Des einen Krieges müde
Von Reinhard Lauterbach
Was der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij der Agentur Reuters erklärte, hat aller Wahrscheinlichkeit nach den Charakter einer Mitteilung vor allem an die ukrainische Öffentlichkeit: Die USA unter Donald Trump machten weitere Sicherheitsgarantien für die Ukraine davon abhängig, dass diese das Donbass – definiert durch die ehemaligen sowjetischen Regionen Donezk und Lugansk – vollständig räume. Daran hätten auch die jüngsten ukrainisch-amerikanischen Gespräche in Florida nichts geändert. Die Räumung spielt dabei rhetorisch die Rolle der bitteren Pille, die Sicherheitsgarantien die des Zückerchens.
Selenskij brachte das mit der »wachsenden Aufmerksamkeit« in Verbindung, die der Iran-Krieg von den USA verlange. Das ist natürlich Unsinn. Wenn die USA die Lage am Golf »aufmerksam« beobachtet hätten, hätten sie erst gar nicht angegriffen. Trump hat den erhofften Blitzsieg am Persischen Golf verfehlt, und die noch lebenden offiziellen Vertreter des Iran fühlen sich stark genug, um die Verhandlungsultimaten aus Washington zurückzuweisen. Daran mag auch einiges gepokert sein, aber das ist an dieser Stelle egal. Entscheidend ist, dass Selenskij seiner ukrainischen Öffentlichkeit die bittere Pille jetzt serviert und gleichzeitig erklärt, an ihm habe es nicht gelegen. Denn ihm sitzt der nationalistische Teil der ukrainischen Öffentlichkeit im Nacken; daher will er den Vorwurf des Verrats von sich abwenden und eine mögliche Wutkampagne der ukrainischen Rechten nach einem für Kiew auf den ersten Blick unvorteilhaften Friedensschluss ins Leere laufen lassen. Ob ihm das gelingt, muss sich zeigen – denn ein Ende des Krieges bedeutet auch, dass der ukrainische Präsident Neuwahlen nicht länger ausweichen kann. Und wenn er persönlich sie verlieren sollte, wäre es aus mit der Amtsimmunität. Da kann noch einiges auf ihn zukommen.
Aus US-Sicht hat der gut vierjährige Krieg in der Ukraine seine Schuldigkeit getan. Er hat, genau wie es einst Zbigniew Brzeziński skizziert hat, das ukrainische und das russische Volk gründlich verfeindet, die Perspektive eines langfristigen Interessenausgleichs, der mehr wäre als eine erzwungene Feuerpause, ist in weite Ferne gerückt. Wenn Russland jetzt einem »Deal« zu diesen Konditionen zustimmen sollte, bekäme es eine weitgehend zerstörte Region, aus der für Jahrzehnte wirtschaftlich kein großer Nutzen zu ziehen sein wird. Und einen Nachbarn im Südwesten, der, mutig gemacht durch westliche »Sicherheitsgarantien«, nicht lange zögern wird, den offenen Krieg in eine verdeckte Phase übergehen zu lassen: Drohnenangriffe der Ukraine sind technisch weiterhin möglich, solange sie gut genug verschleiert werden können. Und Russland sähe sich mit den westlichen »Garantien« konfrontiert, falls es sich dagegen wehren sollte. Ein Geschäft wäre ein solcher »Deal« allenfalls für den, der ihn eingefädelt hat.
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Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (27. März 2026 um 09:16 Uhr)Zäumen wir das Pferd von vorne auf: Faktisch steuert alles auf ein Szenario von »zwei Ukrainen« zu – eine Entwicklung, die stark an die Teilung Deutschlands im Kalten Krieg erinnert. Entscheidend wird dabei nicht moralische Rhetorik sein, sondern knallharte Realität: Welche Seite kann der Bevölkerung bessere Lebensbedingungen bieten? Weder Russland noch die EU wirken derzeit in der Lage, diese Herausforderung überzeugend zu meistern. Russland ist wirtschaftlich angeschlagen, kann jedoch zumindest auf Unterstützung durch chinesisches Kapital setzen. Die EU hingegen präsentiert sich zerstritten, schwerfällig und politisch uneinig – kaum die Voraussetzungen für einen langfristig tragfähigen Wiederaufbau. Am Ende wird nicht durch politische Erklärungen entschieden, sondern durch Lebensstandard, Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven. Genau hier könnte sich die Schwäche Europas als entscheidender Faktor erweisen. Die Rolle der USA erscheint dabei von Anfang an ambivalent: Ein nachhaltiges strategisches Interesse an einer stabilen Ukraine war kaum erkennbar. Stattdessen wirkt der Konflikt rückblickend eher wie ein geopolitisches Instrument, dessen Folgekosten nun andere zu tragen haben.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (26. März 2026 um 23:10 Uhr)Lassen wir mal Wlodi außen vor. Frau Victoria Nuland bestätigte, dass der Sturz des gewählten Präsidenten Janukowitsch 5,5 Milliarden US-Dollar gekostet hat. Immer noch 2014. Der Außenminister der BRD, Guido Westerwelle, fliegt nach Kiew und versichert, »dass wir alles in unseren Kräften Stehende tun werden, um«. Dann versagte sein Mikrophon. Fred Buttkewitz hat uns über Jahre darüber auf dem Laufenden gehalten, was sich bis zum 24.2.2022 im Osten der Ukraine ereignete, also den brutalischsten russischsten Angrffskrieg erst hervorbrachte. Zum 7.10.2023 habe ich mich schon geäußert. Die Tatsachen der initiierten Invasion sind eindeutig. Zum israelisch-US-amerikanischen Krieg im Iran: Wie ich schon klargestellt hatte und sich inzwischen bestätigte, reichen wenige Worte des derzeitigen Präsidenten der USA, um weltweite Aktienkursumschwünge auszulösen. Wie bereits beschrieben und gesagt: Das war nicht anders zu erwarten und zumindest von vornherein Teil und Resultat der militärisch unsinnigen Spezialoperation. Dieser Präsident der USA ist nicht toll, irre, wahnsinnig oder verrückt, sondern konsequent und will verabscheut werden. (Unser BK Merz gibt vor: Christ und Demokrat. Und ist nur Parteisoldat.)
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