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13.05.2026
- → Feuilleton
Wie ein Erdbeben
Die österreichische Historikerin Sabine Fuchs im Gespräch mit dem griechischen Theaterregisseur Theodoros Terzopoulos
Die »beste und global verständlichste« Form der Kommunikation auf der Bühne bestehe darin, »durch den Körper zu kommunizieren«. So beschreibt Theodoros Terzopoulos die von ihm entwickelte Schauspielmethode, mit der er während der vergangenen Jahrzehnte wegweisende Inszenierungen auf die Bühnen vieler Länder gebracht hat. Die in Wien lebende Historikerin Sabine Fuchs hat über Monate hinweg Gespräche mit dem griechischen Regisseur über dessen Leben und Werk geführt. Das dabei entstandene Buch »Ich bin kein Opfer des Bürgerkriegs« ist das Ergebnis dieses intensiven Austauschs über Theater, Politik und immer wieder auch über die jüngere Geschichte Griechenlands. Der 1945 geborene Terzopoulos wuchs unter einfachen Bedingungen auf. Bürgerkrieg und Militärdiktatur prägten seine Kindheit und Jugend. In den 60er Jahren begann er in Athen seine Theaterausbildung.
Durch die Auseinandersetzung mit Brecht entstand bei Terzopoulos der Wunsch, nach Berlin und ans Berliner Ensemble zu gehen. Eine Möglichkeit dafür ergab sich, als Terzopoulos‘ Lehrer, der Regisseur Kostis Michailidis, ihn als Ensemblemitglied auf eine Europatournee mitnahm. Am Ende dieser Reise setzte sich Terzopoulos ab und beantragte ein Visum für die DDR. Die Einreise gelang, und es begann die prägendste Phase im Leben des Regisseurs. In dieser Zeit entstand unter anderem die enge Verbindung zu Heiner Müller, der Terzopoulos nachhaltig beeinflusste und dessen Werke dieser später mehrfach inszenierte.
Nach dem Ende der Militärdiktatur kehrte Terzopoulos nach Griechenland zurück und gründete das Attis-Theater. Er widmete sich der Inszenierung antiker Tragödien und entwickelte gemeinsam mit dem Ensemble seine Theatermethode. In dieser steht, wie eingangs erwähnt, der Körper der Schauspielerinnen und Schauspieler im Mittelpunkt. Im Buch schildert Terzopoulos eine Episode aus der Entstehungszeit der Methode während der Proben zu den »Bakchen« in den 80er Jahren. Der Bericht vermittelt einen Eindruck von der Intensität des Ansatzes: »Wir sind ins Gebirge gegangen und haben Löcher in die Erde gegraben, Wasser eingefüllt und in diesen Löchern dann unsere Stimmen trainiert, haben versucht, eine physische Stimme zu finden, über das Zwerchfell. Das Gesicht in dem Wasserloch, mehr Wasser, Unterschied, weniger Wasser, Unterschied, noch mehr Wasser, wieder anders, mit größerer Distanz wieder anders, und da waren diese Frequenzen im Wasser. Im Dezember, Weihnachten 1985, sind wir in mein Dorf, nach Makrygialos, gefahren. Wir sind im eiskalten Meer geschwommen und haben an den Anastenaria-Zeremonien, bei denen man über Feuer läuft, teilgenommen.« (S. 102)
Aus diesen Experimenten entstand eine Theatermethode, die für die Schauspielerinnen und Schauspieler ebenso intensiv ist wie für das Publikum: »Eine Aufführung sollte ein globales Gefühl kreieren«, erläutert Terzopoulos, »so wie ein Begräbnis oder ein Erdbeben. Das beinhaltet Angst, Ehrfurcht, Läuterung, aber auch Vergnügen.« (S. 92) Für Terzopoulos bedeutet die Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper, den Menschen in seiner Gesamtheit, mit all seinen Erfahrungen, in den Mittelpunkt der Theaterarbeit zu stellen. Dazu gehören auch Gewalterfahrungen, die er in seinen Inszenierungen oft thematisiert. Häufig rekurriert er dabei auf die Zeit der Militärdiktatur und des Bürgerkriegs – auch wenn dies in der Regel nur als Bezugspunkt seiner eigenen Erfahrungen dient: »Ich spreche immer über das Trauma«, so Terzopoulos, »ich habe in meiner Arbeit kaum direkte Referenzen an den Bürgerkrieg verwendet, aber gerade weil es dieses Trauma gegeben hat, gab es, ganz unvermeidlich, Aspekte des Traumas auch in meiner Arbeit.«
Sabine Fuchs vermittelt den anspruchsvollen Ansatz von Terzopoulos, indem sie darstellt, wie dessen Methode entstanden ist und sich weiterentwickelt hat. Die Interviews, die den Kern des Buches bilden, verknüpfen biografische Stationen mit politischen Ereignissen sowie künstlerischen und intellektuellen Einflüssen, die für die Arbeit des Regisseurs prägend waren. Diese thematische Breite eröffnet den Leserinnen und Lesern einen weiten Blick auf die griechische und europäische politische und kulturelle Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg. Ergänzt wird der Band durch einen einleitenden Essay von Fuchs zur Geschichte des griechischen Bürgerkriegs und des linken Widerstands gegen die Militärdiktatur.
→ Sabine Fuchs/Theodoros Terzopoulos: Ich bin kein Opfer des Bürgerkriegs. Sabine Fuchs im Gespräch mit dem griechischen Theaterregisseur. Mandelbaum-Verlag, Wien 2025, 238 Seiten, 24 Euro
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