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Aus: Ausgabe vom 30.12.2019, Seite 10 / Feuilleton
Architektur

Um die Wette gebaut

Zwischen US-Kapitalismus und Sowjetunion: Eine Ausstellung in Wien zur österreichischen Architektur unter dem Einfluss der Siegermächte
Von Christian Kaserer
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Gegen den Konsens: Entwurf von Ernst Plojhar für den 14. Parteitag der KPÖ 1948 in Wien

Im Kalten Krieg ging es um Aufrüstung und Forschung, es gab Stellvertreterkriege, und als Kampf um die Köpfe der Menschen erfasste der Wettstreit der Systeme in Ost und West nahezu alle Bereiche des Lebens. So auch die Architektur.

Wie diese Zeit das Bauen und Wohnen in Österreich veränderte, untersucht eine recht umfangreiche Ausstellung im Architekturzentrum Wien. Den Titel »Kalter Krieg und Architektur« trägt auch die dazugehörige Buchpublikation.

Der Schwerpunkt liegt auf den ersten 15 Jahren nach der Befreiung vom Nazifaschismus, die folgenden Jahrzehnte werden nur angerissen. In abgegrenzten Bereichen werden Beiträge der vier Siegermächte – Sowjetunion, USA, Großbritannien und Frankreich – zu Wiederaufbau und Nachkriegsarchitektur anschaulich gemacht.

Da geht es etwa um den Anteil der Briten am »sozialen Aufbau«, wie es in der Ausstellung heißt. Am Wohlfahrtsstaat auf der Insel habe sich Österreich ein Vorbild genommen für den Mittelweg zwischen US-Kapitalismus und sowjetischem Sozialismus. Während die Regierenden der ÖVP eine Westintegration anstrebten, stand die SPÖ der Labour Party nahe. Britische Stadtplanungsmodelle wurden zum Muster für die architektonische Umgestaltung Wiens. Als Exempel genannt werden neben dem »Greater London Plan« auch die sogenannten »New Towns«, die es Architekten ermöglichten, »auf ihren Planungen aus der NS-Zeit aufzubauen, ohne jedoch mit den ursprünglichen ideologischen Motivationen in Verbindung gebracht zu werden.« Eine typisch österreichische Lösung.

Deutlich bescheidener war der Beitrag der Franzosen, die vor allem historische und kulturelle Gemeinsamkeiten betonten und dabei auf Persönlichkeiten wie den weltberühmten Architekten Le Corbusier setzten. Als der 1948 zur Begeisterung von Studierenden Wien besuchte, zeigten sich die offiziellen Stellen skeptisch bis ablehnend gegenüber seinen Ideen.

Der größte Teil der Schau widmet sich den USA, die bei der Propagierung des »American Way of Life« auf eine Vermischung von Wohn- und Lebenskultur setzten. So wurde etwa eine Mustersiedlung als Gegenmodell zum typischen Wohnblock des Roten Wien errichtet, in der auch Möbel nicht fehlten. Erhalten gebliebene Sessel sind neben diversen Propagandaplakaten in der Ausstellung zu finden.

Während die Amerikaner sehr bald nach dem Krieg »Informationszentren« zur Verbreitung ihrer Propaganda etablierten, folgten die Sowjets damit erst 1950. Inhaltlich konzentrierten sie sich auf die Friedenspolitik, Aufbauleistungen und technische Errungenschaften. Das Architekturzentrum zeigt etwa Fotos und Plakate aus der Ausstellung »So baut man in der Sowjetunion« von 1950. »Der parteien- und klassenübergreifende Konsens des Antikommunismus der Zweiten Republik verunmöglichte die Rückkehr einer kosmopolitischen, oft jüdisch und links orientierten Architektenschaft«, heißt es in diesem Zusammenhang.

Zu den Vertretern dieser Gruppe, die sich in der KPÖ verwirklichen konnten, zählte der Architekt Ernst Plojhar, der zeitweise auch für die architektonische Realisierung von Parteitagen zuständig war. Aus seinem Nachlass werden diesbezügliche Originalentwürfe ausgestellt, aus dem Archiv der KPÖ entsprechende Fotografien. Aus dem Parteiarchiv stammen auch Aufnahmen des »Zimmers für Stalin«, das dem Arbeiterführer zum 70. Geburtstag aus Österreich geschenkt wurde. Eine heute kaum noch bekannte Kuriosität.

Als die wohl größten Leistungen der Sowjetunion werden der schnelle Wiederaufbau der Wiener Oper und die Errichtung eines imposanten Denkmals am Schwarzenbergplatz gewürdigt. Erfreulicherweise kommt die Schau beinahe ohne antikommunistische Invektiven aus. In einer Zeitleiste wird der Sieg der kubanischen Revolution allerdings als »Machtergreifung Fidel Castros« geschmäht, was angesichts der Konnotationen des Begriffs mehr als ärgerlich ist. Wer davon absehen kann, kommt in den Genuss einer erstaunlich ausgewogenen Darstellung eines kaum bekannten Teils österreichischer Geschichte.

Noch bis 24. Februar im Architekturzentrum, Museumsplatz 1, 1070 Wien

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