Zum Inhalt der Seite
Literaturgeschichte

»Die Dschungelmoral ausroden«

Über allem stand der Kampf gegen den Faschismus. Vor 125 Jahren wurde der Schriftsteller Willi Bredel geboren

Foto: akg-images/picture alliance
Walter Ulbricht, Willi Bredel und Erich Weinert (v. l. n. r.) im Propagandaeinsatz am Stalingrader Kessel (Dezember 1942)

Willi Bredel wird oft als »Arbeiterschriftsteller« erinnert: als einer jener Werktätigen, die im Umkreis der KPD in der Weimarer Republik zur Literatur kamen, die Nazizeit irgendwie überlebten und dann in der DDR zu einem Ruhm kamen, der ideologisch begründet gewesen sei. Im besseren Fall wird immerhin anerkannt, dass sie Erfahrungen aus der Arbeitswelt aufgeschrieben haben, dass sie Widerstand gegen den deutschen Faschismus geleistet haben und – schulterklopfend – dass ihnen diese oder jene Passage durchaus gelungen sei.

Jenes Schulterklopfen aber hätte Bredel verärgert zurückgewiesen. Er anerkannte den Wert guter Reportagen wie auch guter Literatur. Gegen literarische Mittelmäßigkeit hingegen verwahrte er sich. Durchgehend selbstkritisch, wusste er, dass, wer Gutes erreichen will, das Hervorragende anstreben muss. Dabei waren für ihn die Voraussetzungen keineswegs günstig, und dies nicht nur, weil ihm herkunftsbedingt umfangreiche Schulbildung und Studium verwehrt blieben. Sein Leben war von politischen Verpflichtungen und Kämpfen bestimmt, die allein ausgereicht hätten, alle Kräfte eines Menschen zu beanspruchen.

Gelernter Dreher, schon 1918 an der Novemberrevolution beteiligt und seit 1919 Mitglied der KPD, kam er nach dem Hamburger Aufstand 1923 zum ersten Mal ins Gefängnis. Das gab ihm die Gelegenheit, eine Studie über die Französische Revolution niederzuschreiben: »Marat, der Volksfreund«. Sein Talent fiel auf, nach seiner Amnestierung 1925 schrieb er für verschiedene Zeitungen der KPD, sammelte aber auch als Arbeiter auf einem Schiff internationale Erfahrungen. Ab 1927 war er wieder in Hamburg publizistisch tätig und wurde als Kommunist von Richtern der Weimarer Demokratie 1930 als »Hochverräter« ins Gefängnis gesteckt. Immerhin waren die Haftbedingungen noch derart, dass Bredel von seiner Zelle aus die »Sozialistischen Filmkritiken« redigieren und sich als Romanautor erproben konnte.

Das war im Faschismus anders. Anfang März 1933 noch auf Befehl des sozialdemokratischen Polizeichefs von Hamburg verhaftet, war Bredel dreizehn lange Monate Gefangener der Nazis, erlitt Auspeitschungen, viele Wochen Dunkelhaft, brutale Verhöre. Nach seiner Freilassung wich er ins Ausland aus, wurde in Moskau – zusammen mit Bertolt Brecht und Lion Feuchtwanger – Herausgeber der literarischen Exilzeitschrift Das Wort. Der Kampf gegen den Faschismus blieb aber auch praktische, sogar militärische Aufgabe. Im Spanischen Bürgerkrieg war Bredel kurzfristig Kampfkommandant, längerfristig politischer Kommissar des Thälmann-Bataillons. 1939 gelang es ihm, in die Sowjetunion zurückzukehren.

Für etwa zwei Jahre hatte er Ruhe für die Arbeit als Schriftsteller. Nach dem deutschen Überfall 1941 aber standen wieder politische Aufgaben an. Zu ihnen gehörte die Propaganda an der Front: Während der Schlacht von Stalingrad war Bredel, wie andere deutsche Kommunisten auch, an vorderster Linie eingesetzt, um Wehrmachtsangehörige zum Überlaufen zu bewegen. Eine weitere wichtige Tätigkeit war, mit deutschen Kriegsgefangenen zu sprechen, um ein Bild der ideologischen Lage auf der Feindseite zu gewinnen.

