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16.05.2026
- → Feuilleton
Eine Geschichte der Gewalt
Annemarie Jacirs Spielfilm »Palästina 36« über den antikolonialen arabischen Aufstand von 1936
Zur Vorgeschichte des heutigen Palästina-Konflikts gehört die Zeit zwischen den Weltkriegen. Großbritannien war »Mandatsmacht« – »Mandatsgebiete« des Völkerbunds waren ehemalige Besitzungen des deutschen und osmanischen Reiches, die offiziell auf ihre Selbständigkeit vorbereitet werden sollten. In vielen Fällen wurden sie aber real als Kolonien behandelt. Im Fall Palästinas war zudem umstritten, wer das Gebiet künftig beherrschen würde. Die einheimische, mehrheitlich arabische Bevölkerung sah sich mit einer zionistisch organisierten Zuwanderung konfrontiert, die zum Ziel die Gründung eines jüdischen Staates hatte.
Die britische Mandatsherrschaft unterstützte zeitweise jüdische Siedler und zwang über hohe Steuern arabische Bauern zum Landverkauf. Auf einen arabischen Generalstreik im Frühjahr und Sommer 1936 reagierten die Briten mit Gewalt und der Einsetzung einer Kommission. Das nach ihrem Leiter William Peel benannte Gremium legte 1937 seinen Bericht vor, der arabische Hoffnungen auf eine Verbesserung der Lage enttäuschte. Im Gegenteil: Die Kommission schlug vor, einen jüdischen Staat zu gründen. Dieser hätte die wirtschaftlich relevantesten Gebiete Palästinas erhalten. Bestandteil des Planes war die »Umsiedlung« von 225.000 Arabern, im Klartext: das, was heute als »ethnische Säuberung« bezeichnet wird. Damit war die Grundlage für einen Konflikt gelegt, der bis in die Gegenwart und die absehbare Zukunft reicht. Einen gewissermaßen völkisch definierten Staat dort einzurichten, wo schon mehrheitlich andere Leute leben, ist ohne gewaltsame Konsequenzen nicht zu haben.
Das Geschichtsepos »Palästina 36« der US-amerikanisch-palästinensischen Filmregisseurin Annemarie Jacir ist denn auch offen parteiisch, und zwar für die arabischen Aufständischen. Im Zentrum der Handlung steht Yusuf al Bassawi (Karim Daoud Anaya), dessen Heimatdorf von einer benachbarten zionistischen Siedlung bedroht wird. Die Kampfweise der Siedler erinnert kaum zufällig an die heutigen Terrormethoden ihrer Nachfolger in der Westbank: Landraub, Vernichtung von Lebensgrundlagen der Einheimischen, Mord als Mittel der Verdrängung. Doch nicht die Zionisten stellen sich im Verlauf der Handlung als Hauptbedrohung heraus, sondern die britischen Kolonialherren.
Die zeigen bei Jacir eine Mehrzahl politischer Haltungen. Die wohlwollende repräsentiert Thomas Hopkins (Billy Howle), Sekretär des britischen Hochkommissars, der Unrecht zu vermeiden versucht. Als die Peel-Kommission ihren Bericht veröffentlicht und die Unruhen sich wieder ausweiten, übernehmen die kolonialen Praktiker das Ruder, und Hopkins zieht sich resigniert zurück. Nun kann jemand wie der Hauptmann Orde Wingate seine Pathologien ausleben. Robert Aramayo gibt überzeugend die historisch belegte Figur, ein Liebling Churchills übrigens: eine von kolonialer Machtvollkommenheit exzentrisch verwilderte Gestalt, wie sie nicht nur Deutschland mit einem Carl Peters hervorgebracht hat. Die westlichen Demokratien waren in dieser Hinsicht nicht besser – soviel gegen die unter deutschen Historikern lange beliebte These vom deutschen Sonderweg. Wingate jedenfalls, der nicht nur an Brutalitäten Gefallen fand, sondern kurioserweise auch am jüdischen Glauben, ist zu Beginn der Filmhandlung noch ein Außenseiter. Wer hat den denn eingeladen, heißt es bei einer Abendgesellschaft. Am Ende kann er seine Linie durchziehen und überfällt mit seinen Leuten Yusufs Dorf im Stil deutscher Einsatzgruppen im Zweiten Weltkrieg.
Auch die palästinensische Seite wird differenziert dargestellt. Yusuf muss lernen, dass der von ihm zunächst verehrte reiche Amir Atef (Dhaffer L’Abidine) keineswegs treu zur palästinensischen Sache steht. Die Großgrundbesitzer haben von der Mandatsherrschaft profitiert. Nun wollen sie zwar von den Briten und den Zionisten nicht verdrängt werden, aber die Klassenverhältnisse unangetastet lassen. Anhand von Atefs Frau Khuloud (Yasmine Al Massri) wird auch eine Emanzipationsgeschichte erzählt, feministisch und zugleich mit klassenübergreifender Solidarität. Am anderen Ende der Gesellschaftshierarchie wird die Entwicklung des Hafenarbeiters Khalid (Saleh Bakri) zum Guerillakämpfer skizziert.
Das Ganze ist mit einem gewissen Aufwand inszeniert: in der Produktion steckt neben Geld von der BBC unter anderem auch welches aus Saudi-Arabien und Katar. Die Dramaturgie ist stringent, der antikoloniale Gehalt soll unmittelbar vom Gestern aufs Heute übertragbar sein. Dass im Januar in Jerusalem die Polizei gegen die Vorführung des Films operierte, spricht für ihn. Am Ende, nach dem von Wingate genussvoll ausgeführten Massaker in Yusufs Dorf, ist unter den Überlebenden ein kleiner Junge, der politisch gelernt hat. Man kann sich vorstellen, wie er unter den Bedingungen der Nakba 1947/48 kämpfen wird, und sich fragen, was die Kinder lernen, die die heutigen Verbrechen in Gaza, der Westbank und im Südlibanon überleben.
»Palästina 36«, Regie: Annemarie Jacir, Palästina/UK und andere 2025, 118 Min., bereits angelaufen
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