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Aus: Ausgabe vom 24.02.2026, Seite 12 / Thema
Ukraine-Krieg

Bis zum letzten Ukrainer

Von »klassischen« Offensiven zum Abnutzungskampf mit Drohnen und der Zerstörung von Infrastruktur. Der Konflikt in Osteuropa an der Schwelle zum fünften Kriegsjahr
Von Reinhard Lauterbach
Ukrainekrieg - Kostjantyniwka.jpg
Russland will die Ukraine »ausbluten« lassen. Ukrainischer Soldat in der Frontstadt Kostjantyniwka (30.11.2025)

In Russland heißt der Ukraine-Krieg offiziell auch nach vier Jahren nach wie vor »militärische Spezialoperation«. Geplant war er auch tatsächlich als solche: ein Handstreich auf Kiew, die Entmachtung der Selenskij-Gruppe und die mögliche Installierung einer russlandfreundlicheren Mannschaft in der Ukraine. Daraus ist bekanntlich nichts geworden. Der Plan war den USA in Moskau zu Ohren gekommen; die warnten die Ukraine und hielten Russland mit abwiegelnden Experteneinschätzungen im Unklaren darüber, was die USA und Kiew tatsächlich wussten. Russland sollte in die Falle laufen, das war Teil des Plans. Ein Besuch des CIA-Chefs in Moskau Tage vor Kriegsbeginn, bei dem dieser angeblich Russland mit den Erkenntnissen der USA konfrontiert haben soll, wurde in Moskau offenkundig ignoriert. Man hoffte, rasch Fakten schaffen zu können, mit denen sich auch der Westen würde arrangieren müssen.

Das ist bekanntlich fehlgeschlagen. Die Landung russischer Fallschirmjäger auf dem Werksflugplatz der Antonow-Fabrik im Norden von Kiew, um diesen als vorgeschobenen Stützpunkt zu gewinnen, endete im ukrainischen Abwehrfeuer. Russische Panzerkolonnen rückten aus mehreren Richtungen auf Kiew vor, in geordneter Formation, wie im ersten Tschetschenien-Krieg Mitte der 1990er Jahre. Das ging ebenso schief wie schon damals. Die Ukraine war von den USA mit mobilen Panzerabwehrraketen ausgestattet worden, die Russen hatten hohe Verluste. Nach vier Wochen kam der russische Vorstoß auf Kiew zum Stehen. Ob es wirklich eine Geste guten Willens war, als welche Russland den Rückzug seiner Einheiten aus den Kiewer Vororten gegenüber der Öffentlichkeit darstellte, kann man im nachhinein dahingestellt sein lassen. Völlig von der Hand zu weisen war es nicht: Die ukrainische Führung nahm Gespräche mit Russland in Istanbul auf, ein Abkommen, mit dem beide Seiten vielleicht hätten leben können, gelangte bis zum Paraphierungsstadium. Dann brach die Ukraine die Gespräche ab. Offiziell unter dem Eindruck der vielen in Butscha und Irpin gefundenen toten Zivilisten, halboffiziell auch wegen der Einflüsterungen des zur Verhinderung eines Abschlusses nach Kiew gekommenen damaligen britischen Premierministers Boris Johnson und seiner Zusage, der Westen werde die Ukraine »weiter unterstützen«.

Streitpunkt annektierte Gebiete

Angesichts des Scheiterns des russischen Handstreichs auf Kiew war eine Verhandlungseinigung wie die in Istanbul beinahe erzielte auch für Russland zumindest nicht abwegig. Ende 2023 sagte Olexander Tschalij, ein Mitglied der ukrainischen Delegation in Istanbul, ein Kompromiss sei im April 2022 zum Greifen nahe gewesen.¹ Insbesondere in dem Aspekt, mit dem Russland seine Intervention in der Ukraine gerade für ein internationales Publikum immer begründet hat – der Verhinderung einer ukrainischen NATO-Mitgliedschaft und dem Verzicht des Landes auf die Stationierung ausländischer – sprich: westlicher – Truppen auf seinem Gebiet. Hier sei die Ukraine zu weitgehenden Zugeständnissen bereit gewesen – und interessanterweise hat der russische Außenminister Sergej Lawrow erst kürzlich wieder signalisiert, dass Russland die Ukraine 1991 wegen ihrer Selbstverpflichtung zur dauerhaften Neutralität und Blockfreiheit anerkannt habe² – was implizit bedeutet, dass es sie unter diesen Rahmenbedingungen wieder anerkennen könnte.

