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12.05.2026
- → Feuilleton
Es tröstet nur das Pflanzenhologramm
Die chinesischen Freunde hätten einen Vorschlag: Enno Stahls Science-Fiction-Roman »Menschmaschinen«
Die interessantesten Romane über die Gegenwart sind oft jene, deren Handlung in der Zukunft angesiedelt ist. Die Bezeichnung Science-Fiction führt meist in die Irre: Es ist ja kaum je diese oder jene wissenschaftlich-technische Neuerung, auf die es ankommt. Im Mittelpunkt steht das Verhalten der Figuren unter gesellschaftlichen Umständen, die oberflächlich betrachtet neu sind, tatsächlich aber Hoffnungen und Befürchtungen von heute zeigen.
Enno Stahls »Menschmaschinen« führt in eine ziemlich nahe Zukunft, genauer gesagt ins Jahr 2053. Die Welt ist in zwei große Machtblöcke aufgeteilt. Der eine, von der Truss-Dynastie beherrscht, hat die USA zum Zentrum. Der eurasische Block steht unter Kontrolle Chinas. Zwar gibt es die EU als formal eigenständigen Staat, aber wenn der chinesische Kontinentalbeauftragte höflichst die Wünsche seiner Regierung übermittelt, kommt man denen nach.
Im Inneren hat die Europäisch-Konservative Volkspartei, ein Zusammenschluss rechtspopulistischer Parteien, ihre Herrschaft abgesichert. Opposition gibt es kaum mehr, ab und zu erledigt ein Sonderkommando der Polizei »Terroristen«. Die Rechten an der Macht sind an Kulturkämpfen nicht mehr interessiert. Der Zusammenschluss islamischer Gruppen ist an der Regierung beteiligt, und brav divers schreibt man von »Abgeordnet:innenx«. Leider haben alle Geschlechter gleich wenig mitzureden.
Worauf es ankommt, ist die Ökonomie. Störende Obdachlose werden mit Magnetimpulsen bewusstlosgeschossen, mit Gabelstaplern auf eine Ladefläche gekippt und – wenn sie Glück haben – weit draußen vor der Stadt laufen gelassen. Die Grundsicherung, die Menschen ausgezahlt wird, ist niedrig und reicht kaum für die Miete. Dabei sind viele auf dieses Minimum angewiesen, denn der größere Teil der Arbeit wird von Robotern und für spezielle Aufgaben hergestellten Klonen erledigt. Letztere sind entsprechend unbeliebt, und ihr Menschenstatus wird bestritten.
Dies ist die Ausgangslage, und eine Stärke des Romans besteht darin, dass Auswirkungen im gesellschaftlichen Detail erst nach und nach klarwerden. Einer der beiden Handlungsstränge hat zur Hauptfigur den Detektiv Berlinguer, der beauftragt wird, ein verschwundenes Klonbaby zu finden. Das erlaubt Stahl nicht nur, Elemente des Thriller-Genres geschickt und spannungssteigernd einzubauen; auch muss Berlinguer überlegen, wie er vorgeht, womit die vorherrschenden Umstände zwanglos geschildert werden können.
Der andere Handlungsstrang hat Marcos zur Hauptfigur, einen jungen Mann, der sich am Kölner Hauptbahnhof, nahe beim Huawei-Dom, mit teilweise gelöschtem Gedächtnis wiederfindet und der rekonstruieren muss, wer er ist und in welcher Umgebung. Seine Erforschung der Lebenswelt wird die des Lesers. Und man verrät nicht zuviel, wenn man verrät, dass Marcos spät herausfindet, dass er Objekt eines sozialdarwinistischen Experiments auf Grundlage der Genetik ist.
Zentrales Thema des Romans ist das Verhältnis von Gesellschaft, Technik und Natur; sein Titel deutet das an. In 26 Jahren ist der Klimawandel unumkehrbar, man schwitzt im November bei 30 Grad. Über der Rhein-Ruhr-Metropole hängt stets eine dichte Abgaswolke – die grüne Revolution ist ausgeblieben, auch die Energie für all die Elektronik muss erzeugt werden. Nur Pflanzenhologramme schaffen ein wenig Trost. Am Ende stellt sich die Frage, ob sich in den westfälischen Waldresten jenseits der Metropole ein Ausweg oder mindestens ein Überlebenswinkel findet.
Auch dieses Buch hat Schwächen. Will Marcos, der Verfolgung fürchtet, untertauchen, schaltet er sein Integrated Circuit ab, die implantierte Konsole, die ihn mit dem »Allnetz« verbindet. Hier ist Stahls Zukunft harmloser als die Gegenwart, in der die Erfassung biometrischer Merkmale in Verbindung mit Kameras bereits die technische Grundlage zu einer möglichen Überwachung bereitstellt, der man sich nicht mehr wird entziehen können; die gesetzlichen Grundlagen dafür werden in Deutschland dieser Tage gelegt. Vor allem fragt Stahl nicht nach einem qualitativen Unterschied zwischen dem chinesischen und dem US-amerikanischen Modell. Dabei ist derzeit ökologisches Bewusstsein in der chinesischen Führung sicherlich besser verankert als in der Trump-Administration. In China wird zudem, nach Maßgabe des allmählich Möglichen, der Sozialstaat ausgebaut, statt wie im Westen zerschlagen.
Dies beiseite, ist »Menschmaschinen« ein detailfreudiges, gut gebautes Buch voller gesellschaftlich wichtiger Einsichten: illusionsarm, ziemlich konsequent und eine Warnung für die Gegenwart.
Enno Stahl: Menschmaschinen. Parasitenpresse, Köln 2026, 220 Seiten, 18 Euro
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