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Aus: Ausgabe vom 23.03.2026, Seite 15 / Politisches Buch
Ideologieproduktion

Autoritäres Jagdfieber

Feindmarkierung für die Herstellung totaler Homogenität: Nicholas Potter legt mit der Ideologieschrotflinte auf alle Gegner des imperialen Westens an
Von Susann Witt-Stahl
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Potters »autoritäre« Endgegner: Teilnehmer einer palästinasolidarischen Kundgebung (Berlin, 27.9.2025)

Die Ankündigung des neuen Buchs des Taz-Journalisten Nicholas Potter verhieß eine mittlere Sensation. »Er deckt das Netz der neuen autoritären Linken auf«, versprach sein Verleger. Zunächst erscheint ein solches Vorhaben als Mission Impossible, weil »linker Autoritarismus«, wie der kanadische Forscher Bob Altemeyer es ausdrückte, als das »Loch-Ness-Monster der politischen Psychologie« gilt. Während der Lektüre dämmert es aber sehr bald, dass Potter mit diesem Label zielstrebig internationalistische Linke anprangert, die mit illegalen, meist aber legalen Widerstandshandlungen auf Israels Völkermord in Gaza und die deutsche Komplizenschaft wie auf die Militarisierung des Staates und der Gesellschaft reagieren.

Ob Sachbeschädigung an Kriegsgerät auf Rüstungsindustriegelände durch »Palestine Action«, Boykottaufrufe, Hörsaalbesetzungen in Universitäten, Störaktionen und andere Formen zivilen Ungehorsams von Gruppen wie »Klasse gegen Klasse« bis zum Palästina-Kongress der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost: Beinahe jede öffentlich wahrnehmbare oppositionelle Regung betrachtet Potter als überaus gefährliche »autoritäre Rebellion« – sogar den Song »Hind’s Hall« von Macklemore, Hymne der palästinasolidarischen Straßenproteste im Sommer 2024. Die in den Lyrics enthaltene zutreffende Feststellung »Wer das Recht auf Verteidigung und wer das Recht auf Widerstand erhält, hing schon immer vom Geld und von der Hautfarbe ab« reicht ihm schon, um den US-amerikanischen Rapper der Befeuerung antisemitischer »Verschwörungsnarrative« zu überführen. Darauf muss man erst mal kommen.

Am rechten Puls

Das musste Potter aber gar nicht. Denn er hat sich einfach des Ideologieinstrumentariums »wertebasierter« deutscher Außenpolitik und der »Antideutschen« bedient – etwa der falschen Identifizierung von Judentum mit Israel und Zionismus. Die »Antideutschen«, die sich neuerdings meist »Antiautoritäre« nennen, haben nicht erst nach dem 7. Oktober 2023 der »autoritären Formierung« der antiimperialistischen Linken, des »barbarischen Kollektivs« der Palästinenser und muslimischer Migranten als fünfter Kolonne der »Achse der Konterrevolution« (gemeint sind die BRICS-Staaten) den Kampf angesagt – ganz dicht am Puls der tatsächlich formierten Rechten, die die »Drecksarbeit« Israels zu schätzen wissen.

»Gemeinsam gegen den Westen«, so der Titel einer Studie, mit der die Konrad-Adenauer-Stiftung 2025 am Beispiel Kuba vor »autoritärer Zusammenarbeit« mit »Diktaturen« und vor »postkolonialen Theoretikern« warnte, die in der Tradition der »Strategie der Sowjetunion agieren, Antikolonialismus und Antikapitalismus als Teil einer kommunistischen Logik zu verbinden«. Die neue Aufregung über »linken Autoritarismus« ist politisch kaum etwas anderes als die alte »Red Scare« vor dem Kommunismus, dem, wie einst im Kalten Krieg, alle progressiven Kräfte zugeordnet werden, die den imperialen Interessen der USA und der von Deutschland geführten EU im Wege sind. Und so legt Nicholas Potter mit der Ideologieschrotflinte auf alles an, was sich auf Antikriegskundgebungen bewegt, und ordnet es wahlweise dem Team »Hamas« oder »Putin« zu.

Merkmale, die Potter der »neuen autoritären Linken« zuschreibt, wie »Absolutheitsanspruch sowie eine Ablehnung von Komplexität zugunsten eines eindeutigen Kampfs von Licht gegen Dunkelheit«, Verharmlosung von bewaffneter Gewalt gegen Zivilisten, »Dämonisierung« von Gegnern und »inszenierte Empörungswellen«, kennzeichnen treffsicher vor allem die Weltsicht, von der sein Buch durchwirkt ist – mit einem Unterschied ums Ganze, den er selbst hervorhebt: »Der linke Autoritarismus will nicht nach unten treten, sondern nach oben, wo die Mächtigen sitzen.« Potter hingegen geißelt nonchalant mit der (Kolonial-)Herrenmoral eines Carl Peters den »Terrorismus« der Verdammten dieser Erde, ohne auch nur irgend etwas grundlegend Falsches an den Bombenkriegen, Foltergefängnissen, »ethnischen Säuberungen« und dem sonstigen Terror des westlichen Imperiums zu finden.