Keine Einigung gab es damals dagegen bei anderen, scheinbar »weichen« Themen wie der Wiederherstellung der Rolle der russischen Sprache im öffentlichen Leben der Ukraine auf dem Niveau von 2013. Und schon damals war offenkundig die Frage des künftigen Schicksals der von Russland in den ersten Wochen des Krieges annektierten Teile der Ukraine nicht wirklich verhandelbar. Russland verlangte die definitive politische und rechtliche Anerkennung des Status quo für die Gebiete Lugansk, Donezk, Saporischschja und Cherson sowie die Krim; die Ukraine war allenfalls dazu bereit, diese Debatte für 15 Jahre einzufrieren und dann etwa über den Status der Regionen in einer neuen Volksabstimmung abstimmen zu lassen.³ Umstritten blieb auch bis zum Abbruch der Gespräche Ende April 2022 das Thema der internationalen Sicherheitsgarantien, die die Ukraine beanspruchte. Damals lag ein Vorschlag auf dem Tisch, der Sicherheitsgarantien der ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrates für die Ukraine nach einem Beistandsmechanismus vorsah, der den Garantien des Artikels 5 des NATO-Statuts zumindest sehr nahegekommen wäre. Allerdings mit dem unausgesprochenen Haken, dass Russland als Mitglied des Sicherheitsrates eventuelle Resolutionen über einen Beistand durch sein Vetorecht hätte zu Fall bringen können. Aber die Ukraine scheint diese Lösung seinerzeit akzeptiert zu haben. Zumal die Klausel, dass die Krim und die Stadt Sewastopol von diesen Garantien ausgenommen sein würden, auf eine De-facto-Anerkennung der russischen Kontrolle über die Halbinsel hinausgelaufen wäre.⁴ Die Diskussionen über eine Reduzierung der ukrainischen Armee bewegten sich in einer Größenordnung von maximal 250.000 Soldaten.

Wer die Gespräche letztlich zum Scheitern brachte, ist bis heute nicht klar. Westliche Quellen beschuldigten Wladimir Putin persönlich, den von seiner Delegation ausgehandelten Kompromiss zurückgewiesen zu haben.⁵ Eine Analyse der Welt vom April 2024 aber zitiert ein damaliges Mitglied der ukrainischen Verhandlungsdelegation mit den Worten, die damalige Einigung sei »der beste Deal« gewesen, den die Ukraine hätte haben können.⁶ Was auch eine Mitverantwortung der Ukraine dafür impliziert, dass es zur Einigung 2022 nicht gekommen ist.

Seitdem haben sich die politischen Forderungen beider Seiten radikalisiert. Die Ukraine hoffte vor dem Hintergrund ihres Erfolgs bei der Abwehr der russischen Angriffswelle auf Kiew offenkundig, den Konflikt militärisch für sich entscheiden zu können. Russland musste im Sommer und Herbst 2022 bedeutende militärische Rückschläge hinnehmen, etwa den Verlust der Kontrolle über die grenznahen Gebiete Sumi, Tschernigiw und Teile des Bezirks Charkiw.⁷ Im November 2022 schließlich zog sich Russland aus den im Frühjahr von ihm eroberten Teilen der Bezirke Cherson und Mikolajiw auf dem rechten Ufer des Dnipro zurück – offenkundig mit stillschweigender Rückendeckung der USA, die die Ukraine daran hinderten, die abziehenden Truppen zu beschießen, was angesichts der wenigen verbliebenen Brücken militärisch nicht schwierig gewesen wäre und zu einem Kessel auf dem rechten Flussufer hätte führen können. Es war wohl der damalige US-Stabschef Mark Milley, der versuchte, Russland einen gesichtswahrenden Ausweg aus einer Situation zu ermöglichen, die ihm damals als militärisch nicht lösbar erschien. Der Winter 2022/23 war jedenfalls aus der Rückschau der Tiefpunkt der russischen Kriegführung in der Ukraine.

