacquelyn Wagner verdeutlicht die Stärke dieser Figur, die ihren männlichen Verehrern überlegen ist, auf ruhige Art, stimmlich stark und szenisch präsent.
Und die Regie von Bernd Mottl? Man befürchtet anfangs eine schlimme Aktualisierung, wenn die Arbeiter auf Schrifttafeln »Umfairteilen« fordern. Doch stellt sich dies als klug heraus, denn der Protest ist bei Lortzing nur moralisch motiviert und lässt sich darum auch leicht durch Moral abbiegen. Bei Mottl ist Simon Waffenfabrikant. In seinem Büro steht dementsprechend eine kleine Kanone, und wenn der Chor sozialpartnerschaftlich von der wiedergewonnenen Einigkeit singt, stellt er sich hinter dieser auf. Auch wenn später Simon den Frieden lobt, legt er die Hand auf deren Rohr.
Am Ende steht, wie es sich für eine Befreiungsoper gehört, ein Jubelchor. Die bürgerlichen Sieger über Stephans Bande sind in Kampfkluft uniformiert und singen von Freiheit und vom Tod fürs Vaterland. Dazu wird mit zwei schwarz-rot-goldenen Fahnen gewedelt. Hat die Rettungsaktion für Regina eine Kriegsgemeinschaft hervorgebracht? Zu den triumphalen Schlusstakten aber zerbricht die Gruppe, eine Rauferei beginnt. Skepsis, weil Gewalt – einmal angewendet – sich nicht mehr einhegen lässt? Oder Hoffnungszeichen, dass die nationale Kriegsgemeinschaft brüchig ist?
→ Nächste Vorstellungen: 13.5., 17.5., 12.6.
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