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»Von Brandmauern und Brandstiftern«

Zur Theoriearbeit gezwungen

Hamburg: Kritische Wissenschaftler analysieren deutsche Zustände der Kriegsvorbereitungen

Foto: instagram.com/p/DWIiQ81iHgV/
Das Thema der Konferenz lautete »Von Brandmauern und Brandstiftern«

Im Zuge des relativen Abstiegs der USA und der (End-)Krise ihrer Hegemonie – mit der EU, angeführt von Deutschland, als ökonomisch größtem Verlierer – scheint nichts mehr unmöglich. Die herrschende Klasse breitet ihr großes Besteck zur Formierung und Disziplinierung der Gesellschaft aus. Falls das nichts nütze, habe sie noch den Faschismus in der Hinterhand, warnte Jürgen Lloyd, Vorstandsmitglied der Marx-Engels-Stiftung, am Freitag in der Auftaktrunde zur zweitägigen Konferenz »Von Brandmauern und Brandstiftern« an der Universität Hamburg. Vorher hatten die Veranstalter auf die vom extralegal operierenden EU-Sanktionsregime verhängte »soziale Todesstrafe« gegen den linken Publizisten Hüseyin Doğru als exemplarisches Beispiel für die fortschreitende Beseitigung von Grundrechten verwiesen.

»Die rasante Rechtsentwicklung zwingt uns zur Stellungnahme«, erklärte das sich aus kritischen Wissenschaftlern rekrutierende Organisatorenkollektiv seine Motivation, die herrschenden deutschen Zustände zu sezieren. Um das Ausmaß zu begreifen, sollte nicht nur eine Wesensbestimmung der AfD und anderer rechter Strukturen vorgenommen, sondern auch häufig unterbelichtete Felder wie Natur- und Geschlechterverhältnisse, die rassistische Migrationspolitik sowie die Produktion der neuen deutschen Ideologie beackert werden (bis hinein ins Milieu antikommunistischer »Progressiver«, die gegenwärtig das Phantom der »neuen autoritären Linken« jagen). Das ist ein ambitioniertes Vorhaben. Besonders in einer historischen Phase, in der Universitäten als Wach- und Leuchttürme der Forschung unter der Knute der Kriegstüchtigmacher fungieren müssen. Dass das Projekt den Nerv der »Zeitenwende« traf, machte allein schon der enorme Andrang des vorwiegend studentischen Publikums aus. Die Tagung, zu der neben marxistischen Wissenschaftlern, darunter Bafta Sarbo, auch Journalisten wie Jörg Kronauer Beiträge lieferten, war schon seit Wochen ausgebucht.

Ein zentrales Anliegen war, Anstöße zur Entwicklung einer zeitgemäßen Faschismustheorie auf Basis des historischen Materialismus zu geben – unter Einbeziehung kritischer Lesarten und Aktualisierungen von Gramsci, Poulantzas, Adorno und Opitz. Der Historiker Helmut Kellersohn zeigte, dass Faschismus auch eine Radikalisierung bereits im Liberalismus angelegter staatlicher Machtausübung darstellt. Sein Kollege Karsten Heinz Schönbach, der an die DDR-Geschichtswissenschaft anknüpft, erinnerte an die Kapitalfraktionen und deren Funktionseliten, die mit ideologischem Beistand der Sozialdemokratie die Macht an Hitler übertragen hatten, und legte Parallelen zur Politik der Ampel- sowie der Merz-Regierung frei.

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Christin Bernhold und Sören Horn, Mitveranstalter der Konferenz, lieferten mit ihrer Analyse der »Verschiebungen in der imperialistischen Kette« und des deutschen »Programms der Freiheit« als »Verteidigungswirtschaftspolitik« einen Grundbaustein zum Verständnis der politischen Ökonomie der Vorbereitung des großen Krieges gegen Russland und damit auch eine unverzichtbare Erklärung für die dramatische Rechtsverschiebung in der BRD.

Auf dem Abschlusspodium mit Beteiligung kritischer Gewerkschafter und Medienschaffender konnte keine Einigkeit zur Frage nach der richtigen antifaschistischen Gegenstrategie erzielt werden – vor allem was die Bündnispartner anbelangt. Während die einen noch auf Die Linke setzen wollen, appellierte Christian Stache, Wirtschaftshistoriker und ebenfalls Mitorganisator der Tagung, die reformistische Partei als »Mehrheitsbeschaffer« genau der reaktionären Politik endlich hinter sich zu lassen, die die große Misere herbeigeführt hat. Kämpfe von Sozialisten und Kommunisten seien auf den unterschiedlichen Ebenen der Gesellschaft zusammenzuführen.

»Von der Konferenz sind richtungsweisende Impulse ausgegangen«, so die Bilanz, die Christin Bernhold für das Organisatorenkollektiv zog. »Wir halten es für dringend notwendig, auf dieser Grundlage weiter an einer kritischen Theorie der kapitalistischen Gesellschaft auf Höhe der Zeit zu arbeiten.«

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Erschienen in der Ausgabe vom 07.04.2026, Seite 4, Inland

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