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Geschichte und Politik

Ein Mann des »Westens«

Endstation für die »Berufsperspektiven ehedem SED-naher Wissenschaftler«: Die Erinnerungen des sozialdemokratischen Historikers Heinrich August Winkler

Von Leo Schwarz
Foto: Jürgen Heinrich/IMAGO
Noch nicht alles gesagt: Heinrich August Winkler als Gast der Talksendung »Anne Will« (Berlin, 30.9.2015)

Wie kam es eigentlich, dass aus Heinrich August Winkler jener Minnesänger des »Westens« wurde, der einer mehr oder weniger interessierten Öffentlichkeit via Presse, Funk und Fernsehen als gleichsam diensthabender Historiker bei Hofe entgegentritt? Die Autobiographie eines intellektuellen Wasserträgers wollte Winkler mit »Warum es so gekommen ist« gewiss nicht liefern, und doch ist es dieses Resultat, was das Unternehmen halbwegs interessant macht.

Der Leser muss allerdings in der Lage sein, Winklers Selbstgerechtigkeit und evidente Eitelkeit zu ertragen, die ihm in unterschiedlicher Gestalt auf Schritt und Tritt begegnet. Angelegt ist das Buch nicht etwa als Rundgang durch das eigene wissenschaftliche Werk, sondern eher als Chronik von sorgfältig vermerkten Kontakten zu prominenten Zeitgenossen. Da ist »Bobby« Kennedy, mit dem Winkler 1968 bei einer Rundreise durch die USA am Rande einer Wahlveranstaltung »ein paar Worte« wechseln konnte. Oder Willy Brandt, mit dem Winkler 1979 »zu einem ausgedehnten sonntäglichen Gespräch« in dessen Wohnung zusammenkam. 1993 wurde eine Begegnung mit der damaligen Bundesministerin Angela Merkel »zum Auftakt« für viele weitere Gespräche, »zu denen Angela Merkel und Joachim Sauer sich mit meiner Frau und mir trafen«. In diesem Fall wurden diese Gespräche später »seltener«, vermerkt Winkler missmutig. War denn alles gesagt?

Gerne beraten ließen sich von Winkler ostdeutsche Sozialdemokraten, die wie er »jede Art von Zusammenarbeit mit der PDS« ablehnten. 1994 eilte Winkler nach Magdeburg, um Ministerpräsident Reinhard Höppner zu bearbeiten, nachdem der sich entschlossen hatte, sich von der PDS tolerieren zu lassen. Stolz vermerkt Winkler, dass er damals »Grundsatzartikel« zur Auseinandersetzung mit der PDS beigesteuert hat und zu »Streitgesprächen« mit Gregor Gysi, Dietmar Bartsch, Lothar Bisky und Uwe-Jens Heuer zusammentraf. Ihm fiel immerhin auf, dass die sich gar nicht wehrten: Die »Kontrahenten« reagierten »durchgängig defensiv« und distanzierten »sich mehr als einmal von Aussagen ihres Parteiprogramms«. Für Winkler ist das offensichtlich nur ein weiterer Grund, die eigenen Argumente für vorzüglich zu halten, und nicht etwa Anlass für die Frage, warum diese merkwürdigen »Kontrahenten« so kleinlaut waren.

Auffallend ist, dass Winkler eine zumal für einen Historiker erstaunliche Unfähigkeit ausgebildet hat, das eigene Tun wenigstens mit dem Abstand von Jahrzehnten vorsichtig zu hinterfragen. Er liegt mit seiner Perspektive einfach immer richtig, so wie es schon in seiner dreibändigen Geschichte der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik immer die jeweils rechte Linie in der SPD ist, die als richtig und historisch gerechtfertigt dargestellt wird. Dass dieses Großprojekt der 80er Jahre vor allem den Zweck hatte, »der marxistisch-leninistischen Deutung des Großthemas« eine eigene (selbstverständlich »unabhängige wissenschaftliche«) Darstellung »gegenüberzustellen«, räumt Winkler übrigens freimütig ein.

Die Wurzel dieser stolzen Einfalt ist Winklers augenscheinlich echte staatstragende Haltung. Schon seinen Wechsel zur SPD 1962 (bis 1961 war er CDU-Mitglied) führt der 1938 geborene Spross einer Familie des Königsberger Bildungsbürgertums darauf zurück, dass sich die SPD 1959 mit dem Godesberger Programm »von ihrem traditionellen ›Volksmarxismus‹ abwandte und als undoktrinäre, auch für Menschen bürgerlicher Herkunft offene Partei des sozialen und politischen Fortschritts präsentierte« und sich auf den Boden von Adenauers Westpolitik stellte. Nicht Winkler musste sich ändern, sondern die SPD. Als er 1964 in der Berliner SPD aktiv wird, ist die so rechts, dass Winkler als Mann des »linken Flügels« gilt, weil er Brandts »neue Ostpolitik« unterstützt. Aber das Missverständnis ist schnell geklärt: 1968 hat »linken Doktrinarismus und institutionelles Chaos« an den Hochschulen zur Folge, und Winkler findet sich schnell ein beim rechten (Winkler: »gemäßigten«) »Britzer Kreis« der Berliner SPD.

Winklers Agieren an der Humboldt-Universität nach dem Ende der DDR erscheint so nur folgerichtig. Darüber, dass die »Berufsperspektiven ehedem SED-naher Wissenschaftler« rigoros beschnitten wurden, schreibt er auch drei Jahrzehnte später mit sichtlicher Genugtuung. Wo sich auf westdeutscher Seite »Verständnis« für die Abgewickelten zu zeigen drohte, war Winkler zur Stelle, um den »Erneuerungsprozess« voranzutreiben. Und Rektor Heinrich Fink musste sowieso weg, auch wenn das Winkler die »offene Feindschaft vieler Anhänger des abgesetzten Rektors« eintrug. Aber auf diese Leute kam es eben nicht an.

Heinrich August Winkler: Warum es so gekommen ist. Erinnerungen eines Historikers. C. H. Beck, München 2025, 288 Seiten, 30 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.04.2026, Seite 15, Politisches Buch

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