Zum Inhalt der Seite
Rechte Mobilisierung

Großbritannien: Ultrarechte instrumentalisieren Polizeiversagen

Foto: Isabel Infantes/Reuters
Die Gunst der Stunde: Tommy Robinson am Dienstag in Southampton

London. Aufgerufen zu den Protesten hatte der britische Faschist Tommy Robbinson: Am Dienstag abend demonstrierten mehr als 1.000 Menschen im südenglischen Southampton wegen des Umgangs der Polizei mit einem von einem Sihk niedergestochenen und wenig später gestorbenen weißen Studenten. Bei den Ausschreitungen wurden nach Polizeiangaben elf Polizisten verletzt und zwei Verdächtige festgenommen. Premierminister Keir Starmer verurteilte die Randale am Mittwoch: Es gebe dafür »keine Rechtfertigung«, sagte er.

Ausgelöst worden war die Welle der Entrüstung durch ein Video, das während des Prozesses gegen der 23jährige Vickrum Digwa publik geworden war. Darin ist zu sehen, dass der schwer verletzte und am Boden liegende Student Henry Nowak von der Polizei in Handschellen gelegt worden war – anstatt dass sie ihm Hilfe leistete. Der 18jährige rief mehrmals »I can't breathe« (»Ich kann nicht atmen«), bevor er das Bewusstsein verlor und starb. Vorausgegangen war ein Streit um ein Handy. Digwa behauptete damals aber, er selber sei das Opfer und rassistisch beleidigt worden. Die Videobilder von dem Vorfall im Dezember zeigten, dass die Polizisten diese Darstellung des Vorfalls offenbar für wahr hielten und Nowak deshalb die Handschellen anlegten. Digwa wurde am Montag wegen des Mordes an Nowak zu einer Haftstrafe von mindestens 21 Jahren verurteilt.

Die Empörung über den Mord an Nowak und das Verhalten der Polizei wurde von führenden Vertretern des ultrarechten politischen Lagers angeheizt. Der Chef der Partei Reform UK, Nigel Farage, appellierte an die Bürger, mit »reiner, kalter Wut« zu reagieren. Robinson sprach in Southampton von einem Beispiel für eine »Zwei-Klassen-Praxis« der Polizei, bei der Weiße schlechter behandelt würden als Angehörige ethnischer Minderheiten. Der selbst wegen mehrerer Straftaten verurteilte Faschist behauptete, »wäre Nowak nicht weiß gewesen, wären ihm nicht Handschellen angelegt worden«.

Anzeige

Nowaks Vater hatte zuvor vergeblich dazu aufgerufen, den Tod seines Sohnes nicht dafür zu instrumentalisieren, »Spaltung, Hass oder Spannungen« weiter anzuheizen. Premier Starmer sagte im Unterhaus in London: »Unabhängig von dem Schmerz, den wir empfinden, gibt es keine Rechtfertigung für mehr Gewalt und Chaos«. Die Beteiligten an der Randale werde »die volle Härte des Gesetzes« treffen. Den Aufruf seines größten Konkurrenten Farage nannte Starmer »unverzeihlich«.

Starmer und seine Labour-Regierung bestreiten, dass eine »Zwei-Klassen-Praxis« bei der Polizei existiert. Der Premier sagte aber auch, das Video von Nowaks Festnahme sei »entsetzlich« und werfe »ernsthafte Fragen« auf. Die britische Polizei kündigte an, dass sie ihre Anti-Rassismus-Richtlinien überprüfen werde. Die Polizeileitungen hörten sich die »legitimen Besorgnisse« hinsichtlich der Formulierungen von einigen dieser Regeln an und würden gegebenenfalls Änderungen vornehmen, erklärte der Vorsitzende des nationalen Gremiums der Polizeichefs (NPCC), Gavin Stephens.

Die Anti-Rassismus-Richtlinien waren im vergangenen Jahr veröffentlicht worden. Zielsetzung des Regelwerks ist es, den Umgang der Polizei vor allem mit Schwarzen zu verbessern, bei denen laut den Statistiken eine mehr als doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit der Festnahme besteht als bei Weißen. (AFP/jW)

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen am 04.06.2026, Ausland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!