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Kino

Weder Jubel noch Verdammnis

Kein Grund zur Aufregung: Bei der Berlin-Premiere von Lutz Pehnerts Dokfilm »Kommunist« über Egon Krenz

Foto: Salzgeber
Es blühe rot: Egon Krenz in seinem Garten

Vor der Berlin-Premiere des Egon-Krenz-Porträts »Kommunist« am Mittwoch im ausverkauften Kino »Babylon« Der Chef im Planschbecken: Joe Lovano wandte sich Regisseur Lutz Pehnert zehn Minuten lang ans Publikum: Er wehrte sich. Denn seit der Uraufführung des mehr als zweistündigen Dokumentarfilms am 8. Mai beim Filmkunstfest Schwerin ist der staatlich verordnete Antikommunismus wieder einmal republikweit obenauf, Staats- und Konzernmedien verfallen in den eingeübten Schritt und Tritt gen Osten. Selbst der oft kompetente Knut Elstermann urteilte am Donnerstag im Radio 1 des RBB: Gescheitert – »durch einen völlig verfehlten, wohl essayistisch gemeinten Ansatz«. Der Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur in Mecklenburg-Vorpommern, Burkhard Bley, hatte bereits am 10. Mai in einer Pressemitteilung die Vorgabe gemacht: »Der Film ist misslungen. Er bietet relativ unwidersprochen ein Podium zur Beschönigung der DDR, sie wird weichgezeichnet.« Das Wort zum Film lautet seither vornehm »Weichzeichnung«. Die asozialen Medien toben. Im »Babylon« knurrten lediglich in den hinteren Reihen einige DDR-Verächter, trauten sich aber nicht, während der Publikumsdiskussion zum Saalmikrofon zu greifen. Die stalinistischen 99 Prozent positiver Äußerungen mögen eingeschüchtert haben. Pehnert meinte in seiner Rede eingangs, Bleys Äußerung erinnere ihn an die DDR-Kulturpolitik. Dieser hatte mitgeteilt, es gehe »ganz klar nicht um Eingriffe in die Kunstfreiheit oder Zensur«, er fragte lediglich nach der Filmförderung durchs Land (70.000 Euro).

Kriegsvorbereitung und laufende deutsche Kriege, mit denen auch Krenz seit 1991, seit dem »Begrüßungskrieg« für DDR-Bürger (Volker Braun), lebt, kommen im Film nicht oder nur indirekt vor. Gegen dessen Ende sagt Krenz beim Blumengießen vor seinem Häuschen in Dierhagen sinngemäß, die DDR habe 40 Jahre lang bewiesen, dass es ohne Kapitalismus gehe. So wie die Welt sei, müsse sie verändert werden: »Ich bin Kommunist.« Eine Zuschauerin monierte im »Babylon« lautstark das Ausklammern von Krieg, erhielt aber leider nicht das Mikrofon.

Dabei folgt die Dokumentation zumeist Krenz’ Biographie, beginnt daher mit der Kindheit (geboren 1937) im Zweiten Weltkrieg. Umsiedlung nach Mecklenburg, Begegnung mit Rotarmisten, Jungpionier, Lehrerstudent und SED-Mitglied, bald hauptamtlicher Funktionär, der für den Aufbau des Sozialismus brennt. Der Film beginnt und endet mit einem Kameraschwenk über die Spree an der Berliner Mühlendammschleuse hin zu dem Gebäude der Botschaft Brasiliens, auf deren Gelände 1990 noch ein Gästehaus des SED-Zentralkomitees stand. Am 20. Januar 1990 warf dort die Schiedskommission der umbenannten SED-PDS 14 frühere Politbüromitglieder aus der Partei, darunter Egon Krenz. Tenor: Ihr seid an allem schuld. Gemeint war: Wir an nichts. Da säuberten einige mit dem breiten Besen, den Gregor Gysi auf dem SED-Parteitag im Dezember 1989 von der Regie überreicht bekommen hatte.

