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Aus: Ausgabe vom 10.05.2021, Seite 11 / Feuilleton
Erich Fried 100

Ein offenes Haus

Mitfühlender Radikalismus: Das war die Erich-Fried-Gala von junge Welt und Melodie & Rhythmus
Von Peter Merg
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Der Sound der Menschenliebe: Chris Jarrett ehrt Fried

Sein linker Daumen zittert. Erich Fried stützt sich aufs Pult. Das, was ihm die Frau aus dem Publikum entgegenschleudert, macht etwas mit ihm. Er steht auf der Bühne eines Kongresses der westdeutschen Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft, schwarzes T-Shirt, legere Hose, und hat gerade bekannt, dass er sich freuen würde, wenn Margaret Thatcher stürbe. Die Zuhörerin ist entsetzt. Wie kann jemand wie Fried, mit dessen moralischem Anspruch und Gestus, etwas derartiges sagen – wie kann er einem Menschen den Tod wünschen? Fried lässt die Frau aussprechen, seufzt und beginnt in seinem markanten Bariton, sich zu rechtfertigen. Spricht von den sozialen Verheerungen des Neoliberalismus im Vereinigten Königreich, die er in seinem Londoner Exil aus nächster Nähe kennt, den toten Armen aufgrund des zerstörten Gesundheitssystems, welche die britische Premierministerin verantwortet: »Frau Thatcher ist ein Unglück für die Menschen in Großbritannien.« Und bekennt sich schließlich mit einem Vers von Conrad Ferdinand Meyer, ein »Mensch mit seinem Widerspruch« zu sein. Er könne den Tod eines Menschen nicht wollen, sich aber in der Tiefe seiner Psyche dennoch wünschen. Seine Stimme zittert nicht. Die Gewerkschafterin kehrt ihm da schon den Rücken zu, sie verlässt empört den Saal.

Streitbarer Sozialist

Die Szene aus Roland Steiners Porträt »Die ganze Welt soll bleiben«, das er 1988, kurz vor Frieds Krebstod, für die Defa gedreht hatte, verdeutlicht, mit welchem Langmut, aber auch mit welcher Entschlossenheit in der Sache der streitbare Sozialist Fried für seine Überzeugungen warb. Beide sind im Laufe der achtstündigen Filmschau und Gala »Rettung der Welt vor der Wirklichkeit« am Sonnabend immer wieder Thema. Die Onlineveranstaltung der marxistischen Tageszeitung junge Welt und des Magazins für Gegenkultur Melodie & Rhythmus soll anlässlich des 100. Geburtstages des Dichters den gerne vergessenen, gerne verdeckten Fried in Erinnerung rufen, wie M & R-Chefredakteurin Susann Witt-Stahl eingangs betont. Den engagierten Linken, der die bundesdeutsche Staatsraison wann immer er konnte aufmischte, den scheinbaren Verfassungsfeind, von dem man nur zu gerne wüsste, was er zur Verfolgung eines unabhängigen linken Mediums wie junge Welt durch die Bundesregierung und ihren Inlandsgeheimdienst zu sagen hätte. Über 1.000 Menschen erreicht der Stream im Laufe des Tages.

Auch er habe Fried für seinen Ausspruch scharf kritisiert, sagt Portraitfilmer Steiner im Gespräch, was aber nichts an dessen Herzlichkeit, ja Zärtlichkeit im Umgang mit dem anderen geändert habe. Auch sie zieht sich als wiederkehrendes Motiv durch den Abend. »Er war menschensüchtig«, erklärt Claudia Hahm, eine persönliche Freundin Frieds, später im Gespräch mit Witt-Stahl. Er habe auch scharfe Kritik nicht persönlich genommen, sondern immer den Austausch mit dem Andersdenkenden gesucht. Damit beglaubigte er seinen Humanismus, der ihn gegen die bundesdeutsche »Wiederschlechtmachung« – Rolf Becker rezitiert das passende Gedicht im Rahmen der Gala –, aber auch gegen neues Unrecht in Vietnam und Palästina so energisch protestieren ließ. »Er schuf die Verbindung zwischen den Verbrechen des Faschismus und denen in Vietnam«, erläutert ein britischer Zeitungskorrespondent im Film »Exiles: Erich Fried, Austrian Poet« (1988, BBC). So wurde der jüdische Exilant aus Wien, der enttäuschte Kommunist, zum »Dichter der APO«. Seine Geschwister und er hätten den Vater mit einer ganzen Generation von Westdeutschen teilen müssen, sagt der Sohn Klaus Fried in einer Liveübertragung, ohne jede Bitternis.

