Zum Inhalt der Seite
»War on terror«

It’s the oil, stupid!

Ein Land nach dem anderen – der US-geführte »Krieg gegen den Terror« hatte vor allem ein Ziel: Strategische Einflusssicherung und Kontrolle des Ölhandels

Foto: Wilson Chu/Reuters
Auch in der Volksrepublik China wird gegen den US-Einmarsch im Irak demonstriert (Beijing, 30.3.2003)

Der am 20. September 2001 von US-Präsident George W. Bush ausgerufene »Krieg gegen den Terror« hatte weitreichende geostrategische Implikationen, und das zunächst und vor allem für die Vereinigten Staaten selbst. Das galt vielleicht noch gar nicht mal so sehr für den Krieg in Afghanistan, der gleichsam die Ouvertüre bildete. Doch auch er verschaffte Washington in den ersten Jahren ab 2001 bereits strategische Pluspunkte. Am Hindukusch mit einer prowestlichen Regierung in der afghanischen Hauptstadt Kabul eine feste Basis zu haben – das stärkte die Position der USA im angrenzenden Zentralasien, wo sie ab 2001 eine Zeitlang Militärstützpunkte in Usbekistan und Kirgistan unterhielten.

Zentralasien besaß wegen der Rohstoffvorräte vor allem im Kaspischen Becken erhebliche Bedeutung. Wer dort Einfluss gewann, konnte zudem Russland in seinem unmittelbaren Einflussgebiet schwächen. Davon abgesehen hatten Strategen bereits damals durchaus im Blick, dass die Kontrolle über Afghanistan für den Machtkampf gegen China hilfreich sein konnte. US-Militärbasen dort seien »nur eine Stunde« von den Produktionsstätten chinesischer Atomwaffen entfernt, erklärte US-Präsident Donald Trump viel später, im September 2025. Über die – wenn auch kurze – afghanisch-chinesische Grenze bewegten sich zudem zuweilen Dschihadisten zwischen beiden Ländern hin und her, zum Schaden der Volksrepublik.

Viel auf dem Spiel

Wirklich hochfliegende Ziele verfolgten die Vereinigten Staaten dann aber vor allem mit ihrem Überfall auf den Irak im Jahr 2003. Der Plan war recht simpel: Gelinge es, in dem von Saddam Hussein regierten ressourcenreichen Land eine prowestliche Regierung zu installieren, dann werde man verbliebene Widerstände gegen die US-Dominanz in der gesamten Region ausschalten können – zunächst vor allem in Syrien, dann vielleicht sogar auch noch im Iran. Auf einen derartigen »Dominoeffekt« setzte jedenfalls die US-Regierung unter Präsident George W. Bush.

Geostrategisch stand ungemein viel auf dem Spiel. Der Nahe und Mittlere Osten war die klar bedeutendste Erdölregion der Welt; und auch wenn die USA selbst nur einen geringen Teil ihrer eigenen Ölimporte von dort bezogen: Wer die Region kontrollierte, kontrollierte damit unverzichtbare Rohstofflieferungen für eine ganze Reihe von Ländern, insbesondere von Ländern in Süd- und Ostasien, darunter China. Eine stabile Kontrolle hätte die Chancen der Vereinigten Staaten deutlich erhöht, ihre globale Vormachtstellung gegen jegliche Konkurrenz noch über Jahrzehnte zu verteidigen.

Anzeige

Ambivalent waren die geostrategischen Implikationen des »Antiterrorkriegs« für Europa. Einerseits brachte der Afghanistan-Krieg eine deutliche Ausweitung des Einflusses vor allem der Bundesrepublik, die sich am Hindukusch natürlich nicht »verteidigte«, wie der damalige Verteidigungsminister der »rot-grünen« Schröder-Regierung, Peter Struck (SPD), behauptete, sondern die dort einen ersten großen Einsatz der Bundeswehr fernab Europas testen und trainieren konnte. Dem Einsatz folgten denn auch bald allerlei weitere in Asien und in Afrika.