Parallel dazu hatte Russland im Sommer und Herbst 2022 Referenden in den von ihm besetzten Teilen der Ukraine veranstaltet – auch in jenen Regionen, die es damals wie heute nur teilweise kontrollierte. Es ging um deren Beitritt zur Russischen Föderation – und zwar in den alten Verwaltungsgrenzen der Ukraine, also über den damals und bis heute erzielten Frontverlauf hinaus. Die Ergebnisse waren unterschiedlich: Im bereits seit 2014 faktisch von der Ukraine abgespaltenen Donbass lagen die Jastimmen bei knapp unter 100 Prozent, in den erst kürzlich eroberten Gebieten »Neurusslands« lagen sie deutlich darunter.⁸ Und in westlichen Medien liest und hört man bis heute Berichte darüber, dass Menschen sich auf teilweise abenteuerlichen Wegen aus den russisch besetzten Gebieten in die Ukraine absetzen, weil sie keine russische Staatsangehörigkeit annehmen wollen.⁹ Dabei sind Argumente wie etwa das einer Mitte Februar im Deutschlandfunk zitierten ukrainischen Mutter, sie habe ihrem heranwachsenden Sohn den Dienst in der russischen Armee ersparen wollen, nur aus der Sicht eines entwickelten ukrainischen Nationalismus tragfähig. Denn dem jungen Mann würde auch in der Ukraine als erstes die Musterung zum Dienst drohen. Aber es gibt dort offensichtlich weiterhin proukrainisch eingestellte Bevölkerungsteile.

Gescheiterte Offensive

Die – zum heutigen Stand – militärische Wende des Krieges erfolgte im Sommer 2023. Die ukrainische Armeeführung bereitete eine großangelegte Sommeroffensive zur Rückeroberung des Geländestreifens an der Nordküste des Asowschen Meers vor. Das operative Ziel war klar: den dort erzielten russischen Landzugang zur Krim zu unterbrechen und die Halbinsel in Reichweite einer künftigen zweiten Offensive zu bringen. Doch der Angriff schlug unter hohen Verlusten fehl. Russland hatte nach seinen Niederlagen im ersten Kriegsjahr den Winter genutzt, um die besetzten Gebiete im Süden gegen genau die Art von Angriff zu befestigen, die die Ukraine dann startete: einen traditionellen mechanisierten Angriff mit Panzerunterstützung unter Nutzung der in der Zwischenzeit vom Westen gelieferten schweren Waffen. Woran die Offensive gescheitert ist, wird von ukrainischer bzw. westlicher Seite unterschiedlich eingeschätzt. Die ukrainische Seite warf den westlichen Unterstützern vor, zu wenige schwere Waffen zu spät geliefert zu haben. US-Militärs dagegen beklagten, die ukrai­nische Armee habe sich auf einem zu breiten Frontabschnitt verzettelt, anstatt an einer Stelle – vorzugsweise im Süden – den raschen Durchbruch anzustreben.

Die Sommeroffensive 2023 markiert auch den Eintritt einer vorher so nicht bestehenden neuen Waffengattung in das Kriegsgeschehen: der Drohnen. Hatte zunächst die Ukraine technologische und operative Vorteile bei der Produktion dieser Einheiten, so holte Russland nach und nach auf und ist heute in der Lage, höhere dreistellige Zahlen von Täuschungs- und Angriffsdrohnen gleichzeitig gegen Ziele in der Ukraine zu lenken. Entlang der Front hat sich eine mehrere Dutzend Kilometer tiefe »Todeszone« gebildet, in der – auf jeder Seite – alle Bewegungen größerer Truppenteile sofort in Gefahr geraten, entdeckt und zerschlagen zu werden. Damit ist auf beiden Seiten die infanteristische Stoßtrupptaktik wieder in den Vordergrund gerückt. Panzer sind dagegen seit 2023 kaum noch in größeren Verbänden eingesetzt worden. Ausprobiert hat Russland die neue Taktik übrigens zunächst im wesentlichen an Freiwilligenverbänden wie der aus Strafgefangenen rekrutierten »Wagner«-Truppe. Die erlitt erhebliche Verluste, vor allem beim Versuch, Städte im Donbass wie Bachmut, Awdijiwka oder Tschassiw Jar zurückzuerobern. Hatte Russland in dieser Phase noch keine besondere Rücksicht auf das Leben der Kämpfer gerade von »Wagner« genommen – schließlich handelte es sich um bedingt entlassene Strafgefangene, um die es der Führung vermutlich nicht besonders schade war –, hat sich die Taktik der russischen Seite seit der Auflösung von »Wagner« nach der unter anderem durch die schweren Verluste ausgelösten Meuterei vom Sommer 2023 geändert. Gegenüber den aus Freiwilligen bestehenden Verbänden der regulären Armee achtet die russische Militärführung inzwischen erkennbar darauf, eigene Verluste zu minimieren und statt dessen den Kampf durch materielle Überlegenheit bei Drohnen, Gleitbomben und anderen Distanzwaffen zu entscheiden. Ziel ist eingestandenermaßen, die ukrainische Armee wie auch ihr Hinterland zu überlasten und zu zermürben.