Erich Fried wurde zum Lehrer einer Jugend, die die Welt menschlicher gestalten wollte – sein Haus stand allen offen. Er beherbergte RAF-Leute und Black Panther, ohne mit ihnen in der Wahl ihrer Mittel einer Meinung zu sein. Dass dieser »mitfühlende Radikalismus« ihm gefährliche Gegner machte, schreckte ihn nicht. Der britische Geheimdienst hörte sein Telefon ab, der Mossad verfolgte ihn aufgrund seines entschiedenen Antizionismus. In dem BBC-Film sieht man zu den Zeilen von »Höre, Israel!« gefangene arabische Soldaten mit erhobenen Händen und nackten Füßen durch den heißen Wüstensand laufen. Fried habe sich früh gegen die heute häufige Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus verwahrt und damit große Weitsicht bewiesen, betonen der Mathematiker Moshé Machover und Rolf Becker unisono, beide Weggefährten des Dichters.

Gegen Entfremdung

Es ist ein Glücksfall, dass für diese Veranstaltung die Dokumentarfilmer Steiner (DDR), Gerhard Lampe (BRD) sowie Jill Evans und Martin Rosenbaum (Großbritannien) gewonnen werden konnten, erlaubt ihr Material es dem Zuschauer, Fried persönlich zu erleben. So sieht man den von der Krankheit gebeugten, aber dennoch vitalen Fried in seinem Reihenhaus aus rotem Backstein in North London in seinem mit Büchern und Papieren übervollen Arbeitszimmer an der Hermes-Schreibmaschine schrauben, deren Wagen wegen einer gerissenen Feder von einem Gewicht gezogen wird. Die angehäuften Gegenstände künden vom Trauma der Flucht, erläutert er selbst, sie sollen Halt geben. In einer Ecke ein Federschmuck eines Indianerhäuptlings. Darunter verbirgt sich die Urne mit der Asche der Mutter. Er habe sich von Hitler nicht die Sprache rauben lassen wollen, sagt er. Statt dessen wurde sie ihm zur Waffe im Kampf gegen die Entfremdung.

Frieds Klarheit und politische Zärtlichkeit ehren auch die musikalischen Darbietungen. Es ist 22.20 Uhr, als Barbara Thalheim und ihre Band die Bühne betreten, noch immer schauen über 300 Menschen den Stream. Eine verhalten gezupfte Gitarre, ein Besen streicht die Trommel. Die Grand Dame der Liedermacherkunst gibt dazu – mal beschwingt, mal sanft-verzögernd – eigenes (»Die Bäume«, »Die Leiden«) und natürlich Fried: »SPDchen und CDUchen / schlossen ein Wettchen: / Wer kann das Staatchen besser / vor linken Feindchen errettchen?« Wie gemacht für den Bundestagswahlkampf 2021. Chris Jarrett lässt dagegen sein Klavier sprechen. Vor dem virtuosen Spiel kapituliert die Bildübertragung, aber der Sound bleibt exzellent. Frieds Entschlossenheit und Herzlichkeit, seine Menschenliebe – all das transportiert die Musik. Wie bei jedem guten Konzert kommen die Hits zum Schluss. Wenn Konstantin Wecker zugeschaltet aus München »Es ist, was es ist« vorträgt, mag man am liebsten wen umarmen.

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  • Leserbrief von Martin M. (10. Mai 2021 um 12:45 Uhr)
    Erst mal vielen Dank für diese tolle Veranstaltung! Wegen Corona konnte ich, da nicht in Berlin lebend, daran teilnehmen. Klar für Euch mit vielen Herausforderungen verbunden, da nicht vor Ort im Kino Babylon. Wie bereits bei der RLK ermutige ich Euch, künftig Veranstaltungen gleichzeitig auch online durchzuführen, selbst wenn diese wieder real mit Besuchern durchgeführt werden können. Mir ist klar, dass diese Art von Veranstaltung zeitlich begrenzt ist. Dennoch bedaure ich, dass die sehr dynamischen und aufschlussreichen Gespräche mit Susanne Schüssler, Josef Haslinger und Gerhard Lampe nicht vertieft werden konnten. Eventuell könnte eine weitere Gesprächsrunde – Rolf Becker dazunehmend – durchgeführt werden. Dennoch, der generelle Zeitdruck, egal ob bei Gesprächen oder Musik, war etwas nervend. Für gewisse Personen könnte die Veranstaltung zu lang gewesen sein, das heißt eine längere Pause wäre vielleicht angebracht. Obwohl es sich um eine Liveveranstaltung handelte, solltet Ihr Euch überlegen, für sie eine Gebühr zu erheben. Die Veranstaltung lief über Vimeo, dies ermöglicht einen Zugang mit Passwort, nachdem interessierte Personen einen Betrag überwiesen und dafür eine limitierte Zugangsberechtigung erhalten haben. Freilich hört sich das kapitalistisch an, aber es ermöglicht Euch auch, die Kosten zu decken.

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