In manchen Reden und Aufsätzen der ersten Exiljahre hatte Bredel sich noch optimistisch gezeigt, dass unter den Deutschen der Widerstand gegen das faschistische Regime wachse. Von heute aus gesehen ist nicht sicher, was davon politische Fehleinschätzung, was taktisch eingesetzte Ermutigung war. Jedenfalls bedeuteten die Gespräche mit gefangenen Wehrmachtssoldaten eine Entmutigung. Klar war indessen, dass der Feind im Krieg nicht Feind im Frieden bleiben konnte, dass es also galt, die Bewusstseinslage der faschistisch Verhetzten zu ändern. Bredel war 1943 Gründungsmitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland, an dem vor allem gefangene Offiziere beteiligt waren, die Bereitschaft zeigten, ein nichtfaschistisches Nachkriegsdeutschland vorzubereiten. Darüber hinaus unterrichtete Bredel an Kriegsgefangenenschulen.

Bereits im frühen Mai 1945 kehrte Bredel nach Deutschland zurück und wurde von der Partei zunächst in Rostock, später in Schwerin eingesetzt. Hier war er unter anderem Landesleiter des Kulturbunds und Redakteur der Zeitschrift Heute und morgen. Unter den Bedingungen der unmittelbaren Nachkriegszeit war allerdings Kulturarbeit niemals nur Kulturarbeit. Vielmehr galt es, zunächst einmal die materiellen Bedingungen dafür zu organisieren und sich stets mit der Sowjetischen Militäradministration abzustimmen, auf politische Probleme aller Art einzugehen. 1947 bis 1949 war Bredel zudem Abgeordneter des Mecklenburgischen Landtags, 1949 bis 1950 Mitglied der Volkskammer der DDR.

Auch nachdem er 1950 nach Berlin gewechselt war, nahm er zahlreiche politische und kulturpolitische Funktionen wahr: ZK-Mitglied von 1954 bis zu seinem Tod 1964, seit 1957 Mitglied der Kulturkommission. Ab 1950 war Bredel Herausgeber der »Bibliothek fortschrittlicher deutscher Schriftsteller«, 1952 bis 1957 Chefredakteur der Neuen Deutschen Literatur, der Zeitschrift des Schriftstellerverbands der DDR, an dessen Diskussionen er engagiert teilnahm. 1950 Gründungsmitglied der Deutschen Akademie der Künste – der späteren Akademie der Künste der DDR – war er von 1956 an deren Vizepräsident und ab 1962 Präsident.

Das Werk aus dem Leben

Man kann sich also fragen, wann und wie Bredel dennoch ein umfangreiches Werk zustande brachte. Er selbst stellte manchmal fest, dass die Politik ihm nicht genug Zeit zum Schreiben ließ und dass er Texte veröffentlicht hatte, die nicht gründlich genug durchgearbeitet waren. Allein, es wird niemand von der Politik aufgefressen, der sich nicht ihr zum Fraße hinwirft. Wer sich unbedingt Ruhe schaffen will, schafft sie sich auch. Wer nicht, hält offensichtlich anderes für wichtiger. Dabei kann es sich um Pflichtbewusstsein gegenüber der Partei und der Arbeiterklasse handeln, aber auch um die Erkenntnis, dass die eigene Literatur sich aus Erfahrungen speist, die im politischen Kampf gewonnen wurden.

Bredels erste drei Romane, die in rascher Folge während seiner Haft ab 1930 entstanden, nehmen ihren Stoff aus der Spätphase der Weimarer Republik. Ihr Autor plante sie zunächst als »interessantere Form der politischen Schulung unserer Betriebsarbeiter«, wie er um 1935 in der Skizze »Wie ich arbeite« formulierte. Es ging ihm um eine Zeitungsrubrik, nicht um ein Buch. Entsprechend unmittelbar ist also in ihnen die politische Aussage gestaltet. In »Maschinenfabrik N & K«, dem ersten und bekanntesten der drei, geht es hauptsächlich um innerbetriebliche Kämpfe in eben jener Fabrik. Dabei besteht kein Zweifel, dass die Kommunisten die entschlossenen Klassenkämpfer sind und die Sozialdemokraten mit dem Kapital kungeln. Einige wenige Figuren entwickeln sich, jedoch auf vorhersehbare Weise. Da gibt es den anständigen SPDler, der irgendwann die Machenschaften seiner Kumpane durchschaut und nicht mehr erträgt; da gibt es den idealistischen Lebensreformer, der aber einsieht, dass der Marxismus die richtige Theorie ist und im Moment seines Übertritts bei einem Arbeiterprotest von der Polizei ermordet wird.

