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15.05.2026
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Chaos und Konstanz
Trump-Besuch in Beijing
Donald Trumps Außenpolitik ist in der Regel schon charakterbedingt chaotisch und beschleunigt scheinbar den relativen Niedergang der US-Hegemonie. Gegenüber China und Russland jedoch ist sie bei allem Zickzack verhältnismäßig beständig und setzt insgesamt auf Berechenbarkeit und sogar Stabilität. Ein Indiz dafür ist, dass der Waffenstillstand im Zollkrieg mit der Volksrepublik, den er und Xi Jinping im Herbst 2025 in Südkorea vereinbart hatten, bis zu seinem Besuch in Beijing gehalten hat. Zuvor wollte Trump China mit bis zu 145 Prozent Zusatzzoll bestrafen. Was bei anderen, etwa der EU, bis heute für Schock und Entsetzen sorgt, beeindruckte Xi nicht besonders. Er erteilte eine Lektion, die offenbar gewirkt hat. Nach Beijing kam Trump mit einer Kompanie »Broligarchen« – seinen »Brüdern« vom IT-Monopolkapital, die ihn zur politischen Figur gemacht haben. Sie wollen vermutlich keine fürs Geschäft schädlichen Dummheiten.
Unvereinbar sind Chaos hier und Konstanz dort nicht. Ersteres ist Symptom für die Kombination von globalem Einflussverlust der USA und gleichzeitigem Vorsprung bei Spitzentechnologien, der bis vor kurzem uneinholbar schien. China hat das auf wichtigen Gebieten nicht zuletzt bei modernen Waffen widerlegt. Die Volksrepublik hat in den vergangenen zwei oder drei Jahren auf einigen Gebieten sogar die Nase vorn und setzt bei anderen zum Sprung an die Weltspitze an. Sie ist damit für die IT-Konzerne, nicht für antikommunistische »Falken« in Washington, offenbar erneut ein wichtiger Partner. Die Werkbankzeiten aber sind vorbei.
Hinzu kommt: Das seit 1978 verfolgte Modell der KP Chinas, mit Hilfe von Auslandskapital planmäßig technische Produktivkräfte zu entwickeln, schlägt qualitativ in wachsenden Wohlstand, nicht in Akkumulation von Armut plus Hochrüstung wie in den USA oder noch schleichend in Westeuropa um. Das wirkt global. Nebenbei: Die Vereinbarung von Joe Biden und Xi vom November 2024 in Peru, künstliche Intelligenz nicht für Atomwaffen einzusetzen, kann in ihrer Bedeutung zum Erhalt des Weltfriedens nicht überschätzt werden.
Die Konstanzelemente der US-Politik gegenüber China ergeben sich aus realistischer Anerkennung der von Beijing fast 50 Jahre verfolgten Entwicklungsstrategie. Das unterscheidet Washington grundlegend von den Westeuropäern, die sich durch Arroganz – eine kommunistische Partei, zumal in einem armen Land, kann keinen Erfolg haben – global ins Abseits gestellt haben. Der Aufstieg Chinas zur wirtschaftlichen Supermacht hat die Kräfteverhältnisse derart verändert, dass nun eine neuartige wirtschaftliche Kooperation mit den USA möglich erscheint. Das signalisiert Trumps Besuch.
An der Kriegsgefahr, die nicht von China, sondern allein vom US-Imperialismus ausgeht, ändert das nichts. Wie erstmals 2014 warnte Xi am Donnerstag erneut vor der »Thukydides-Falle«: Wenn Sparta Athen mächtig werden sieht, soll Krieg unvermeidlich sein? Beijing hält hartnäckig daran fest, dass das nicht so ist. Seine Konstanz, vulgo strategische Vernunft, ist eine Hoffnung.
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