Menschen eingefangen

Dabei kommt Russland seine dreimal größere Bevölkerung und das damit entsprechend höhere Rekrutierungspotential im eigenen Land zugute. Ob die russischen Soldaten besser motiviert sind als ihre Gegenspieler auf ukrainischer Seite, ist schwer zu beurteilen. Aber sie werden für russische Verhältnisse ziemlich gut bezahlt, und dass sie offenbar in hohem Maße in peripheren Regionen des Landes rekrutiert werden, widerspricht dem nicht. Im Gegenteil: Es spiegelt die Realität einer entwickelten Klassengesellschaft, in der umgerechnet 10.000 Euro Handgeld bei Vertragsunterzeichnung in Moskau weniger Anreizwirkung entfalten als in Burjatien oder im Altaigebiet.

Die Ukraine dagegen setzt inzwischen praktisch ausschließlich auf die Zwangsrekrutierung von Männern, die von Beamten der Wehrersatzämter auf der Straße teils eingefangen werden wie Straßenhunde. Die Effizienz dieser Maßnahmen ist fraglich: Sehr viele der so für die Armee »gewonnen« Rekruten sind nach kurzer Ausbildung der Frontsituation nicht gewachsen, ihre statistische Überlebenszeit liegt im Wochenbereich. Die Zahl der Desertionen ist sehr hoch, und die ukrainischen Behörden sind aus Mangel an Soldaten gezwungen, dies bis zu einem gewissen Grad zu dulden. Hinzu kommt die grassierende Korruption in den Wehrersatzämtern. Es gibt förmliche Preislisten, was es den Wehrpflichtigen kostet, der Musterung zu entgehen oder nur auf einen Posten im Hinterland geschickt zu werden.

Im Rest der ukrainischen Gesellschaft bleibt das nicht unbemerkt. Das führt dazu, dass gegenüber den Beamten der Wehrersatzämter immer öfter auch militanter Widerstand geleistet wird. Ob in der individuellen Form, dass Wehrpflichtige versuchen, die Beamten mit Messern abzuwehren, oder in der kollektiven, dass zufällig vorbeigehende Passantinnen versuchen, die Rekrutierer mit Schlägen ihrer Einkaufstaschen oder durch die Blockade ihrer Autos an ihrem Tun zu hindern. Angehörige der Rekrutierungsbehörde machen inzwischen selbst ihrem Frust Luft. Einer von ihnen schrieb kürzlich, 2022 hätten ihn die Leute mit »Ruhm der Ukraine!« gegrüßt, heute ziehe er zum Dienstschluss die Uniform aus und traue sich nur noch in Zivil nach Hause.¹⁰ Von einem anderen distanzierte sich die eigene Freundin auf Tik Tok mit den Worten, es sei ein »Scheißjob«, den er mache. Machen müsste, antwortete der junge Mann – wenn er seinen Rekrutierungsplan nicht erfülle, komme er selbst an die Front.¹¹ Eine patriotische Bloggerin, die dazu aufrief, vor den Einberufungskommandos fliehenden Männern ein Bein zu stellen, löste im Netz eine Hasskampagne aus.¹² Zuletzt beklagte der Chef der ukrainischen Post, dass im Wochenrhythmus Postämter angezündet würden, weil sie Einberufungsbescheide zustellten.¹³