Im politischen Detail ist der Roman dennoch klug. Kommunistische Aktivisten dürften endlich einmal ihr Leben gestaltet gefunden haben, und heutige Leser können eine Fülle von Einzelheiten erfahren, wie damals gelebt und gekämpft wurde. Als Literatur dagegen hat der Roman unübersehbare Mängel. Die klare politische Ausrichtung sorgt dafür, dass es an keiner Stelle zu so etwas wie einer Überraschung kommt. Allzu oft klingt die Sprache der Figuren wie der Leitartikel einer Parteizeitung.

So wurden Bredels erste beiden Romane zum Anlass einer kleinen Debatte in der Linkskurve, der Zeitschrift des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. In der Novembernummer 1931 publizierte Georg Lukács eine Kritik, in der er die Verdienste Bredels grundsätzlich anerkannte. Er bescheinigte ihm eine glückliche Hand bei der Wahl der Themen, die er für die proletarische Literatur erschließe, und eine brauchbare Grundanlage der Bücher. Mangelhaft hingegen sei die Ausführung. Die Sprache bleibe die der Presseberichterstattung, die Anlage der Personen sei schematisch, deren Entwicklungen würden behauptet und nicht gestaltet; hier wie im Fortgang der Handlung zeige sich ein Mangel an Dialektik.

Darauf gab es zwei in der Akzentsetzung sehr unterschiedliche Antworten. Im Aprilheft 1932 wies Otto Gotsche die angeblich »zersetzende Methode der Kritik« scharf zurück. Als Beleg, dass Bredels Bücher genau das seien, was man jetzt politisch brauche, führte er Äußerungen von Arbeitern an, die die Romane gerne gelesen hatten, ihre Lebensnähe hervorhoben und Lukács für einen »Nur-Literaten« hielten. Konsequent forderte er, die Literaturproduktion unter die Kontrolle der Massen zu stellen. Darin erkannte Lukács in seiner direkt im Anschluss gedruckten Replik den »Standpunkt der Spontanëität«, der eine systematische Fortentwicklung der proletarischen Literatur verhindere. Einer solchen »Verbeugung vor den kleinbürgerlichen ideologischen Überresten« trat er mit Verweis auf Stalin entgegen.

Lernprozesse

Anzeige

Die innerkommunistischen ästhetischen Debatten waren also auch politisch zugespitzt. Bredel allerdings hatte bereits im Januarheft auf Lukács geantwortet und die »grundsätzliche Berechtigung und Richtigkeit solcher Kritik« anerkannt. Dabei war er mit Lukács auch einig, dass es keineswegs nur um seine Bücher ging, sondern sich in ihnen exemplarisch Schwächen der Arbeiterliteratur zeigten, die es zu überwinden galt.

Der konziliante Ton zeigt zum einen Bredels Denkstil und – glaubt man Erinnerungen an ihn – auch die Person. Kritik unter Genossen war nötig, um besser zu werden. Er akzeptierte sie und übte sie auch selbst. Die scharfe begriffliche Abgrenzung war, in innerlinken Debatten, nicht seine Sache. Diese Qualität machte ihn geeignet für Funktionen, die Integrationsfähigkeit erforderten, von der Publikation von Exilliteratur über die politische Arbeit im noch faschistisch geprägten Nachkriegsdeutschland bis hin zu Tätigkeiten in Schriftstellerverband und Akademie. Seine Reden, Artikel und Essays waren in diesem Sinne wirksam, und sie sind voll kluger Einsichten, politischen wie über Person und Werk von Schriftstellern der Vergangenheit wie auch seiner Gegenwart. Freilich sind die Texte selten so pointiert, dass sie ganz neue Erkenntnisse vermitteln.

