USA weiter auf Eskalationskurs
Von Lars Lange
Nur wenige Stunden war die Straße von Hormus wieder geöffnet. Am Freitag hatte Irans Außenminister Abbas Araghtschi auf X erklärt, die Meerenge stehe für den kommerziellen Schiffsverkehr offen. Doch die Erleichterung währte keine 24 Stunden: Denn US-Präsident Donald Trump stellte noch am selben Abend klar, die Seeblockade iranischer Häfen bleibe bestehen – womit Washington die Waffenruhebedingungen nach iranischer Lesart unterlief. Daraufhin stellte die Marine der »Revolutionsgarden« die Meerenge unter iranische Kontrolle und warnte, Schiffe ohne Genehmigung würden als feindlich behandelt. Kurz darauf wurden die Drohungen Realität: Eine britische Seefahrtsicherheitsbehörde meldete den Beschuss eines Tankers sowie den Treffer eines Containerschiffs vor Oman. Ein Angriff gegen zwei indischgeflaggte Schiffe veranlasste Neu-Delhi, den iranischen Botschafter einzubestellen. Am Sonntag warf Trump Teheran eine »völlige Verletzung« der Waffenruhe vor und drohte erneut damit, die Brücken und Kraftwerke des Iran zu zerstören, sollte dieser seine Bedingungen nicht akzeptieren.
Die Straße von Hormus, durch die in Friedenszeiten rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Erdöls und Flüssiggases transportiert wird, ist seit Kriegsbeginn Ende Februar weitgehend blockiert. Seit dem Ausbruch der Kämpfe sind nach Berechnungen des Analyseunternehmens Kpler mehr als 500 Millionen Barrel Rohöl und Kondensate ausgefallen – die größte Energieversorgungsunterbrechung der modernen Geschichte, wie Reuters berichtete. Bei einem Durchschnittspreis von rund 100 US-Dollar je Barrel entspricht das einem Ausfall von über 50 Milliarden US-Dollar. Die Golfstaaten verloren im März etwa acht Millionen Barrel Förderleistung täglich; die Kerosinexporte Saudi-Arabiens, Katars, der Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwaits, Bahrains und Omans brachen von 19,6 Millionen im Februar auf 4,1 Millionen Barrel für März und April zusammen ein. Nach aktuellen Einschätzungen reicht das verfügbare Kerosin in Europa nur noch etwa vier bis sechs Wochen.
Ein Folgetermin für die gescheiterten Gespräche zwischen Washington und Teheran in Islamabad stand bis Redaktionsschluss nicht fest. Vizeaußenminister Said Khatibzadeh machte gegenüber Reuters klar, zunächst müsse ein gemeinsamer Verständnisrahmen her; Washington verfolge einen »maximalistischen Ansatz« und verlange von Iran eine Ausnahmestellung gegenüber dem Völkerrecht. Trump drohte unterdessen, sollte bis Mittwoch kein Deal stehen, müssten die USA »wieder Bomben abwerfen«. Allerdings berichtete die New York Times am Wochenende unter Berufung auf geheimdienstliche Einschätzungen, dass Iran trotz erheblicher Schwächung seiner Rüstungsindustrie noch immer über rund 40 Prozent seines Vorkriegsarsenals an Drohnen verfüge sowie zum Zeitpunkt der Waffenruhe etwa die Hälfte der Raketenabschussvorrichtungen intakt gewesen seien. In den Tagen nach Inkrafttreten am 8. April habe Iran zudem rund 100 weitere Systeme wiederbeschafft, die in Höhlen und Bunkern versteckt gewesen seien.
Parallel zu den Verhandlungen intensivieren die USA ihren wirtschaftlichen Druck auf Teheran. In den kommenden Tagen will das US-Militär mit dem Iran assoziierte Öltanker und Handelsschiffe in internationalen Gewässern entern und beschlagnahmen, berichtete das Wall Street Journal unter Berufung auf US-Regierungskreise. Die Operation, intern »Economic Fury« genannt, soll über den Persischen Golf hinausgehen und auch den Indopazifik einschließen. Bereits 23 Schiffe wurden an der Ausfahrt aus iranischen Häfen gehindert.
Auch in Südlibanon bleibt die Lage instabil. Seit dem Inkrafttreten der zehntägigen Waffenruhe zwischen Israel und der libanesischen Hisbollah in der Nacht auf Freitag meldete die israelische Armee den Tod zweier Soldaten. Die Armee führte ihrerseits Artillerieangriffe auf die Ortschaften Beit Leif, Kantara und Tuline durch und riss nach eigenen Angaben Häuser in mehreren Gebieten ab. Sie erklärte zudem, eine sogenannte gelbe Linie in Südlibanon etabliert zu haben – analog zur gleichnamigen Demarkationslinie im besetzten Gazastreifen. Hisbollahs Generalsekretär Naim Kassim erklärte, dass die Waffenruhe Ergebnis des militärischen Widerstands sei und die Vereinbarung zwischen Washington und der Regierung in Beirut eine »Beleidigung für unser Land« sei. Als Bedingungen für die Zeit nach der Waffenruhe nannte er den Truppenabzug Israels, den Austausch der Gefangenen sowie die Rückkehr der Vertriebenen und den Wiederaufbau. Eine Beteiligung am Tod des französischen UNIFIL-Soldaten vom Samstag morgen wies Hisbollah zurück. Nachdem die UN-Friedenstruppe zunächst erklärt hatte, die Soldaten seien »unter Beschuss durch Handfeuerwaffen von nichtstaatlichen Akteuren« geraten, machte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron die Hisbollah direkt verantwortlich.
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