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Italien

Ausgebeutet bis zum Tod

Italien: Grausamer Mord an vier migrantischen Erntehelfern zeigt verbrecherisches System auf, durch das Europa mit Obst und Gemüse versorgt wird

Foto: Elisa Bianchini/Pacific Press Agency/IMAGO
Migrantische Arbeiter protestieren am 1. Mai 2025 gegen die unmenschlichen Bedingungen auf den Feldern Italiens

Ein barbarisches Verbrechen, das auf Video festgehalten ist, erschüttert Italien: Zwei Männer, die Benzin in einen Minivan pumpen – nicht in den Tank, sondern ins Innere des Wagens. Dann setzen sie das Auto in Brand und halten von außen die Türen zu. Man sieht, wie der Fiat Ulysse mächtig hin und her schwankt, weil sich die Insassen zu befreien versuchen. Vergebens. Dann rennen die beiden Männer weg, werden jedoch umgehend festgenommen. Abgespielt hat sich diese Szene am Montag in Kalabrien, genauer nahe der 3.000-Einwohner-Gemeinde Amendolara. Für vier Männer in dem Auto kommt jede Hilfe zu spät: Ismat, Fazal, Waseem und Safi. Sie stammen aus Afghanistan beziehungsweise Pakistan. Alle vier waren als Erntehelfer auf den Erdbeerfeldern in der Umgebung beschäftigt, zu Billigstlöhnen und unter Bedingungen, die man kaum als human beschreiben kann. Alle vier sind bei lebendigem Leib verbrannt.

Anhand der Bilder der Überwachungskameras konnten als mutmaßliche Täter zwei Männer aus Pakistan identifiziert werden, die nun in Untersuchungshaft sitzen. Sie sind sogenannte Capos – häufig selbst Migranten –, die sich um die Anwerbung der ausländischen Billigstlöhner, deren Unterbringung und die finanziellen Angelegenheiten kümmern. Belastet werden die beiden auch vom einzigen Überlebenden: Taj Alamyar, 35 Jahre alt, aus Afghanistan und seit ein paar Monaten in Italien. Er saß ebenfalls im Auto, konnte aber das Heckfenster zertrümmern und sich nach draußen retten.

Mit schweren Brandwunden an den Händen berichtet Alamyar, dass er zusammen mit den anderen auf einem Matratzenlager in einem kleinen Bauernhaus in der Nähe untergebracht gewesen sei, zu einem Tageslohn von 45 Euro. Eigentlich. Aber: »Wir haben jeden Tag unsere Bezahlung verlangt. Aber sie haben immer eine Ausrede gefunden. Und für die Fahrt zur Arbeit fünf Euro von uns verlangt. Fünf Euro hin, fünf Euro zurück. Zu Hause bekamen wir Brot und Kartoffeln, sonst nichts.« Am Morgen der Tat habe es wieder Streit gegeben, bei dem die Capos sie mit einer Waffe bedroht hätten. Dann sei es wieder auf die Felder gegangen. Auf der Rückfahrt sei es erneut zu einem Wortgefecht gekommen, bis die Capos an der Tankstelle angehalten hätten. »Sie wollten uns eine Lektion erteilen. Sie wollen den Landarbeitern hier in der Region klarmachen, dass Befehle nicht diskutiert werden«, so der einzige Überlebende.

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Gewerkschafter von CGIL über UIL bis zur USB haben eine lückenlose Aufklärung gefordert. Die Landarbeitergewerkschaft FAI der CISL sprach von einem Ereignis von beispielloser Tragweite. Man fordere weiterhin ein entschiedenes und konsequentes Vorgehen sowie das notwendige gemeinsame Engagement von Institutionen, Unternehmen und Sozialpartnern, um Schwarzarbeit aufzudecken und Arbeiterinnen und Arbeiter zu ermutigen, Erpressung und Gewalt stets zu melden. Gewerkschaftssekretär Antonio Castellucci schrieb auf dem Facebook-Account von FAI von einem »Parallelnetzwerk, das Ausbeuter rekrutiert und sich mit dem organisierten Verbrechen verbündet«. Ein erheblicher Teil der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte sei nach wie vor von Bandenkriminalität und Ausbeutung betroffen, wogegen die FAI täglich kämpfe. »In diesem Moment tiefer Trauer«, schließt Castellucci, »können wir nur dringend um schnelle und klare Aufklärung in dieser Angelegenheit bitten und den Familien der ermordeten Arbeiter die volle Solidarität und das Mitgefühl der Gewerkschaft aussprechen.«

Erst im März hatte das linke Manifesto die Zustände in Apulien in einer eindrücklichen Reportage geschildert. 40 Prozent der italienischen Tomaten werden dort produziert. In Borgo Mezzanone, dem »dunklen Herz Europas«, leben »in den schlammigen Gassen des Ghettos« 5.000 Menschen in Hütten ohne Wasser und unter katastrrophalen hygienischen Bedingungen. Mitten in der Nacht müssen sie aufstehen und bis spät abends 14 bis 15 Stunden mit schmerzenden Rücken für ein paar Euro schuften. Im Winter schneidet die Kälte in die Haut, die Luft riecht nach verbranntem Plastik und Harz. Dutzende provisorische Mülltonnen brennen entlang der Feldwege, ausrangierte Möbel, Platten, Gummireste liefern etwas Wärme. Gegen die Schmerzen nehmen viele Tramadol: ein starkes Opioid, das Rückenschmerzen, Kälte und Erschöpfung für ein paar Stunden vertreibt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 04.06.2026, Seite 6, Ausland

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