Zur Bredels Charakteristik jedenfalls gehört Lernbereitschaft, und so sind schon die zwei anderen im Gefängnis geschriebenen Romane dem Erstling überlegen. In der »Rosenhofstraße« nimmt Bredel die Bewohnerschaft eines kleinen Viertels von Hamburg in den Blick. Dabei hat sich das soziale Spektrum, das er schildert, geweitet. Auch das Kleinbürgertum tritt nun auf. Zudem gewinnen die Figuren an Tiefe. Sie sind differenzierter, und es ist nicht sogleich absehbar, welche der progressiven und reaktionären Tendenzen in ihnen die Oberhand gewinnen.

Gleiches gilt für »Der Eigentumsparagraph«. Der dritte der Gefängnisromane konnte nach der Machtübergabe an die NSDAP schon nicht mehr in Deutschland erscheinen und wurde zunächst nur auf russisch in der Sowjetunion gedruckt. Hauptort der Auseinandersetzung ist nun wieder ein Betrieb, nämlich eine Wäscherei. Im Vordergrund stehen also Arbeiterinnen. Bereits in der »Rosenhofstraße« nahm der Kampf gegen Nazis großen Raum ein. In der Wäscherei sind nicht mehr die Sozialdemokraten, sondern bereits die Faschisten der Hauptgegner. Auch unter Haftbedingungen erkannte Bredel die politischen Entwicklungen klar.

Analyse faschistischer Praxis

Nach wenigen Monaten in Freiheit kam Bredel 1933 in »Schutzhaft« und dann ins KZ Fuhlsbüttel. Schon in der Dunkel-, dann der Einzelzelle skizzierte Bredel das Buch, das die erste romanartige Darstellung des faschistischen Lagerterrors werden sollte: »Die Prüfung«. Dabei sind fiktive und dokumentarische Elemente verwoben; die Nazitäter werden offen benannt; die Geschichten ihrer Opfer, von denen viele beim Erscheinen des Buchs immer noch gefangen waren, sind dagegen teils verschlüsselt.

»Die Prüfung« bezeichnet in Bredels Werk einen Qualitätssprung, den er selbst erkannte und in einem Rückblick auf seine Anfänge 1955 beschrieb: »›Die Prüfung‹ zähle ich als mein erstes Buch; drei Dramen und drei Romane waren meine schriftstellerischen Vorarbeiten.« Tatsächlich sind nun die Figuren nicht mehr nur Stellvertreter je einer politischen und moralischen Position (das sind sie immer noch auch), sondern so widersprüchlich wie reale Menschen. Die Häftlinge haben Schwächen, und die Stärke der Kommunisten besteht gerade darin, sie zu bewältigen. Dies ist die Prüfung, die dem Roman den Titel gibt. Und wenn Walter Kreibel – die Figur, auf die sich die Darstellung allmählich konzentriert – nach monatelangen Qualen entlassen wird, wird die Versuchung deutlich, endlich ein verdient ruhiges Leben zu führen. Kreibel besteht auch diese Prüfung und knüpft wieder Kontakte zum Widerstand, wohlwissend, was ihm im Falle einer erneuten Gefangenschaft bevorsteht.

Die Gruppe der Häftlinge ist in sich differenziert. Sozialdemokraten sind in dieser Lage als Mitstreiter akzeptiert, eine Einheitsfront zeichnet sich ab. Herausgehoben ist das Schicksal des sozialdemokratischen Redakteurs Fritz Koltwitz, dem Leiden der realen Person Fritz Solmitz nachgebildet. Koltwitz wird von den Nazis nicht nur als politischer Feind, sondern auch als Jude besonders brutal misshandelt und in den Suizid getrieben. Der Antisemitismus erscheint als wichtiger Bestandteil der Naziherrschaft, ohne – wie heute oft – als deren Wesensmerkmal schlechthin zu gelten.

Es geht Bredel um politische Konfrontation, und dazu gehört die Erkenntnis des Feindes. Seine vielleicht erstaunlichste Leistung in diesem Roman ist die Schilderung der Bewacher, von denen viele ihn gefoltert haben. Nun musste jemand, der monatelang hilflos der Gewalt von Polizei und SS ausgeliefert war, ein Gespür für Stimmungen und Haltungen der Täter entwickeln. Dies aber dann noch in einen Roman zu bringen, die psychische Verfassung der übelsten Schläger ebenso nachzuvollziehen wie die Hemmungen derer, die noch eine Grenze kennen, verlangt eine Distanznahme vom eigenen Gefühl, die politisch wertvoll ist.

