Menschliches, Allzumenschliches
Von Kai Köhler
Am Ende hat die Berlinale doch noch ihren Ruf als ein politisches Filmfestival verteidigt. Den Goldenen Bären für den besten Film erhielt »Gelbe Briefe« von İlker Çatak. Es geht um ein zunächst erfolgreiches türkisches Künstlerehepaar, das in einen Gegensatz zum Regime gerät und das Familienleben neu einrichten muss. Die deutsch-französisch-türkische Produktion konnte allerdings größtenteils nicht in der Türkei gedreht werden; sie zeigt Widerstandswillen, aber auch die daraus folgenden Alltagsnöte.
Was über die Wettbewerbssektion an Positivem geschrieben werden kann, hat Holger Römers am Freitag an dieser Stelle geschrieben. Wie in früheren Jahren fanden sich indes viele interessantere Filme in den Nebensektionen. Und es war auch ein Nebenpreis, der Best First Feature Award der »Perspectives«-Sektion, der dann auf der Abschlussveranstaltung für einen kleinen Eklat sorgte. Als bestes Spielfilmdebüt wurde »Chronicles from the Siege« von Abdallah Alkhatib ausgezeichnet. Die Belagerung, deren Chronik er nachzeichnet, spielt an einem nicht näher bezeichneten Ort im arabischen Raum. Ein paar Gruppen von Zivilisten versuchen, trotz Scharfschützen, Artilleriebeschuss und Bombenflugzeugen zu überleben. Psychischer Verfall, Geschäftemacherei, Egoismus und Hilfsbereitschaft, intensiver Lebens- und Liebeswille – Alkhatib zeigt die Auswirkungen des Krieges, nicht seine politischen Ursachen. Man denkt an syrische Städte. Erst im Abspann liest man kurz über das Leid der Palästinenser.
Bei der Preisverleihung wurde Alkhatib deutlicher. Er trat mit Kufija und palästinensischer Flagge auf und benannte klar die Mitschuld der Bundesregierung, die Israel für den Genozid in Gaza mit Waffen beliefert. Ob Umweltminister Carsten Schneider die Parole: »Free Palestine – von jetzt an bis zum Ende der Welt« noch mitbekommen hat? Jedenfalls verließ er als Vertreter der Bundesregierung aus Protest den Saal.
Die Szenerie erinnerte an den Berlinale-Abschluss 2024. Damals hatten Yuval Abraham und Basel Adra (»No Other Land«) einige Wahrheiten über die israelische Politik ausgesprochen und wurden in der Folge mit Antisemitismusvorwürfen überzogen. Kulturstaatsministerin Claudia Roth versicherte treuherzig, ihr Applaus habe nur dem Juden Abraham, nicht aber dem Palästinenser Adra gegolten. Bereits zu diesem Zeitpunkt, als ihr israelaffiner Nachfolger Wolfram Weimer noch nicht im Amt war, stand die Drohung im Raum, staatliche Zuschüsse für die Berlinale zu streichen. In den nächsten Wochen könnte es einige für die Berlinale-Leitung eher unangenehme Gespräche geben.
2025, also im Jahr nach dem Antisemitismusstreit, präsentierte die Berlinale mit »Holding Liat« und »A Letter to David« brav gleich zwei Dokumentarfilme über israelische Geiseln. Im aktuellen Programm lief mit »Effondrement« im Forum eine Dokumentation über eine Israelin, die in ihren am 7. Oktober zerstörten Kibbuz zurückkehrt. In der »Perspectives«-Reihe mit Spielfilmdebüts gab es mit »Where to?« von Assaf Machnes eine israelisch-deutsche Koproduktion. Im Zentrum steht ein palästinensischer Taxifahrer in Deutschland, der mit einem israelischen Fahrgast ins Gespräch kommt. Obwohl der Israeli aus der Gegend kommt, aus der die Eltern des Fahrers bei der Nakba fliehen mussten, entwickeln sich Ansätze einer Verständigung – freilich, indem Politik weitgehend ausgespart bleibt. »Where To?« ist ein freundlicher, menschenzugewandter Film. Er kann dies freilich sein, weil die Protagonisten sich auf fremdem Boden treffen, wo keine Entscheidung fallen muss.
Eine offizielle Stellungnahme zum Gazakrieg hat die Berlinale immer abgelehnt. Das wäre einfacher zu rechtfertigen, hätte sich das Festival in den vergangenen Jahren nicht vor allem da empört, wo es in Deutschland risikolos ist. Russische Filme sind sowieso ausgeschlossen, US-amerikanische wird man auch nach weiteren fünf oder zehn US-Angriffskriegen sehen können. Doch gab es 2026 auch bei den Berlinale-Lieblingsthemen eine gewisse Lustlosigkeit. Es fanden sich nur zwei iranische Oppositionsfilme im Programm, und auch diese nur in den Nebenreihen Panorama (»Roya«) und Forum (»Cesarean Weekend«). Ebenfalls nur noch zwei Filme haben den Ukraine-Krieg zum Thema – die Dokumentationen »Traces« und »Un hiver russe«, beide Panorama.
Erfreulich ist, dass die Arbeitswelt wenigstens ab und zu vorkam. Kilian Armando Friedrich zeigt in »Ich verstehe Ihren Unmut« (Panorama) den Alltag einer Reinigungsfirma. Der Schnitt ist meist hektisch, die Dramaturgie wirkt zerfahren – angemessene Stilmittel für die Wiedergabe eines Alltags, der durch Zeitmangel und Überforderung durch viele gleichzeitige Probleme gekennzeichnet ist. Die Protagonistin Heike muss als Objektleiterin Druck von oben nach unten weitergeben. Das gilt auch für Luz, die mit anderen Filipinas illegal in der Schweiz in einer Putzkolonne arbeitet (»Enjoy Your Stay« von Dominik Locher und Honeylyn Joy Alipio, ebenfalls Panorama). Um nach Jahren einen Heimflug zu finanzieren, rekrutiert sie schließlich für das Ausbeutungssystem neue Frauen, was ihr allerdings nicht helfen wird. Hier ist die Haupthandlung klarer, doch das Ergebnis lautet ebenfalls: Die kapitalistische Konkurrenz lässt den Beteiligten auf allen Ebenen allenfalls winzige Spielräume für Mitmenschlichkeit. Am Ende steht immer ein zerstörerisches Gegeneinander.
Hauptpreisträger der 76. Berlinale
Goldener Bär für den besten Film: »Gelbe Briefe« von İlker Çatak
Silberner Bär/Großer Preis der Jury: »Kurtuluş« von Emin Alper
Silberner Bär/Preis der Jury: »Queen at Sea« von Lance Hammer
Silberner Bär für die beste Regie: Grant Gee für »Everybody Digs Bill Evans«
Silberner Bär für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle: Sandra Hüller in
»Rose«
Silberner Bär für die beste schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle: Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay in »Queen at Sea«
Silberner Bär für das beste Drehbuch: Geneviève Dulude-de Celles für »Nina Roza«
Silberner Bär für eine herausragende künstlerische Leistung: Anna Fitch und Banker White für
»Yo (Love is a Rebellious Bird)«
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