Heimatfront des Herrn
Von Susann Witt-Stahl
Ein Meer von Bibelversen und Evangelikalenkitsch flutet derzeit die US-amerikanischen sozialen Netzwerke. »Der Herr befiehlt seinen Engeln, über sie zu wachen auf all ihren Wegen«, heißt es in einem Instagram-Post mit einem Bild, das betende Soldaten zeigt mit Star-Spangled Banner, Panzern und Flugzeugen, über denen eine Schar weißer Ritter mit Flügeln schwebt. Andy Ogles, republikanischer Abgeordneter im Repräsentantenhaus aus Tennessee, veröffentlichte ein KI-generiertes Video von sich, Kriegsminister Pete Hegseth und Außenminister Marco Rubio in Kreuzritterrüstung vor dem Weißen Haus mit den Worten: »Das ist eine Schlacht Gut gegen Böse.«
Bibelkreise, Fernsehprediger, Christfluencer im Internet – die Heimatfront des Herrn rüstet die Bevölkerung spirituell zum Endkampf gegen die Teufel in Teheran, aber auch um der Idee, die USA in eine christliche Theokratie zu verwandeln, mehr Nachdruck zu verleihen. Nach Schätzungen sind 60 bis 80 Millionen US-Amerikaner Anhänger des evangelikalen Glaubens – Tendenz steigend. Besonders entschlossen mobilisieren Verbände wie die National Association of Evangelicals, die Faith and Freedom Coalition, vor allem aber die christlichen Zionisten von Christians United for Israel (CUFI), nach eigenen Angaben mit rund zehn Millionen Mitgliedern (darunter Hegseth, Mike Huckabee, US-Botschafter in Israel, sowie der US-Botschafter bei der UNO Mike Waltz) die größte proisraelische Organisation der Vereinigten Staaten. CUFI haben in den vergangenen Jahren Millionen von US-Dollar in Lobbyarbeit gesteckt, um im Kongress mehr Sanktionen gegen den Iran und eine härtere Gangart gegen die Hisbollah, Hamas, Ansarollah und andere Feinde Israels zu erwirken. Sie investieren auch in den illegalen Siedlungsbau im Westjordanland. Ihr Ziel ist die Errichtung eines Großisraels vom Nil bis zum Euphrat und schließlich eines dritten Tempels in Jerusalem zur Einleitung der Apokalypse mit Wiederkunft Jesu, die die Juden schließlich ins Fegefeuer jagt oder zwingt, zum Christentum zu konvertieren. Christliche Zionistin ist auch Paula White-Caine, Leiterin des »Glaubensbüros« des US-Präsidenten, die am 5. März das Gebet evangelikaler Führer mit Donald Trump im Oval Office für Gottes Beistand im Iran-Krieg arrangiert hatte.
Die Islamische Republik ist für christliche Zionisten ein bedeutender Akteur der Endzeitprophezeiung. Am Sonntag nach Beginn des Iran-Kriegs lobpreiste CUFI-Gründer John Hagee (auf sein Drängen war die US-Botschaft 2018 von Tel Aviv nach Jerusalem verlegt worden) in seiner Predigt die »brillante Durchführung« der »Operation Epic Fury«. Der evangelikale Pastor Greg Laurie erinnerte seine Gemeinde vergangene Woche an die Voraussage in der Bibel, »dass sich in den vergangenen Tagen eine große Koalition aus dem Norden – einschließlich Persien, dem heutigen Iran – gegen Israel erheben wird, siehe Hesekiel 38/39«. Laurie, der als Polizeiseelsorger tätig ist und dessen Onlinegottesdienste durchschnittlich eine Reichweite von 100.000 Zuschauern erzielen, gehörte zu den Kirchenvertretern, die Donald Trump bei seiner ersten Amtseinführung 2017 für die Teilnahme am Nationalen Gebetsdienst ausgewählt hatte. Er sendet »Weckrufe« aus, sich bereitzumachen für die baldige Ankunft des Herrn. Aber vorher würde Israel zunehmend isoliert und eine »große Nation« namens Magog in den Krieg eintreten, warnt Laurie in Berufung auf die Bibel. »Das ist noch nicht geschehen. Viele Wissenschaftler glauben, dass Magog ein Hinweis auf das heutige Russland ist. Ich stimme dieser Ansicht zu.«
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