Auf diese Weise wurde nämlich der 1934 veröffentlichte und bald in andere Sprachen übersetzte Roman nicht nur zur notwendigen Anklage der faschistischen Praxis, sondern zugleich zu ihrer Analyse. Man begreift, wie Häftlinge nicht nur leiden, sondern unter denkbar schlechten Verhältnissen noch Widerstand leisten; ebenso versteht man die terroristischen Mittel der Nazis.

Das Gesellschaftspanorama

Bredels Hoffnungen, dass sich innerhalb Deutschlands die Widersprüche zuspitzen würden, erfüllten sich nicht. Im folgenden Roman, »Dein unbekannter Bruder« von 1937, geht es um den kommunistischen und sozialdemokratischen Widerstand innerhalb Deutschlands. Der Titel ist zwiespältig. Immer wieder werden neue Kontakte geknüpft, treten aus der Anonymität Brüder hervor, die man zuvor nicht kannte. Aber kennt man sie wirklich? Ein Verräter reißt Lücken ins Widerstandsnetz, und ihn zu finden und unschädlich zu machen, ist Bestandteil der Haupthandlung.

Der Publizist Bredel befasste sich weiterhin mit aktuellen Themen – der Romanautor erweiterte sein Blickfeld. Der Anspruch ist nun merklich erhöht: In der Trilogie »Verwandte und Bekannte« unternahm er nicht weniger, als an den Lebensläufen einer Hamburger Arbeiterfamilie die Entwicklung der sozialistischen Linken von der Wende zum 20. Jahrhundert bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zu gestalten.

Am Beginn des ersten Bandes, »Die Väter«, steht die Geburt des Walter Brenten, dessen Initialen nicht zufällig auf den Autor verweisen. In »Die Söhne« tritt Walter allmählich in den Vordergrund, »Die Enkel« ist ganz auf ihn zentriert. Einstweilen aber hat die Großelterngeneration das Sagen. Mittels der Lebensgeschichte des Johann Hardekopf, der durch Erfahrungen im Deutsch-Französischen Krieg zur Sozialdemokratie gelangte, ist der historische Raum sogar noch geweitet. Vor allem aber geht es um die SPD und ihr Umfeld in den knapp anderthalb Jahrzehnten bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs.

Äußerlich gesehen, wird die Partei immer mächtiger; innerlich verrottet sie. Opportunismus und Karrierismus greifen um sich. Verdeutlicht wird dies vor allem an dem Verein »Maienblüte«, in dessen Vorstand Hardekopfs Schwiegersohn Carl Brenten aktiv ist und der von einer politischen Vorfeldorganisation herunterkommt zu einer Gruppe, die fröhliche Ausflüge mit reichlichem alkoholischem Konsum organisiert. Hardekopf nimmt Fehlentwicklungen wahr und nimmt sie doch nicht wahr. Immer wieder – und dies ist seine Schuld – beruhigt er sich mit der Macht, die die Sozialdemokratie doch darstelle, und dass alles seinen richtigen Gang gehe, wenn er nur Organisationsdisziplin wahre. Als die SPD 1914 den Krieg unterstützt, als einer seiner Söhne sich sogar freiwillig meldet, bricht seine Welt zusammen.

Diese Welt bis in ihre Einzelheiten anschaulich zu machen, ist das große Verdienst Bredels in diesem ersten Band. Er bietet dafür ein reiches Personentableau auf, eben jene »Verwandten und Bekannten«, die der Trilogie ihren Namen geben. Damit vermag er ein Netz von gesellschaftlichen Beziehungen in ihrer Entwicklung zu gestalten. Immer wieder erfindet Bredel Szenen, in denen sich die Charaktere bewähren oder auch nicht, in denen er auch die Ambivalenz und Dynamik von (Nicht-)Entscheidungen zeigt. Zusammen zu feiern, zum Beispiel, ist ja angesichts eines mühevollen Arbeitsalltags gut, aber auf Kosten der Politik nur zu feiern, verewigt den Kapitalismus.

