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Ukraine-Krieg

9. Mai: Angriff vorbehalten

Temporäre Waffenruhe: Selenskij kündigt »spiegelbildliche« Reaktion am »Tag des Sieges« an. Hunderte ukrainische Drohnen über Russland abgeschossen

Foto: Stringer/Reuters
In wachsamer Stellung: Vor den Feierlichkeiten ist die Sicherheitslage in Moskau angespannt (7.5.2026)

Die Ukraine wird auf das russische Verhalten am Sonnabend, dem »Tag des Sieges« in Russland, »spiegelbildlich« antworten. Das kündigte Präsident Wolodimir Selenskij am Donnerstag auf seinem Telegram-Kanal an. Das kann bedeuten, dass er unter Umständen bereit wäre, auf Angriffe gegen die Siegesparade in Moskau zu verzichten, wenn Russland seinerseits auf Schläge gegen ukrainische Ziele verzichtet. Da Selenskij aber gleichzeitig der gegnerischen Seite vorwarf, die von ihm selbst angekündigte Waffenruhe seit der Nacht zum Mittwoch vielfach gebrochen zu haben, ist unklar, was geschehen wird.

Das russische Verteidigungsministerium kündigte »vernichtende Vergeltungsschläge« an, wenn die Ukraine die Parade angreifen sollte; das Außenministerium warnte die diplomatischen Botschaften in Kiew in einer Note vor möglichen Schäden und forderte die Vertretungen auf, ihr Personal zu evakuieren. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Marija Sacharowa, begründete dies mit Selenskijs »aggressiven und bedrohlichen Äußerungen« bezüglich der Störung der Gedenkfeiern. Der Präsident hatte bei seinem Besuch in Armenien am Wochenende auf die russische Ankündigung, dass die Feierlichkeit aus Sicherheitsgründen in kleinerem Rahmen und ohne militärische Ausrüstung stattfinden würden, mit den Worten reagiert, dass es »das erste Mal seit vielen, vielen Jahren sein wird, dass sie sich keine militärische Ausrüstung leisten können und befürchten, dass Drohnen über den Roten Platz schwirren könnten. Das spricht Bände.« Und das Format der Parade ist unterdessen weiter reduziert worden. Nachdem bereits keine Militärtechnik an der Ehrentribüne vorbeifahren wird, wurde jetzt angeordnet, landesweit auch die Gedenkmärsche des Programms »Unsterbliches Regiment« abzusagen bzw. ins Internet zu verlegen. Unter dieser Parole erinnern Bürger an ihre Vorfahren, die im Verteidigungskrieg gegen Nazideutschland gekämpft haben.

Aktuell kommen vor allem Drohnen zum Einsatz: In der Nacht zum Donnerstag feuerte die Ukraine nach eigenen und russischen Angaben etwa 350 auf Ziele in Russland ab. Da die Drohnenabwehr um Moskau verstärkt worden ist, nahm Kiew statt dessen Ziele in der Provinz ins Visier. Berichtet wurde über Treffer in einem militärischen Logistikzentrum nahe der Hauptstadt und einer Fabrik in Perm, kurz vor dem Ural. Allein im Bezirk Rostow wurden nach Angaben örtlicher Behörden mehr als 30 Drohnenangriffe registriert. In Lettland gingen zwei Drohnen nieder, ohne größeren Schaden anzurichten. Russland erklärte, sie seien auf dem Wege nach St. Petersburg gewesen und vom Kurs abgebracht worden. Die Ukraine beschuldigte ihrerseits das russische Militär, einen Kindergarten in der Stadt Sumi angegriffen zu haben. Dabei seien zwei Betreuerinnen und zwei weitere Erwachsene getötet worden; Kinder hätten sich zu diesem Zeitpunkt nicht in der Einrichtung aufgehalten.

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Unabhängig von der Frage, ob es Angriffe auf die Parade geben wird, stellt sich die Ukraine offenbar auf ein weiteres Jahr des Krieges ein. Das geht aus Aussagen Selenskijs bei der Tagung der »Europäischen Politischen Gemeinschaft« in Jerewan Anfang der Woche hervor, die die US-Agentur Bloomberg unter Berufung auf Teilnehmer an der Veranstaltung zitiert. Demnach habe Selenskij die westlichen Partner aufgefordert, der Ukraine vor allem Luftabwehrraketen und entsprechende Abschussgeräte zur Verfügung zu stellen, um weitere Schläge gegen die Energiewirtschaft im Laufe des nächsten Winters abwehren zu können. Das gelte unabhängig von einer erwarteten russischen Sommeroffensive im Osten des Landes.

Parallel dazu wirft Selenskij Russland vor, »in den vorübergehend besetzten Gebieten im Süden der Ukraine« eine Kampagne zum beschleunigten Rohstoffabbau begonnen zu haben. »Geplant sind geologische Erkundungen, gefolgt von der raschen Gewinnung und dem Export wertvoller Rohstoffe aus mindestens 18 Lagerstätten – darunter Titan, Lithium, Tantal, Niob, Zirkon, Molybdän und Graphit«, schrieb er auf X. Laut Kiewer Geheimdienstinformationen soll Russland darüber hinaus beabsichtigen, die diesjährige ukrainische Getreideernte zu beschlagnahmen und zu exportieren. Im Zuge seiner Offensive im vergangenen Jahr hat Russland bereits umfangreiche Lagerstätten seltener Erden und anderer wertvoller Rohstoffe unter seine Kontrolle gebracht. Diese waren allerdings im Prinzip schon seit sowjetischen Zeiten bekannt, wurden nur bisher nicht genutzt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.05.2026, Seite 6, Ausland

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→ Leserbriefe
  • Istvan Hidy aus Stuttgart 8. Mai 2026 um 10:13 Uhr
    Russland hat die in Kiew ansässigen Auslandsvertretungen aufgefordert, die Stadt am 9. Mai zu verlassen, falls ukrainische Drohnen Moskau angreifen und russische Gegenschläge erfolgen. Die Warnung Moskaus zeigt: Wer mit dem Feuer spielt, darf sich nicht wundern, wenn es brennt. Den russischen Bären zu reizen, könnte gefährlich werden.
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