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Krenz wurde vor allem vorgeworfen, für die Fälschung der DDR-Kommunalwahlen im Mai 1989 verantwortlich sowie kurz nach dem Aufstand auf dem Platz des Himmlischen Friedens nach Beijing geflogen zu sein. Die westliche Propaganda­formel vom »Massaker« hatten die Genossen übernommen. Krenz’ Einwände, er sei in seiner Funktion nicht in der Lage gewesen, Wahlergebnisse zu fälschen, und sein Besuch zum 1. Oktober in der Volksrepublik China habe deren 40. Jubiläum gegolten, fielen nicht ins Gewicht. Positiv wurde vermerkt, dass er im Herbst danach jeden Schusswaffengebrauch durch DDR-Behörden gegen Demonstranten verboten hatte. Am Rauswurf änderte das nichts. Die Tonbänder dieser Sitzung wurden 2018 aufgefunden und veröffentlicht. Auszüge daraus setzt Pehnert wiederkehrend im gesamten Film ein. Eine Frauenstimme spricht Passagen aus Krenz’ Autobiographie. Warum das »geringster Widerstand« sein soll, wie Elstermann meint – unerfindlich.

Dazwischen sind Episoden geschnitten. Der DDR-Oberindianer Gojko Mitić zähmt einen Schimmel, Gesichter von DDR-Jugendlichen auf FDJ-Festivals. Auch Gegenwärtiges: Ein niederländischer Sozialdemokrat, der sich nach Dierhagen aufmacht, um zu hören, wie es nach Krenz denn wirklich war. Grundstücksnachbarn aus Erfurt, die mit der DDR nie viel am Hut hatten, jetzt mit ihm Kaffee trinken und andeuten, dass ihre Meinung vom ostdeutschen Staat positiver wurde. ­Solveig Leo, Landwirtin aus einem Dorf bei Schwerin, 1968 jüngste LPG-Vorsitzende der DDR, Mitglied im FDJ-Zentralrat der FDJ, seither mit Krenz gut bekannt. Sie war nach 1990 fast 20 Jahre Ortsbürgermeisterin und erhielt 2001 das Bundesverdienstkreuz. Weichzeichnung der BRD?

Und Werner Krätschell, in den 80er Jahren Pastor, Superintendent und Organisator der DDR-Opposition in Berlin-Pankow. Er ging am Heiligabend 1989 zum Haus der Familie Krenz in der Regierungssiedlung, damit einer mit dem früheren Staatsoberhaupt spricht. Die Genossen besuchten ihn nicht mehr. Krätschell saß am Mittwoch u. a. mit Krenz und Pehnert auf dem Podium und meinte, wer nur »Stasi«-Akten lese, erhalte ein getrübtes Bild von der DDR. Der »SED-Aufarbeitung« bescheinigte er zugleich eine aufklärerische Wirkung gegen Schönfärberei, wiederholte aber, was er im Film gesagt hatte: Die DDR habe einen besonderen Reichtum an Geist, Freiheit und Phantasie hervorgebracht, die nicht erst der Westen habe lehren müssen.

Seine Tonlage entspricht der von Pehnerts Film: Keine Aufgeregtheiten – weder Jubel noch Verdammnis. Von Scheitern keine Rede, vielmehr bis heute Aufschlussreiches: etwa zum Prozess von 1997, der Krenz sechs Jahre Haft einbrachte, von denen er vier absitzen musste. Zwei Ausschnitte aus Fernsehdiskussionen der 90er Jahre zeigen die Juristen Ferdinand von Schirach und Uwe Wesel, die dem Gericht vorwerfen, nicht auf der Grundlage von Straftatbeständen geurteilt zu haben. Die damals teilnehmende Marianne Birthler bescheinigt lieber den DDR-Bürgern, ihnen sei der Sinn für Recht und Unrecht abhanden gekommen. Auf dieser festen rassistischen Basis ihres eigenen Rechtsempfindens beruht auch das Getöse um Pehnerts Film.

→ »Kommunist«, Regie: Lutz Pehnert, BRD 2026, 132 Min., bereits angelaufen

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.06.2026, Seite 10, Feuilleton

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