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Aus: Ausgabe vom 20.02.2026, Seite 2 / Ansichten

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Roy vs. Wenders: Reaktionen auf den Berlinale-Beef
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Politik auf der Berlinale: Ist sie da oder nicht?

Auf der Berlinale präsentieren Medienschaffende ihre Filme. Bei diesem Anlass äußern sie sich mitunter auch gleich zu diesem oder jenem Problem. Ein Fest für Medienmenschen, die dann ihrerseits ihre Meinung zur Meinung abgeben können. In junge Welt gibt es die »Medienschau«, also: Meinungen über Meinungen über Meinungen, von Medienschaffern über Medienschaffer über Medienschaffer. Zum Thema. Die vergangenen Berlinale-Ausgaben sorgten für Debatten über Gaza, und die Kommentatoren drehten frei. Man lebt, und man lernt. »Wir müssen uns aus der Politik heraushalten«, erklärte Jurypräsident Wim Wenders vergangene Woche. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy sagte daraufhin ihre Teilnahme ab. 81 namhafte frühere und aktuelle Berlinalisten zeigen sich via Variety in einem offenen Brief »bestürzt« über die »Zensur von Künstlern, die sich gegen den anhaltenden Völkermord Israels« aussprechen. Die Schreiberlinge laufen warm.

»Ein deutliches Zeichen dafür, dass die Welt auf den Kopf gestellt ist, ist, wenn die Grammys politischer sind als die Berlinale«, legte ­Variety am Sonntag vor. Zu Recht, immerhin hält sich letztere laut Webseite für das »politischste aller großen Filmfestivals«. Wenders hat das Memo anscheinend nicht bekommen, die Presse auch nicht. Sie offenbart ihr skurriles Verständnis von Meinungsfreiheit. Etwa die FAZ. Forderungen nach politischer Positionierung seien »unfair«, hieß es da am Mittwoch, und machen »aus einem Kunstereignis eine Gesinnungsschleuse«. Das verenge »den Diskursraum der Kultur«. Dass dieser damit eingefordert wird, in einem Land, das abgesehen von Israel den vermutlich engsten Diskursraum in bezug auf den Massenmord in Gaza hat, merkt hier keiner mehr.

Ähnlich borniert moniert man im Spiegel, es werde ein Eklat fingiert. »Die Unterzeichner wollen der Berlinale ihre Meinung aufzwingen«, dass in Gaza ein Genozid stattfindet. »Das hat aber mit Meinungsfreiheit eher wenig zu tun«, war am Mittwoch zu lesen. Andere sehen das halt anders. Wird man wohl noch sagen dürfen. Die Jüdische Allgemeine wünscht sich zwar einen durch Filme erweiterten Horizont, doch bitte unpolitisch: »Gäste und Außenstehende missbrauchen das Festival als politische Bühne.« Und »politisch vereinnahmte Kunst« ist schließlich was? Genau, »Propaganda«. Bei solchen Autoren steht tatsächlich so einiges kopf.

Unglaublich also, dass gerade der Tagesspiegel (Mittwoch) die Welt wieder auf die Füße stellt: »Die Berlinale hängt hingegen am finanziellen Tropf einer Regierung, die weiterhin Rüstungsgüter an Israel verkauft und deren Kulturstaatsminister eine sehr rigide, Netanjahu-freundliche Definition von Antisemitismus vertritt.« (mag)

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