Seit dem Herbst 2023 hat Russland eine neue Front im Krieg gegen die Ukraine eröffnet: den Beschuss von Infrastruktuzielen wie Kraft- und Umspannwerken, Lagerhallen, Lokomotivdepots und so weiter. Offiziell eingeleitet als Vergeltung für einen ukrainischen Anschlag gegen die Krimbrücke, hat sich die Infrastrukturfront inzwischen zu einem eigenen Kriegsschauplatz entwickelt. Einem Kriegsschauplatz, auf dem die Ukraine nach den Worten des Kiewer Bürgermeisters Witalij Klitschko auf dem besten Weg ist, ihre staatliche Souveränität zu verlieren.¹⁴ Die Stromerzeugungskapazität ist inzwischen auf 50 Prozent des Niveaus zu Friedenszeiten reduziert und Reparaturarbeiten sind größtenteils zwecklos, solange der Krieg andauert, weil kaum reparierte Anlagen sofort wieder zerstört werden und die ukrainische Luftabwehr nicht mehr genug Munition hat, um anfliegende Drohnen oder Raketen abzuschießen. Deshalb müssen extrem teure Abfangjäger zweckentfremdet werden, um am Himmel nach russischen Drohnen zu suchen und diese abzuschießen. Parallel dazu wird die Bevölkerung dazu aufgerufen, Drohnen zur Not mit Hilfe von Jagdflinten herunterzuholen.

Von diesen apokalyptisch klingenden Nachrichten scheint die ukrainische Politik kaum berührt zu werden. Präsident Wolodimir Selenskij beharrt darauf, dass er zu territorialen Zugeständnissen an Russland nur bereit wäre, wenn die USA zuvor Sicherheitsgarantien gewährten. Die USA vertreten umgekehrt die Position, solche Garantien zu geben, sobald die Ukraine zuvor dem Teilabzug aus dem Donbass zugestimmt hat. Der stellvertretende Kommandeur des aus der faschistischen »Asow«-Bewegung hervorgegangenen III. ukrainischen Armeekorps, Maxim Schorin, erklärte Mitte Februar, das ganze Hin und Her bringe sowieso nichts – die »Koalition der Willigen« aus Europa werde sowieso nicht in den aktiven Krieg eintreten. Der einzige Weg zum Frieden sei die weitere Stärkung der ukrainischen Armee.¹⁵ Das ist nicht nur die Einzelmeinung eines rechten Kommandeurs, es ist die offizielle und von der EU ausdrücklich unterstützte »Verhandlungs«-Position der Ukraine, ihre Armee auch nach einem Waffenstillstand auf der aktuellen Stärke von 800.000 Mann zu belassen, also überhaupt keine »Demilitarisierung« mehr vorzunehmen.

Auf Dauer verfeindet

Russland scheint unter dem Strich eingesehen zu haben, dass es seine bisherige Ukraine-Politik, die von der stillschweigenden Voraussetzung ausging, es gebe zwischen Russen und Ukrainern tiefe und im Prinzip wiederherstellbare historische Bindungen, so nicht mehr wird fortsetzen können. Es verlangt nun seinerseits Sicherheitsgarantien, die allerdings praktisch die alten Friedensbedingungen in neuem Gewand sind. Anfang Februar sagte Außenminister Sergej Lawrow, Russland suche nicht zwangsläufig eine verbündete Ukraine, sondern eine, die Russland gegenüber eine »dauerhaft wohlwollende Neutralität« bewahre.¹⁶ Wie wenig realistisch selbst dies ist, scheint man inzwischen in Moskau begriffen zu haben. Der letzte Vorschlag kam von Lawrows Stellvertreter Michail Galusin: ein vorübergehendes UNO-Protektorat, mit dessen Leitung dann ein »dauerhafter Friedensvertrag« unterzeichnet und Neuwahlen vorbereitet werden könnten.

Denn dass mit der gegenwärtigen ukrainischen Führung unter Selenskij eine Lösung immer unrealistischer wird, zeigt ein anderes Detail. Mitte Februar holte die – von den USA gegründete und aktuell von der EU finanzierte – ukrainische Antikorruptionsbehörde an der Grenze den im November entlassenen Energieminister German Galuschtschenko aus dem Zug nach Warschau und eröffnete ihm eine Anklage wegen Korruption und Unterschlagung in erheblichem Umfang. Er soll über 110 Millionen US-Dollar in eine eigens gegründete Stiftung auf den Marshallinseln eingebracht haben, die er zuvor als Kickback-Zahlungen von Lieferanten der ukrainischen Atomenergiebranche erpresst haben soll.

