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Aus: Ausgabe vom 04.04.2026, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Kriegsmythos

Von Arnold Schölzel
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Regelmäßig gibt die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) »den« Europäern Ratschläge, wie sie endlich wieder mit Militärstiefeln auf der Weltbühne aufstampfen können. Die rechten Schweizer sorgen sich, dass die Nachbarn schießen und bomben verlernen. So zerpflückt zum Beispiel am 28. März der frühere NZZ-Chefredakteur Eric Gujer »fünf Mythen«, die er über Kriege kursieren sieht und die den Blick auf den gegen den Iran emotional trüben.

Da wäre erstens: dass ein Krieg »klare Kriegsziele« erfordere. Unklare Kriegsziele, so Gujer, seien aber die Regel: »Täuschung und Irreführung des Gegners gehören zum Kriegshandwerk.« Zweitens: »Wer von seiner Strategie abweicht, hat schon verloren.« Aber: Wladimir Putin habe Kiew in wenigen Tagen erobern wollen, sei jedoch in einen Abnutzungskrieg geraten. Auch US-Amerikaner und Israelis müssten sich dem Verlauf der Kämpfe anpassen. Drittens: »Wer einen Krieg beginnt, benötigt eine Exit-Strategie.« Trump und Netanjahu hätten keine? Gujer: »Sie wären die ersten Feldherren, die darüber verfügten.« Gujer verweist auf den »Treibsand«, in den die US-Amerikaner im Irak ab 2003, in Afghanistan seit 2001 geraten seien, und auf Friedrich II., der auch nicht gewusst habe, wie er aus dem Siebenjährigen Krieg herauskommen sollte. Vierte falsche Erzählung: »Im asymmetrischen Krieg ist die schwächere Seite im Vorteil.« Beispiel Afghanistan? Gujer: Das war Guerilla, jetzt tobt ein konventioneller Krieg. In dem hätten USA und Israel bereits 2025 »einen großen Teil der iranischen Raketenstellungen vernichtet«. Das Arsenal des Iran sei nicht ausgeschöpft, aber auf Dauer weitermachen könne er auch nicht. Fünftens: »Kriege enden mit der Kapitulation einer Partei.« Das orientiere sich an der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands 1945. Viele Kriege endeten dagegen »mit einem Unentschieden oder lassen genügend Spielraum für alternative Bewertungen«. Gujer: »Die als David geltenden Revolutionswächter müssen nur irgendwie gegen den amerikanischen Goliath durchhalten, um als Sieger wahrgenommen zu werden.« Und »Frieden« sei überhaupt »oft nur eine Momentaufnahme«. Beispiel: Die Österreicher verloren 1805 bei Austerlitz gegen Napoleon und schieden aus dem Krieg aus, legten aber vielleicht den Grundstein für den Sieg in der Völkerschlacht bei ­Leipzig 1813 und den Sturz des Korsen.

Gujers Mythenkritik ist zumeist beliebig. Wer etwa den Sieg Vietnams im »asymmetrischen« Krieg gegen Frankreich und die USA oder den der Angolaner und Kubas über das vom Westen gestützte Apartheidregime in solcher Aufzählung nicht berücksichtigt, hat weltgeschichtliche Lektionen nicht gelernt. Aber um Aufklärung geht es diesem Schweizer nicht, lediglich um einen neuen Mythos: »Die« Europäer müssen Trump und Netanjahu in den Iran-Krieg folgen. »So wäre es klug gewesen, auf Trumps Hilfsersuchen zur Öffnung der Straße von Hormus einzugehen und im Gegenzug Bedingungen zu stellen: eine aktive Unterstützung der Ukraine durch die USA und die Wiederbelebung der NATO als Ort für die transatlantische Abstimmung.« Zwei Kriege auf einmal führen – das muss demnach »Europa« lernen. Eine Phantasie, die imperialistischer Barbarei entspringt.

Am Freitag heißt es in der NZZ: »Deutschland und seine europäischen Verbündeten müssen in dieser Welt in der Lage sein, das eigene Überleben zu sichern«, und sich deswegen militärisch um die Straße von Hormus kümmern. Deutschland könne sich »dieser Verantwortung nicht länger entziehen«: »Nicht, weil es den Krieg sucht – sondern weil es seine eigenen wirtschaftlichen Lebensadern sichern muss.« Ein Wort aus der Bankzentrale, das in Berlin bereits gehört wird.

Zwei Kriege auf einmal führen – das muss demnach »Europa« lernen. Eine Phantasie, die imperialistischer Barbarei entspringt

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