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04.05.2026
- → Politisches Buch
Bewegung und Ziel
»Linkes Preppen« nicht empfohlen: Johanna Schellhagens Versuch, Klimaschutzbewegung und Arbeiterbewegung zusammenzudenken
Im Nachwort zu Johanna Schellhagens »Wie wir uns eine Zukunft auf diesem Planeten erkämpfen« bezeichnet der Sozialwissenschaftler Karl Heinz Roth das Buch als »Meilenstein auf dem Weg zu einem neuen sozialrevolutionären Aufbruch«. Es gibt schlechtere Werbung.
Auch sonst fällt das »Handbuch für Unerschrockene«, so der Untertitel, nicht durch falsche Bescheidenheit auf. Schellhagens Vorwort endet mit den Sätzen: »Der Zweck des Buches ist, eine Staatskritik und eine fundierte Kritik des bisherigen Vorgehens der Klimabewegung zu liefern, eine konkrete revolutionäre Praxis vorzuschlagen und eine menschliche und nachhaltige Gesellschaftsordnung zu skizzieren. Zusammengenommen sollten diese Überlegungen und Vorschläge helfen, eine auf ein klares Ziel hinarbeitende und dadurch vereinte revolutionäre Bewegung aufzubauen.« Das ist allerhand.
Johanna Schellhagen ist Filmemacherin und seit über 20 Jahren beim Kollektiv »Labournet TV« aktiv. 2022 erschien ihr Film »Der laute Frühling«, der verdeutlichen will, dass eine Überwindung der Klimakrise ohne radikale Umwälzung der Produktionsverhältnisse nicht möglich ist. Am Beispiel eines imaginären, in die Zukunft verlegten Aufstandes in Berlin wird der mögliche Übergang zu einer kommunistischen und nachhaltigen Gesellschaft skizziert.
»Wie wir uns eine Zukunft auf diesem Planeten erkämpfen« schließt an den Film an. Immer wieder verweist Schellhagen in dem Buch auf Publikumsdiskussionen nach Filmvorführungen. Sie will Klimaschutzbewegung und Arbeiterbewegung nicht, wie es oft geschieht, gegeneinander denken, sondern miteinander. »Die Vorstellung, ein paar tausend Aktivist*innen könnten ohne die Hilfe organisierter Belegschaften durch ihre Aktionen eine Wende in der Klimapolitik herbeiführen«, sieht sie »durch die Entwicklung der letzten Jahre widerlegt«. Enttäuscht zeigt sie sich von der linken Klimaschutzbewegung: »Ich fand es schmerzhaft, wie Aktivist*innen nach den Filmaufführungen von ›Der laute Frühling‹ über Arbeiter*innen geredet haben, als hätten sie nichts mit ihnen gemein, weder sozial noch politisch.«
Auf den Staat, so Schellhagen, sei kein Verlass, wenn es um grundlegende gesellschaftliche Veränderungen geht, auf Parteien auch nicht. Allein die Fähigkeit der Arbeiterklasse zur Selbstorganisation kann die kommunistische Gesellschaft Wirklichkeit werden lassen. Diskussionen zu Patriarchat und Sexismus dürfen dabei nicht ausgeklammert werden, was Erinnerungen an die vor einigen Jahren fleißig geführte Debatte über eine »neue Klassenpolitik« weckt.
Bei der Kritik aktivistischer Trends läuft Schellhagen zur Hochform auf. Über »linkes Preppen«, das sich gegenwärtig einer wachsenden Beliebtheit erfreut, schreibt sie: »Diese Position ist (…) keineswegs solidarisch, denn wenn wir wirklich alle retten möchten, auch die Armen und Kranken, dann müssten wir es schaffen, in der Katastrophe das Notwendige für alle zu produzieren und zu verteilen. Und dann ist es gerade kein Preppen mehr, sondern Kommunismus.« Die große Stärke von Schellhagens Buch ist die Konzentration auf konkrete Fragen radikaler Gesellschaftsveränderung. Selbst bei den komplexen Themen gibt es keine Ausflüchte in theoretisches Blabla. Das Buch bleibt immer gut lesbar.
Gänzlich gelungen ist es allerdings nicht. So ist manchmal nicht ganz klar, an wen sich die Autorin wendet. Die Klimaschutzbewegung, die Arbeiterklasse, die politische Linke – die kollektiven Subjekte bleiben vage. Auch hat das Buch, bei aller Betonung der Wichtigkeit materieller Analyse, einen moralistischen Touch. Es geht sehr viel darum, was politisch Aktive tun »sollten« oder »müssten«. Vieles erklärt sich dabei im Grunde von selbst, zum Beispiel, dass zum Aufbau einer revolutionären Bewegung eine »egalitäre revolutionäre Organisation« gebraucht wird. Die entscheidende Frage ist jedoch, wie eine solche entstehen kann. Ebenso entscheidend ist die Frage, warum einzelne leuchtende Beispiele ökonomischer Machtverschiebung – etwa die Übernahme der GKN-Fabrik bei Florenz durch die Belegschaft 2022 – oft isoliert bleiben. Auf diese Fragen gibt »Wie wir uns eine Zukunft auf diesem Planeten erkämpfen« keine Antworten. Ein »Beitrag zur Suche nach einer neuen Strategie«, wie es Schellhagen im Vorwort formuliert, ist das Buch aber allemal.
→ Johanna Schellhagen: Wie wir uns eine Zukunft auf diesem Planeten erkämpfen. Handbuch für Unerschrockene. Büchner, Marburg 2026, 172 Seiten, 18 Euro
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