Ähnliche Vorwürfe schweben über großen Teilen der ukrainischen Führung. Deshalb hält sie – bis hinauf zu Selenskij – daran fest, den Krieg lieber fortzusetzen, als sich auf einen »schlechten Frieden« einzulassen, der sie Neuwahlen und das Risiko kosten würde, ihre bisherige Amtsimmunität zu verlieren. Die EU unterstützt diese Haltung, wie im Februar bei der »Sicherheitskonferenz« in München ein weiteres Mal deutlich wurde: Wenn die Ukraine jetzt »kapitulieren« würde, wäre »Europa« das nächste Objekt »russischer Aggression«, so in München der britische Premier Keir Starmer. Das passt zwar nicht ansatzweise zu den ukrainischen Erklärungen über angebliche millionenfache Verluste der russischen Armee in der Ukraine, aber um Logik geht es nicht mehr, wenn das Überlebensinteresse einer im ukrainischen Fall persönlich und im EU-europäischen Fall politisch am Fortgang des Krieges interessierten Führung auf dem Spiel steht. Auf EU-Ebene steht Anfang März die Entscheidung an, ob zumindest für den männlichen Teil der ukrainischen Kriegsflüchtlinge der »vorläufige Schutzstatus« beendet wird – damit sie »ihrer Pflicht nachkommen und ihr Land verteidigen«, wie es deutsche Unionspolitiker formuliert haben. Sollte dies so kommen, darf sich die EU direkt verantwortlich dafür fühlen, Tausende arme Teufel in den Tod geschickt zu haben.

Warum die USA den Ukraine-Krieg offenbar inzwischen leid sind und dem Anschein nach auch gegen die unmittelbaren Interessen der Ukraine auf einen Waffenstillstand drängen, ist nicht schwer zu bestimmen. Er kostet sehr viel Geld, und wessen Fahne über Donezk oder Slawjansk weht, ist aus US-Sicht gleichgültig. Von dort betrachtet, hat der Krieg die strategische Aufgabe erfüllt, Russland und die Ukraine auf Dauer zu verfeinden. Insofern ist, Trump hin oder her, das alte Ziel von Zbigniew Brzeziński, eine Wiederherstellung des »russischen Imperiums« zu verhindern, nach menschlichem Ermessen erreicht. Leidtragende ist die ukrainische Bevölkerung, die im besten Fall noch Jahre unter behelfsmäßigen Bedingungen wird existieren müssen. Bleiben wird ein Spannungsherd in Osteuropa, der über Jahrzehnte am Köcheln gehalten werden kann, wenn die Ukraine erst Mitglied der EU geworden ist und dort ein Vetorecht gegen hypothetische künftige Entspannungsüberlegungen einlegen könnte. Russland ist nicht besiegt worden, wie der Westen hoffte. Es hat aber auch nicht gesiegt. Mindestens ein fünftes Kriegsjahr wird uns wohl noch bevorstehen.

Anmerkungen

1 »We were very close in the middle of April, in the end of April, to finalize our war with some peaceful settlement«, New York Times, 15.6.2024

2 mid.ru/ru/press_service/minister_speeches/2077070/ (5.2.2026)

3 Vgl. Anm. 1.

4 »Das geheime Dokument, das den Ukraine-Krieg hätte beenden können«, Welt, 29.4.2024

5 Vgl. de.wikipedia.org/wiki/Waffenstillstandsverhandlungen_und_Vermittlungsinitiativen_zum_russischen_Angriffskrieg_gegen_die_Ukraine

6 Vgl. Anm. 4.

7 Vgl. de.wikipedia.org/wiki/Ukrainische_Gegenoffensive_in_der_Ostukraine

8 87 Prozent im Bezirk Cherson, 93 Prozent im Bezirk Saporischschja. Vgl. en.wikipedia.org/wiki/2022_annexation_referendums_in_Russian-occupied_Ukraine

9 So etwa in einer knapp einstündigen Sendung des Deutschlandfunks vom 14.2.2026. Die offenkundige politische Absicht, in der der Beitrag produziert wurde, bedeutet nicht, dass das zugrundeliegende Phänomen nicht existieren würde.

