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11.05.2026
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Signale aus Moskau
Putin betont Gesprächsbereitschaft
Fangen wir mit dem schlechtesten Argument an, das Wladimir Putin am »Tag des Sieges« geäußert hat. Gefragt, warum die alljährliche Parade diesmal ohne das Vorzeigen schwerer Militärtechnik verlaufen sei, antwortete er, die russischen Streitkräfte seien damit beschäftigt, in der Ukraine den Sieg zu erkämpfen. Das Argument überzeugt in keiner Weise: Ein paar Panzer hätte Russland wohl für ein paar Tage entbehren können. Die wahrscheinlichere Erklärung ist: Moskau wollte ein Signal senden. Ein Signal der Angst vor ukrainischen Drohnenattacken wohl eher nicht, denn solche hätten die zu Fuß marschierenden Soldaten ebenso gefährdet wie Panzerbesatzungen. Sondern eines der Entspannungsbereitschaft.
Offensichtlich ist man in Moskau zu der Einschätzung gekommen, dass das schnelle und siegreiche Ende des Ukraine-Kriegs zu den ursprünglichen russischen Konditionen nicht in Sicht ist. Kein Wort von Putin zu den Zielen der »Entnazifizierung« und »Entmilitarisierung« der Ukraine; nichts über die vollständige Eroberung der Bezirke Saporischschja und Cherson, um die es schon seit Monaten still geworden ist. Statt dessen war ein Großteil seiner Ansprache auf dem Roten Platz der »Einheit von Front und Hinterland« gewidmet. Ist diese Einheit am Ende strapaziert?
Am Abend wurde Putin noch deutlicher: Er betonte wiederholt die Vermittlerrolle von US-Präsident Donald Trump beim Zustandekommen der Feiertagswaffenruhe und für den – bis zum Sonntag ausgebliebenen – Gefangenenaustausch. Ausdrücklich formulierte er diese Bereitschaft zur Entspannung in seiner abendlichen Pressekonferenz: Auch in Europa wachse wieder die Zahl derjenigen, die die Beziehungen zu Russland wiederherstellen wollten; hierzu sei man bereit, wenn russische Interessen berücksichtigt würden. Beiläufig räumte Putin noch ein zentrales Argument vom Tisch, mit dem Russland seit 2024 direkte Gespräche mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij abgelehnt hatte: Dieser sei »illegitim«, weil er derzeit ohne demokratisches Mandat amtiere. Jetzt hieß es: Bitte, wer mit ihm sprechen wolle, wisse, wo er anzutreffen sei. Und wenn nicht in Moskau, dann halt irgendwo sonst. Voraussetzung sei nur, dass ein belastbares Friedensabkommen vorher ausgehandelt sei – so verbindlich, wie die Istanbuler Vereinbarungen mit der Ukraine von 2022, auf die sich Putin ausdrücklich bezog. Auf leere Versprechungen aber werde sich Russland nicht mehr einlassen.
Bemerkenswert ist auch, wen Putin als möglichen Vermittler bei russisch-ukrainischen Verhandlungen ins Gespräch brachte: den ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Aus dessen Büro kam keine Stellungnahme, also auch kein Dementi. Nur die Bundesregierung äußerte sich sofort ungefragt – denn Schröder ist inzwischen Privatmann und Kanzler Merz zu nichts verpflichtet – und wies den Gedanken augenblicklich als »Scheinangebot« zurück. Scheinangebot soll heißen: An einem Ende des Ukraine-Konflikts sind wir nicht interessiert.
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