Verkalkuliert

Andererseits legte der US-Überfall auf den Irak eine politische Spaltung in Europa offen, die dem Kontinent erhalten blieb. Der Angriffskrieg wurde von Deutschland und Frankreich dezidiert abgelehnt, von Großbritannien, Polen und weiteren Staaten Ost- und Südosteuropas aber befürwortet. Von letzteren beteiligten sich mehrere sogar an ihm. Bereits vor Kriegsbeginn, am 22. Januar 2003, hatte der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld erklärt, Deutschland und Frankreich seien »Old Europe«, die Staaten Ost- und Südosteuropas – »New Europe«, wenn man so will . Sie hielten eher zu Washington als zu Berlin und Paris. Die Bruchlinie zeigt sich heute noch, immer wieder.

Dass die hochfliegenden geostrategischen Pläne nicht aufgehen würden, wurde schon nach wenigen Jahren deutlich. Afghanistan begann mehr und mehr im Krieg zu versinken, verschlang ohne Ende westliche Ressourcen. Auch im Irak kämpften die Vereinigten Staaten letztlich ohne durchschlagenden Erfolg gegen heftige Aufstände an. Vor allem aber hatten sie mit dem Sturz der Regierung von Saddam Hussein der Bevölkerungsmehrheit auch zur politischen Mehrheit verholfen – und diese Mehrheit, das waren die irakischen Schiiten, von denen nicht wenige dem Iran nahestanden. Seitdem hat Teheran mächtige Verbündete im Irak.

Jordaniens König Abdullah II. erläuterte die Folgen in einem Interview mit dem US-Sender MSNBC am 8. Dezember 2004. Er wies darauf hin, dass Iran nun gute Beziehungen zum Irak, zu Syrien – vor allem zu den schiitischen Bevölkerungsteilen – sowie zur schiitischen Hisbollah im Libanon habe; das sei, wenn man so wolle, ein schiitischer »Halbmond«. Der »schiitische Halbmond« bzw. – wie es heute die offiziöse Kampfsprache will – »Irans Proxies« sind auch ein Kollateralprodukt des US-Überfalls auf den Irak.

Zur Größe verholfen

Letztlich sind die weitgespannten Hoffnungen, die der transatlantische Westen mit seinem »Antiterrorkrieg« verband, gänzlich kollabiert. ­Afghanistan musste nach 20 Jahren Krieg von den USA und ihren Verbündeten, darunter Deutschland, komplett aufgegeben werden. Im Irak hat Iran starken Einfluss; in Syrien wurde Baschar Al-Assad zwar mit großer Verspätung gestürzt, doch durch ­einen früheren Dschihadistenführer ersetzt. Die Trump-Regierung wähnt den von Washington bis vor kurzem mit Millionenkopfgeld gesuchten Terroristen zwar auf ihrer Seite, der könnte langfristig aber freilich eher zum Parteigänger einer eigenständig werdenden – und ebenfalls islamistisch regierten – Türkei werden.

Apropos Dschihadisten: Sie sind aus dem »Antiterrorkrieg« gestärkt hervorgegangen. Zwischendurch ­gelang ihnen sogar eine Staatsgründung in Syrien und im Irak; darüber hinaus haben sie im Sahel, in Nigeria und in Somalia und weiterhin in ­Afghanistan erheblichen Einfluss. Und last but not least: Die Vereinigten Staaten, deren Establishment sich seit ­langem einig ist, sein historisch zentraler Gegner sei China, haben, anstatt sich auf ihren Machtkampf gegen die Volksrepublik zu konzentrieren, zwei lange Jahrzehnte im Nahen und Mittleren Osten verplempert. Trump, bekennender China-Bekämpfer, verlängert diese Phase – Ironie der ­Geschichte – nun noch weiter. Doch das ist ein anderes Kapitel.

Jörg Kronauer schreibt zu internationaler Politik und hat mehrere geopolitische Analysen in Buchform verfasst. Der studierte Soziologe ist Teil der Redaktion von German ­Foreign Policy und regelmäßiger ­Autor der jungen Welt.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Beilage vom 09.09.2026, Seite 7, Ausland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!