10 strana.news/articles/analysis/499796-pochemu-v-ukraine-rastet-soprotivlenie-dejstvijam-ttsk-i-kak-otreahirujut-vlasty.html (8.2.2026)

11 strana.news/news/500051-devushka-iz-ukrainy-rasskazala-o-rabote-svoeho-molodoho-cheloveka-v-ttsk.html (11.2.2026)

12 strana.news/news/500266-volontjor-prizvala-ukraintsev-pomohat-ttsk-lovit-uklonistov.html (14.2.2026)

13 strana.news/news/500337-smiljanskij-zajavil-o-podzhohakh-otdelenij-ukrpochty-kazhduju-nedelju.html (16.2.2026)

14 strana.news/news/500286-mer-kieva-zajavil-o-katastroficheskom-polozhenii-horoda-i-uhroze-nezavisimosti-ukrainy.html (15.2.2026)

15 strana.news/news/500234-vojna-v-ukraine-14-fevralja-2026-onlajn.html (14.2.2026)

16 Vgl. Anm. 2.

Reinhard Lauterbach schrieb an dieser Stelle zuletzt am 24. Februar 2025 über den Ukraine-Krieg: »Ende in Sicht?«

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  • Leserbrief von Volker Wirth aus Berlin (26. Februar 2026 um 10:37 Uhr)
    Wie kommt es, dass nicht die jW, sondern anscheinend nur der Nordkurier an diesem scheinbaren »vierten Jahrestag« an 2014 erinnert? An die »Anti-Terror-Operation« des illegitimen Kiewer »Post-Maidan-Regimes« der Wahlverliererparteien von 2012 unter der Kontrolle durch die rechtsradikalen Kampfgruppen, Bandera-Anhänger, geduldet von Armee und Polizei (ausgenommen die Polizei in Mariupol, deren »Rebellion« durch »Asow« am 9.Mai 2014 gnadenlos niedergeschlagen wurde)!? Bei Lauterbach liest man stattdessen fast nur von einer Serie von Fehlschlägen. Ja, Russland hat erst endgültig gesiegt, wenn der NATO-Beitritt der (restlichen) Ukraine endgültig »vom Tisch ist«, wenn die Armee Kiews endgültig auf ein Normalmaß geschrumpft worden ist (sagen wir mal 50 Prozent der Stärke der Bundeswehr) und wenn die vorwiegend russischsprachigen Gebiete »Neurusslands« und nicht nur der Donbass, also auch Charkow, Odessa, Nikolajew, Dnjepropetrowsk, ohnehin Cherson und Saporoschje – so nennen die Einwohner selbst ihre Städte bzw. Gebiete – dem direkten Ukrainisierungszwang entkommen sind, der heute sinnigerweise vorrangig von gebürtigen »Russophonen« ausgeht – wie Selenski, Klitschko und Konsorten. Insofern hat Russland tatsächlich noch nicht gewonnen. Nochmal vier Jahre wird es aber nicht dauern.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (25. Februar 2026 um 12:24 Uhr)
    Russland hat durchaus auch »seinerseits Sicherheitsgarantien« verlangt, und zwar nicht nur jetzt, sondern ebenso bereits im Dezember 2021. November 2021 hatten sich Deutschland und Frankreich gegenüber Russland vom Minsker Abkommen distanziert und die dort vereinbarte »Organisation eines direkten Dialogs zwischen Kiew, Donezk und Lugansk« als unannehmbar bezeichnet (https://de.rt.com/international/127287-russisches-aussenministerium-veroffentlicht-briefwechsel-mit/). Ebenfalls im November 2021 erhielt Selenskij für seine Pläne zur Rückgewinnung von Donbas und Krim Unterstützungszusagen aus dem USA, nämlich in der »Charter on Strategic Partnership«. Mit diesen Zusagen im Rücken kündigte Selenskij am 1.12.2021 an, Donbass und Krim mit allen Mitteln (»by all means« https://www.president.gov.ua/en/news/vistup-prezidenta-volodimira-zelenskogo-u-verhovnij-radi-zi-71805) zurückzuholen. Diese Formulierung inkludiert militärische Mittel. Lawrow warnte darum umgehend vor der »alptraumhaften Aussicht auf eine militärische Konfrontation« (jW 3.12.2021). Putin reagierte noch Dezember 2021 mit (gewiss teilweise überzogenen) Vorschlägen oder Forderungen nach einer neuen europäischen Sicherheitsordnung. Ich finde das verständlich, wo von westlicher Seite der friedliche Minsker Konfliktlösungsansatz in die Tonne getreten worden und statt dessen recht offen mit Gewalt gedroht worden war. Und ich finde es sträflich nachlässig, dass die damaligen russischen Forderungen nach Sicherheitsgarantien nicht hinreichend ernst genommen worden waren.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Harald M. aus Belarus (24. Februar 2026 um 00:08 Uhr)