Die beiden Folgebände sind politisch so klug wie der erste und auch so gut lesbar; literarisch treten sie ein wenig zurück. Hardekopf stirbt am Ende von »Die Väter« als gebrochener Mann, in Parallele zur Organisationsentwicklung. Die falsche Klammer zwischen Rechtsentwicklung und Sozialismus, die die SPD war, ist zerbrochen, fortan herrscht der Konflikt. Das zeigt sich noch nicht in der Folgegeneration, denn der Schwiegersohn Carl Brenten schwankt zwischen politisch fortgeschrittener Einsicht, unpolitischer Lebensfreude, bemühter Geschäftemacherei und punktuell radikalem Auftritt. So wird schon im zweiten Band der Enkel zur Hauptperson. Er beteiligt sich schon als Lehrling an Antikriegsaktionen, zeigt wie der junge Bredel enormen Bildungshunger und stößt früh zu den Kommunisten. So gerät bereits »Die Söhne« zum Entwicklungsroman Walter Brentens, der dann im dritten Teil ganz im Mittelpunkt steht. Bredel folgt seinem Helden in den antifaschistischen Widerstand, in die Haft unter den Nazis, ins Exil nach Prag und Paris, in den Spanischen Bürgerkrieg und an die Seite der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg.

Der Gewinn dieser romanhaften Autobiographie besteht, neben ihrem politischen Informationsgehalt, in ihrer Anschaulichkeit. Der Verlust ist, dass kein Gesellschaftspanorama mehr entsteht. In einer Nebenhandlung um Heinz-Otto Wehner, den widerwärtigen Ehemann von Walters Exfreundin Ruth, gibt Bredel zwar das Psychogramm eines faschistischen Funktionärs. Das Dasein der Hamburger Arbeiterklasse unter dem Faschismus – ihr Widerstand, ihr Mitmachen, ihr Ausweichen ins Unpolitische – wird hingegen nur kurz abgehandelt und bleibt blass.

Bredel führte die Handlung der Trilogie, deren Schlussband 1953 erschien, bis ins Jahr 1945. Schon vor seiner Rückkehr nach Deutschland dachte er aber an die Zeit nach dem Krieg. Ab 1942 entstand die Erzählung »Begegnungen«. Sie geht auf Gespräche zurück, die Bredel mit deutschen Kriegsgefangenen geführt hatte. Zwei weitere Fälle hat er ausführlicher beschrieben: eine durch Naziverbrechen motivierte Abkehr von soldatischer Pflichterfüllung in »Begegnung vor Moskau«, das Charakterbild eines bis zuletzt opportunistischen und dabei feigen Kriegsberichterstatters in »Begegnung an der Wolga«.

Setzt sich hier wieder, wie im Frühwerk, die Reportage gegen die Gestaltung durch? Das Thema verhindert dies. Der Krieg stellt die Soldaten vor Entscheidungen, die über die Fortdauer des eigenen und anderer Leben bestimmen. Dadurch ergibt sich eine novellistische Zuspitzung. Bredel stellt darüber hinaus das faschistisch Verderbte und humane Impulse dar, häufig in einer Person zusammen. Schließlich sprach er mit den Leuten, mit denen es nach einem Sieg mindestens zurechtzukommen galt.

Vorbereitung aufs neue

Deutschland wird dabei zu einem wichtigen Thema, das seine politische und literarische Publizistik jener Zeit beherrscht. Es bedürfte einer eigenen Untersuchung, um die verschiedenen Schichten dieser Texte auseinanderzuhalten. Eine Rolle spielt sicherlich die Sehnsucht nach der Heimat, die dem Flüchtling mehr als ein Jahrzehnt verschlossen war. Großes Gewicht hatte die politische Linie, die Kommunisten als die besseren Sachwalter des Nationalen und des bewahrenswerten deutschen Erbes darzustellen. Man fühlt sich, nicht ohne Grund, von Nationalisten umzingelt und sieht keinen anderen Weg, als denen den Fortschritt in mundgerechten Häppchen zu servieren.

