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Der Brexsack geht um

Foto: Toby Melville/Reuters

Das allmähliche Zerbröckeln eines Staatswesens wird gelegentlich unterbrochen durch Momente, die seinen Zerfall zu beschleunigen scheinen. Wahlen, die, zumal dann, wenn ihnen wie im Vereinigten Königreich das Mehrheitswahlrecht zugrunde liegt, eigentlich den Zweck haben, bestehende Verhältnisse zu stabilisieren, können solche Momente sein, Großbritannien ist so ein Staatswesen. Diesen Eindruck muss gewinnen, wer sich den Ausgang der jüngsten Abstimmungen in England, Wales und Schottland vergegenwärtigt. Der Zweiparteienmechanismus, bestehend aus Tories und Labour, die sich seit gut einem Jahrhundert an der Regierung abgelöst haben, ist zerbrochen, der sozialdemokratische Premier nach der herben Schlappe seiner Partei mit Forderungen nach seinem Rücktritt konfrontiert.

Unter anderem vom Londoner Telegraph: »Fassungslos angesichts des Ausmaßes des Wahldebakels, das er seiner Partei zugefügt hat, sitzt Starmer offenkundig in der Falle. (…) Zum Wohle des Landes und um zu retten, was von Würde und Verantwortungsbewusstsein in der britischen Politik noch übrig ist, muss Starmer eine endgültige Kehrtwende vollziehen und zurücktreten.«

Nicht so schnell, finden hingegen die Kollegen von der Times: »Möglicherweise ist Sir Keirs Zeit abgelaufen, und die Labour-Partei wird in einen erbitterten Führungsstreit abgleiten. Das wäre das letzte, was das Land jetzt braucht. Die meisten seiner potenziellen Nachfolger wären angesichts ihrer Überzeugungen und Prioritäten noch schlimmer als Sir Keir, was viel über den Zustand der Labour-Partei aussagt.«

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Und nun? Verteidiger einer zerfallenden bürgerlichen Ordnung haben selbstredend keine Antworten auf die Misere, die jenseits dieser Ordnung liegt; was ihnen hierzulande einfällt, liegt jenseits des Ärmelkanals. Der Premier hat versagt, dabei gibt es, erklärt das Handelsblatt, »ein Thema, mit dem Starmer die Briten in seinen Bann hätte ziehen und wieder in die Offensive kommen können: die Rückkehr Großbritanniens nach Europa. Hier verließ den Premier jedoch der Mut zu einem wirklichen Kurswechsel.«

Der Brexit nämlich ist der Grund für die desperate Lage und noch immer zieht er sich »als tiefer Graben durch die britische politische Landschaft«, schreibt die FAZ, die Parteienpräferenz der britischen Wähler ordne sich zunehmend entlang dieser Frage. Pure Ironie, »dass sich die vom politischen Establishment enttäuschten Wähler ausgerechnet jener politischen Kraft zuwenden, die durch ihre erfolgreiche Brexit-Kampagne die Verantwortung für das Handicap trägt, das auf wirtschaftlichem Wachstum und gesellschaftlichem Wohlergehen im Vereinigten Königreich liegt«. Reform UK mit dem »Brexsack« (Bild) Nigel Farage stört diese Leute. (brat)

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 13.05.2026, Seite 2, Ansichten

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