Ein Exempel
Von Kai Köhler
Zunächst einmal: Es gab auf der Berlinale 2026 keinen Antisemitismus. Skandalisiert wird eine Rede des syrisch-palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib. Der prangerte den israelischen Genozid in Gaza und die deutsche Komplizenschaft daran an. Alkhatib lebt in Deutschland, inzwischen fordern erste Politiker Strafverfolgung oder seine Abschiebung.
Zweitens: Die Berlinale-Leitung war außerordentlich brav. Wo es zur deutschen »Staatsräson« passte, hatte man früher im Namen des Festivals Stellung bezogen: gegen die Regierungen Russlands und Irans. Zum Gazakrieg herrscht offiziell Schweigen. Dennoch geriet Festivalleiterin Tricia Tuttle unter Beschuss, nicht nur wegen der Abschlussgala. Ein zuvor aufgenommenes Foto zeigt sie mit dem Filmteam von Alkhatib samt palästinensischer Fahne.
Am Mittwoch wurde via Bild der Öffentlichkeit mitgeteilt, dass Tuttle kurz vor der Entlassung stehe. Die Jüdische Allgemeine zog nach, Minuten später verbreiteten dann auch andere Medien das Gerücht. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer berief für Donnerstag eine Aufsichtsratssitzung der Berlinale-Trägergesellschaft, der KBB GmbH, ein. Weimer, das ist der Politiker, der zum Amtsantritt forderte, die »Korridore des Sagbaren, Erkundbaren und Darstellbaren« zu weiten. Damit meint er, dass Rechte sich austoben dürfen. Nach links cancelt er lieber. Auf der besagten Sitzung fiel noch keine Entscheidung. Tuttle erfuhr innerhalb der vergangenen knapp 24 Stunden viel Solidarität: 674 Filmkünstler unterzeichneten einen offenen Brief zur »Zukunft der Berlinale«, der Deutsche Kulturrat, der Bundesverband Regie sowie eine Gruppe israelischer Regisseure unterstützten sie.
Offensichtlich war geplant, an Tuttle ein Exempel zu statuieren. Offensichtlich sind die politischen und ökonomischen Kosten dafür aber höher als bisher einkalkuliert. Doch egal, wie die Sache ausgehen mag: Tuttle und mit ihr die Berlinale sind beschädigt. Spätestens jetzt ist international bekannt, unter welchem Druck die Kultur und ihr Management hierzulande stehen. Die deutschen Diskussionen über Israel erscheinen in der Außensicht ohnehin als verschroben. Auch wäre eine qualifizierte Nachfolge für Tuttle kurzfristig nur schwer zu finden. Nur ein Wahnsinniger dürfte sich noch auf diesen Schleudersitz wagen wollen.
Letztlich geht es allerdings gar nicht um einen Film, eine Preisverleihung, Tricia Tuttle oder die Berlinale als solche. Israel-Kritik zu einer Form des Antisemitismus zu erklären und in der Folge entsprechende Repressionen auszuüben, dient einem anderen Zweck. Der Weg zur Kriegstüchtigkeit erfordert es, die Unterdrückung abweichender Positionen einzuüben.
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