Am klarsten hat Bredel 1945 das Problem in dem Essay »Eine entscheidende Stunde deutscher Geschichte« umrissen. Er sieht, dass die Masse der deutschen Bevölkerung nicht verführt und unschuldig ist. Hitler, so legt er dar, wäre ohne Gefolgschaft nichts gewesen. Nun gehe es darum, »die Dschungelmoral des Nazismus aus unseren Hirnen und Herzen und aus unserer Heimaterde auszuroden«.

Die dabei führende Rolle der Kommunisten und jener Sozialdemokraten, die von Beginn an Widerstand geleistet hatten, stand für ihn außer Frage. Zugleich hat er den faschistischen Genozid an den Juden mehrfach literarisch verarbeitet. In der Erzählung »Frühlingssonate« geht es um einen musikliebenden sowjetischen – und jüdischen – Besatzungsoffizier, der ständiger Gast bei einer deutschen Familie wird, die Hausmusik pflegt. Er wird aber gewalttätig, als das titelgebende Werk ihn an seinen Sohn erinnert, der von den Nazis in einer Schlucht bei Kiew ermordet wurde. Auch wenn der Name nicht fällt, handelt es sich unverkennbar um Babi Jar; die Sache war in der DDR präsent.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit spielt auch die Erzählung »Das schweigende Dorf«. Hier haben sich Bewohner in der Schlussphase des Krieges an der Ermordung jüdischer Gefangener beteiligt. Schuldabwehr, gegenseitiger Hass und Misstrauen gegenüber Fremden schaffen eine Atmosphäre der Verschlossenheit, die nur mühsam durchbrochen wird.

Wenn die jugendlichen Helden darüber in einer Rahmenhandlung an der städtischen Universität erzählen, zeigt das ihren Aufbruch. Es beantwortet nicht die Frage, wie viele solcher schweigenden Dörfer es noch gab. Willi Bredel hat auch den Elan beschrieben, den es in der frühen DDR gab. Seine Reportage »Fünfzig Tage« über den schnellen Wiederaufbau des 1950 von einem Hochwasser zerstörten Dorfes Bruchstedt binnen kürzester Zeit durch freiwillige Helfer zeigt die Möglichkeiten, die es damals gab. Der neue Staat war seine Sache, und er konnte Hoffnung auf eine bessere Zukunft haben.

→ Weitere Informationen zu dem Schriftsteller findet man auf der Homepage der Hamburger ­Willi-­Bredel-Gesellschaft: www.bredelgesellschaft.de

→ Kai Köhler schrieb an dieser Stelle zuletzt am 6. August 2025 über die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki: »Sinn und Unsinn der Bombe«

junge Welt

Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Erschienen in der Ausgabe vom 02.05.2026, Seite 12, Thema

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
→Leserbriefe
  • Marianne Line aus Stralsund 4. Mai 2026 um 12:17 Uhr
    Sehr geehrter Herr Köhler, liebe Macher der jW, herzlichen Dank für diesen fundierten Beitrag zu einem bedeutsamen Zeitabschnitt deutscher Geschichte in der Betrachtung eines leider längst vergessenen, großartigen Menschen. Willi Bredel hätte es verdient, dass seine Bücher auch heute wieder gelesen, diskutiert und verstanden würden. Marianne Linke, Stralsund
  • Onlineabonnent*in André M. aus B. 2. Mai 2026 um 08:43 Uhr
    Auch heute gilt es wieder, die Dschungelmoral auszuroden. Der Text ist eine sehr angemessene und gelungene Würdigung des Schriftstellers und wahrhaften Aktivisten. Das Foto ist sehr gut dazu ausgewählt. Viele Biographien aus dem 20. Jhd. sind aus heutiger Sicht wahrlich unglaublich. Statt dem Netflix- und ÖRR-Müll wären diese verfilmungsreif.
  • Onlineabonnent*in Hans-Peter J. aus N. 2. Mai 2026 um 00:41 Uhr
    Nur ganz kurz, mich hat als junger Leser das Buch von Willi Bredel »Die Vitalienbrüder« sehr beeindruckt, die Geschichte von Klaus Störtebeker und seinen Gesellen, die den Kampf gegen die Pfeffersäcke (Kaufleute an Ost- und Nordseeküste) aufnehmen und dabei ehrenvoll scheitern. HP Jacobitz
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!