Zum Inhalt der Seite

USA ordnen Demission an

Hoher Repräsentant in Sarajevo tritt zurück

Von Roland Zschächner
Foto: Antonio Bronic/REUTERS
Verhaftet in kolonialem Denken: Christian Schmidt

Christian Schmidt wirft das Handtuch. Der CSU-­Politiker erklärte am Montag in ­Sarajevo, er ziehe sich vom Posten des Hohen Repräsentanten für Bosnien-Herzegowina zurück. Das ist zunächst einmal eine gute Nachricht. Zugleich bedeutet Schmidts Abgang eine Veränderung der US‑Balkanpolitik. Auf der Halbinsel, traditioneller Schauplatz imperialer Geopolitik, setzt die Regierung von US-Präsident Donald Trump auf Konfrontation gegen die Europäische Union. Das war schon in dessen erster Amtszeit so. Washingtoner Außenpolitik ist nun nicht mehr bloß die Durchsetzung allgemeiner US-Interessen. Vielmehr stehen jetzt der Trump-Clan und dessen Investitionen an erster Stelle.

Die USA haben seit Monaten am Stuhl des ehemaligen deutschen Landwirtschaftsministers Schmidt gesägt. Mit Hand angelegt hatte Milorad Dodik. Der ehemalige Präsident des vor allem von Serben bewohnten Teilstaats Republika Srpska lag im Dauerclinch mit Schmidt. Dabei ging es vordergründig um vermeintlich demokratische Werte. Im Kern war es ein Konflikt um die Ressourcen des Landes und deren Verfügung.

Im vergangenen Jahr wurde Dodik zum Rückzug aus der Politik verurteilt. Doch weiterhin liegen die Fäden der Macht in seinen Händen. Keine Überraschung, dass Dodik, der als einer der reichsten Bosnier gilt, und seine Getreuen davon profitieren. Das zwingt den Politiker aber auch dazu, sich Verbündete beziehungsweise Geschäftspartner im Ausland zu suchen, um seine Position zu sichern. So hat er ein globales Netzwerk gesponnen, das von Tel Aviv über Moskau bis offensichtlich auch Mar-a-Lago reicht.

Anzeige

Hintergrund von Schmidts Rückzug soll das Projekt einer Pipeline sein, die US-Flüssigerdgas von der kroatischen Küste nach Bosnien pumpt, das dort dann verstromt werden soll. An dem Vorhaben beteiligt sei eine »US-Firma, die von trumpnahen Unternehmern geführt wird«, berichtet die FAZ. Dodik habe das Projekt unterstützt, sich als Gegenleistung die Absetzung des Hohen Repräsentanten ausbedungen. Das würde auch in die Pläne anderer westlicher Konzerne passen. Bosniens Rohstoffe sind begehrt, dazu gehören unter anderem Lithium, aber auch Wasser.

Wenn Schmidt nun davor warnt, Bosnien könne demontiert werden, verschweigt er seine Rolle dabei. Als westlicher Statthalter in Sarajevo heizte er die Konflikte im Land an, etwa indem er mit der ihm zur Verfügung stehenden diktatorischen Macht die mit seiner CSU verschwesterte kroatische HDZ bevorzugte. Zugleich besaß Schmidt keine Legitimation. 2021 wurde er von den USA und der EU auf den Posten gehievt, bei gezielter Umgehung Russlands. Dass sich der Friedensimplementierungsrat auf einen Nachfolger einigt, ist unwahrscheinlich.

Das Amt des Hohen Repräsentanten ist nicht reformierbar. Es basiert auf der Annahme, dass die Menschen in Bosnien nicht in der Lage sind, ihr Land selbst zu regieren. Dieses koloniale Denken wurde durch Christian Schmidt personifiziert. Wenn nun nicht nur er gehen muss, sondern der Posten wegfiele, wäre das kein Verlust. Ein demokratisches und souveränes Bosnien könnte so möglich werden.

Themen:
junge Welt

Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Erschienen in der Ausgabe vom 12.05.2026, Seite 3, Ansichten

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!