Wo der Mangel an von Medien dokumentierten Beweisen für das von Potter behauptete Vorhandensein einer Quantität linksautoritärer Gewaltbereitschaft für ein Umschlagen in die neue Qualität »akuter Bedrohung für die demokratische Gesellschaft« zu offensichtlich ist, versucht der Autor, mit Erfolgen eigener Fahndung im Herzen des »Monsters« zu überzeugen: Zum Beispiel mit dem Fall »Brokkoli«, so der Social-Media-Nutzername eines 14jährigen, der sich in einer geschlossenen Linksjugend-Chatgruppe mit Todeswünschen für »Antideutsche« profilieren wollte – einer der wenigen amüsanten Momente in Potters Schwarzbuch der internationalistischen Linken.

Wenn Potter in eigener Sache tätig wird, dann steigert sich sein mccarthyistisches Jagdfieber schon mal zur Obsession. Sein Vorwurf, das antiimperialistische Videoportal Red Media sei politisch für einen 2024 von Unbekannten in der Nähe der Berliner Humboldt-Universität ausgehängten »Steckbrief« mit einer Morddrohung gegen seine Person verantwortlich, ist alles andere als seriös. Von einer Neigung zum Alarmismus zeugt schon seine Behauptung, Red Media habe eine »Hasskampagne« gegen ihn initiiert, die quasi als Initialzünder fungiert haben soll. Obwohl die Staatsanwaltschaft Berlin ein Ermittlungsverfahren wegen »Verleumdung« nach einer Anzeige von Potter wegen fehlenden Tatverdachts eingestellt hat, wiederholt er den Vorwurf in Dauerschleife und stellt Red Media als Gefährder dar (der Kanal wurde bereits im Mai 2025 nach einem von Potter mit angeführten medialen Kesseltreiben abgewickelt und der Betreiber, Hüseyin Doğru, als angeblicher »Desinformationsakteur« des Kremls auf der EU-Sanktionsliste kaltgestellt).

Schwer erträglich, bisweilen unappetitlich ist die Larmoyanz, mit der Potter politische Gegner der »Pressefeindlichkeit« anklagt – besonders vor dem Hintergrund, dass der Autor in seiner Taz-Berichterstattung die Ermordung palästinensischer Journalisten durch die israelische Armee mit allerlei demagogischen Verrenkungen gerechtfertigt hat. Doppelte Standards sind eine tragende Säule des Buchs. So skandalisiert Potter die Aussage linker Aktivisten, Deutsche-Staatsräson-Medien wie die FAZ oder die Taz hätten mit ihrer antipalästinensischen Propaganda in Gaza »mitgeschossen« – im gleichen Atemzug hält er ihnen vor, allein ihre Kritik habe zu Straftaten geführt. In seinen meist mit Dramatik aufgeladenen Fallschilderungen »autoritärer Radikalisierung« schwingt stets das längst zur Ideologie geronnene Selbstmitleid der israelischen und prozionistischen Rechten mit. Je schlimmer ihre Verwerfungen, desto vehementer fordern sie die Zuerkennung des Opferstatus für sich ein.

Leute vom Fach

Potters Welt ist durchweht von Carl Schmitts antiliberalem Liberalismus, der nach Feindmarkierung für die Herstellung totaler Homogenität strebt und zur rechten Zeit der Disziplinierung der Bevölkerung zur Kriegsgemeinschaft sein Comeback erlebt. Insofern ist verständlich, dass der Autor sich für seine Anrufung der Sicherheitsbehörden zwecks Vollstreckung »wehrhafter Demokratie« fast nur Verstärkung von Fachleuten aus dem ideologischen Dunstkreis seiner eigenen Hasbara-Blase sowie der staatlich betreuten »Extremismusbekämpfung« holt. Und so wird allerlei Hufeneisentheorieakrobatik geboten: »Diese Haltung kennen wir aus dem Nationalsozialismus«, entdeckt Leon Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung, Potters ehemaligem »Arbeitgeber«, Ähnlichkeiten zwischen der Märtyrerkultur des vorwiegend von der marxistischen PFLP geführten palästinensischen Widerstands der 70er und 80er Jahre und den Opfermythen des deutschen Faschismus.

Nicht wenige der von Potter konsultierten Kenner des »linksautoritären Antisemitismus« sind mit dem proisraelischen Elnet-Netzwerk verbunden, etwa David Hirsh, Martina Renner vom rechten Flügel der Linkspartei und Kim Robin Stoller, die auch im Auftrag der EU-Kommission arbeitet. Netanjahus Lobbynetzwerk hatte Nicholas Potter 2025 seinen Medienpreis verliehen. Der britische Publizist Paul Mason, den der Autor ausführlich als »Stimme der Vernunft«, etwa gegen aufkeimende »stalinistische Kaderstrukturen« in der Linken, würdigt, dient sowohl wegen seines instinktsicheren Antikommunismus als auch wegen seines ausgeprägten Karriereinstinkts als leuchtendes Vorbild. Mason hat 2024 den Aufstieg geschafft und einen Posten bei der auf »Verteidigungspolitik« spezialisierten und von der Rüstungsindustrie mitfinanzierten Denkfabrik Council on Geostrategy ergattert. Insofern sollte Potters Buch unbedingt auch als Visitenkarte gelesen werden.

Nicholas Potter: Die neue autoritäre Linke. Eine akute Bedrohung für die demokratische Gesellschaft. DTV, München 2026, 256 Seiten, 20 Euro

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