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Vom »Unternehmen Merkur« zum »Fall Barbarossa«

Am 20. Mai 1941 begann die faschistische Wehrmacht die ­Eroberung Kretas und ging gegen die Bevölkerung mit Massenmord vor. Von Martin Seckendorf

Foto: SZ Photo/Picture Alliance
Plündern, brandschatzen, morden. Deutsche Fallschirmjäger landen auf Kreta, Mai 1941

Seit Sommer 1940 versuchte die deutsche Führung, Griechenland mit »friedlichen« Mitteln in das faschistische Bündnissystem einzugliedern. Als dies fehlschlug und britische Truppen den Griechen gegen eine von Albanien aus am 28. Oktober begonnene italienische Aggression zu Hilfe kamen, beschloss die Naziführung am 4. November, Hellas militärisch niederzuwerfen. Am 6. April 1941 begann der Überfall, der mit der Besetzung des griechischen Festlandes am 30. April endete. Seit dem 15. April bereitete die Wehrmacht unter der Deckbezeichnung »Unternehmen Merkur« die Invasion Kretas vor. Die Insel sollte, wie es in der Grundsatzweisung des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) hieß, als Nachschub- und Absprungbasis für offensive Aktionen, insbesondere für die Luftkriegsführung gegen Britannien im östlichen Mittelmeer und in Nordafrika, dienen. Mit der Vertreibung der Briten aus diesem Raum hätten auch die für die deutsche Kriegswirtschaft wichtigen Erdölvorkommen in Rumänien und die Südflanke des Aufmarsches gegen die Sowjetunion außerhalb der Reichweite der Royal Air Force gelegen.

Am 20. Mai begann mit einer kombinierten Luft- und Seelandung die Invasion Kretas. Die Verteidiger der Insel, etwa 32.000 Soldaten des britischen Empire sowie ca. 10.000 griechische Soldaten, fügten den Invasoren materielle und personelle Verluste in Höhe von mehr als 50 Prozent der eingesetzten Kapazitäten zu. Wegen der unerwartet hohen Ausfälle war ein Ende der Kämpfe nicht absehbar. Im Oberkommando des Heeres erwog man zeitweise eine Verschiebung des auf den 22. Juni 1941 festgesetzten Termins für den Angriff auf die Sowjetunion.

Die personellen Verluste der Deutschen waren auch deshalb so dramatisch hoch, weil sich die kretische Bevölkerung in großem Umfang an der Abwehr der Aggression beteiligte. Für Militaristen galt bewaffneter Widerstand des Volkes als terroristische, todeswürdige Tat. Obwohl dieses Verhalten der Kreter durch Artikel 2 der Haager Landkriegsordnung von 1907 gedeckt war, nahmen es die Invasoren zum Anlass für einen grausamen Rachefeldzug gegen die Bevölkerung. (…)

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Ende Mai waren die Kämpfe beendet. (…) Die britischen und griechischen Truppen konnten unter großen Verlusten nach Nordafrika evakuiert werden. Einige Offiziere blieben zurück. Sie sollten Nachrichten sammeln, Sabotage­unternehmen durchführen und den Widerstand der Kreter unterstützen. (…) Am 31. Mai erließ der Kommandierende General des XI. Fliegerkorps, Kurt Student, der sich selbstherrlich Gouverneur von Kreta nannte, einen Grundsatzbefehl. Die Weisung gilt als eine der grausamsten Anordnungen der jüngeren deutschen Militärgeschichte. Student legalisierte darin die »wilden« Massenerschießungen von Zivilisten durch »die Truppe« während der Kämpfe. Nun sollte systematisch vorgegangen werden. Der General befahl, »mit äußerster Härte« vorzugehen. (…) Neben dem »Niederbrennen von Ortschaften« sollten Massentötungen bis »zur Ausrottung der männlichen Bevölkerung ganzer Gebiete« durchgeführt werden. Durch die aufgehobene Obergrenze der »Sühnetoten« (bis dahin galt: Bei einem toten oder verwundeten Deutschen sollten zehn Kreter ermordet werden) führten die Erschießungen von meist wahllos festgenommenen Zivilisten zu entsetzlich hohen Opferzahlen. Im Rahmen dieser Terrorwelle wurden von Anfang Juni bis Ende September 1941 etwa 2.000 Kreter umgebracht, zahlreiche Dörfer geplündert und vollkommen zerstört. Auch danach kam es bis Ende 1942 immer wieder zu Massenerschießungen. (…)

Auf der Insel hatte sich inzwischen eine starke linksorientierte Widerstandsbewegung, die Nationale Befreiungsfront (EAM), und ihr militärischer Arm, die Nationale Volksbefreiungsarmee (ELAS), etabliert. Sie waren auf ganz Kreta aktiv, insbesondere in dem schwer zugänglichen Gebirgsmassiv im Süden. Die Vernichtung dieser Bewegung wurde die Hauptaufgabe der Besatzungstruppen. Auch die britische Politik beobachtete die Entwicklung von EAM/ELAS mit Argwohn. Um deren Einfluss einzugrenzen, bildeten britische Offiziere im Herbst 1942 auf der Insel aus bürgerlichen Kräften in den Städten eine nationalistische Widerstandsorganisation (EOK). Diese unterhielt mit britischer Billigung auch gute Verbindungen zu den Okkupanten. (…)

Die Verbrechen auf Kreta kamen gleich nach 1945 vor internationalen und griechischen Gerichten zur Anklage. (…) Deutsche Behörden ermittelten erst auf Drängen der griechischen Regierung, die umfangreiches Beweismaterial gegen etwa 80 Beschuldigte übersandte. Alle Verfahren wurden bald eingestellt, so dass als entlarvendes Fazit bleibt: Kein Wehrmachtsangehöriger ist wegen auf Kreta begangener Untaten von einem deutschen Gericht verurteilt worden. Die andere Seite dieses Skandals ist, dass viele Offiziere der nazistischen Fallschirmtruppe ihre Karriere in der Bundeswehr fast bruchlos fortsetzen konnten. (…) Das eklatanteste Beispiel für die Wiederverwendung hoher Nazioffiziere ist Heinz Trettner. Bei der Invasion Kretas war er Generalstabschef (Ia) von Student. Nach 1945 wurde er höchster Offizier und General­inspekteur der Bundeswehr.

→ Martin Seckendorf (1938–2020): Zeit des Schreckens. Vor 75 Jahren eroberten die deutschen Faschisten Kreta und errichteten auf der griechischen Insel ein grausames Okkupationsregime. In: junge Welt, 20. Mai 2016

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Erschienen in der Ausgabe vom 16.05.2026, Seite 3, Wochenendbeilage

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