    Ich meine, dass der Autor die Ziele Russlands zu Beginn der Militärischen Spezialaktion nicht richtig darstellt. Die Ziele Russlands waren in erster Linie der Schutz der russischsprachigen Bevölkerung in den Bezirken Donbass und Lugansk, gegen die das Kiewer Regime seit 2014 eine »Antiterroroperation« durchführte, die durch ständigen Beschuss, Bomben- und Raketenangriffe, zu über 14000 Toten, hauptsächlich Zivilisten, bis zum Eingreifen der russischen Truppen in den die Unabhängigkeit von Kiew anstrebenden Regionen führte. So ist auch nach 4 Jahren das Kiewer Regime nicht ausgelöscht worden, obwohl das ziemlich einfach gewesen wäre, denn eine Iskander- oder Kinschalrakete auf die »Bankowa« (Regierungsgebäude in Kiew) hätte dazu ausgereicht. Es ist der kollektive Wertewesten gewesen, der die Ukraine als Sturmspitze gegen Russland ausgerüstet und aufgestellt hat. Der »Euromaidan« ist von außen finanziert worden, von den USA mit 5 Mrd. USD, wie V. Nuland bei einer Kongressanhörung in den USA zugab. Es sind auch die Westmächte, vor allem in Westeuropa, die ein Interesse daran haben, dass der Krieg bis zum letzten Ukrainer weitergeht, denn sie verdienen durch die Waffenlieferungen viele Mrd. und haben die Hoffnung, die ukrainischen Ressourcen geschenkt zu bekommen. Sicher war die russische Regierung anfangs ziemlich naiv und dachte, dass die Unterstützung Russlands in der Ukraine höher ist, doch sie hatte den ukrainischen faschistischen Nationalismus unterschätzt, der vom Westen ignoriert, gefördert, sogar verherrlicht wird. Russland wird seine Ziele der Entmilitarisierung, Entnazifizierung und staatlichen Neutralität der Ukraine erreichen, auf militärischem Weg auf jeden Fall. Russland ist durch die Sanktionen und Kriegsausgaben nicht zusammengebrochen, hat ein Wirtschaftswachstum, erfüllt seine Sozialprogramme und die Spezialoperation hat zu mehr Geschlossenheit und Säuberung der Gesellschaft von prowestlichen Elementen geführt.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (25. Februar 2026 um 13:11 Uhr)
      Ja, in seiner Rede vom 24.2.2022 zum russischen Eintritt in den Donbasskrieg bezieht sich Putin auf das Selbstverteidigungsrecht der Donbassrepubliken gemäß Artikel 51 der UN-Charta. Gemeint - wenn auch nicht ausdrücklich gesagt - war natürlich das kollektive Selbstverteidigungsrecht der Donbassrepubliken, mit denen Russland zuvor ein formelles Verteidigungsbündnis geschlossen hatte. In den 10 Tagen vor dem russischen Kriegseintritt hatte die OSZE 10.000 Waffenstillstandverletzungen registriert. Über die Anzahl der Todesopfer in diesen 10 Tagen liegen mir im Moment leider keine Angaben vor. Die Zahl von 14.000 Toten bezieht sich m.W. auf die Jahre 2014 und 2015. Das waren mW überwiegend Militär- bzw. Milizangehörige. Von Interesse ist vielleicht noch die Angabe, dass über 80 Prozent der zivilen Opfer in den Jahren 2018 bis 2021 auf der Donbassseite zu beklagen waren (https://ukraine.un.org/en/download/96187/168060).

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