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Aus: Ausgabe vom 03.04.2024, Seite 1 / Titel
Bomben auf Botschaft

Terror gegen Teheran

Damaskus: Angriff Israels mit Kampfjets aus US-Produktion auf Botschaft Irans. Russland und China kritisieren Verletzung der Souveränität Syriens
Von Knut Mellenthin
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Komplette Zerstörung mitten in Damaskus: Vom iranischen Konsulatsgebäude sind nur noch Trümmer übrig (1.4.2024)

Hat Israel mit der Tötung von sieben iranischen Militärberatern in Damaskus eine neue Front in seinem zeitlich und räumlich unbegrenzten Regionalkrieg »gegen den Terror« eröffnet? Dass die Regierung in Jerusalem eine militärische Eskalation zumindest in Kauf nimmt, ist nach dem Raketenangriff vom Montag auf ein Gebäude, das zum Gelände der Botschaft der Islamischen Republik Iran in der syrischen Hauptstadt gehört, offensichtlich. Unter den Toten sind nach Angaben Teherans der verantwortliche Kommandeur für den Einsatz des Korps der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) in Syrien und im Libanon, Brigadegeneral Mohammad Reza Zahedi, und sein Stellvertreter, Mohammad Hadi Hadschi Rahimi. Die Presseabteilung des Korps gab später auch die Namen von fünf weiteren getöteten Offizieren bekannt.

Ob es noch mehr Tote oder Verletzte gab, war anhand von Meldungen nicht eindeutig auszumachen. Übereinstimmend wird berichtet, dass das von Kampfflugzeugen aus US-amerikanischer Produktion mit sechs Raketen angegriffene Gebäude vollständig zerstört wurde. Ebenfalls bekannt wurde, dass die US-Regierung kurz davorsteht, den Verkauf von 50 weiteren F-15-Jets an Israel zu genehmigen. Das Geschäft soll einen Wert von insgesamt 18 Milliarden US-Dollar haben, die vermutlich überwiegend aus dem Staatshaushalt der USA entnommen werden.

Zum israelischen Angriff auf das iranische Botschaftsgelände in Damaskus gab es bis jW-Redaktionsschluss noch keinen offiziellen Kommentar aus Washington. Verschiedene Medien meldeten aber unter Berufung auf die üblichen »anonymen Informanten«, die Regierung von Präsident Joseph Biden habe der iranischen Seite auf diplomatischem Weg mitteilen lassen, dass sie an dem Angriff nicht beteiligt gewesen sei und auch keine Vorkenntnis über die Pläne Israels gehabt habe. Das ist ein in solchen Fällen übliches Verfahren, mit dem Washington Gegenschläge abwenden will. Teheran drohte Israel am Dienstag mit Vergeltung.

Die Regierungen Russlands, Chinas, Pakistans und der arabischen Staaten des Nahen und Mittleren Ostens haben den israelischen Angriff teils grundsätzlich in scharfer Form, teils aber auch nur unter Hinweis auf die Verletzung internationalen Rechts durch die Missachtung der diplomatischen Immunität kritisiert. Das russische Außenministerium protestierte, dass »derartige aggressive Handlungen Israels absolut inakzeptabel« seien und beendet werden müssten. »Wir fordern die israelische Führung dringend auf, die Praxis provokatorischer Militäraktionen auf dem Staatsgebiet Syriens und anderer Nachbarländer zu unterlassen.« Ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums erklärte: »Die Sicherheit diplomatischer Einrichtungen darf nicht verletzt werden, und Syriens Souveränität, Unabhängigkeit und territoriale Integrität muss respektiert werden.«

Die israelische Luftwaffe hatte am Freitag der vergangenen Woche bereits mehrere Ziele in der syrischen Provinz Aleppo angegriffen, ohne dass es eine Stellungnahme zu den Gründen des völkerrechtswidrigen Überfalls gab. Nach Angaben vom Wochenende wurden mindestens 52 Menschen getötet, darunter 38 syrische Soldaten, sieben Mitglieder der libanesischen Hisbollah und sieben nicht näher bezeichnete »proiranische Kräfte«.

Am Dienstag abend um 21 Uhr Ortszeit sollte in New York eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates beginnen, die Russland auf Bitten Irans beantragt hatte. Mit praktischen Ergebnissen wurde nicht gerechnet.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (3. April 2024 um 13:39 Uhr)
    Netanjahu hat nun Washington und der Welt gezeigt, dass er sich nicht reinreden lässt und jeden Feind angreifen wird, den er als Bedrohung wahrnimmt. Israel scheint immer weniger Bedenken zu haben, sich zu eskalieren. Es bleibt unklar, ob dahinter die Gewissheit steckt, dass der Iran – auch angesichts der US-Drohungen – keinen vollen Kriegseintritt gegen Israel riskieren wird, oder ob sich in Israel die Meinung durchsetzt, dass nicht nur im Gazastreifen, sondern auch im Libanon und in Syrien eine völlig neue Situation hergestellt werden sollte, zumindest nach israelischen Ansichten. Ob dies der Realität entspricht, bleibt abzuwarten. Tatsache ist, Netanjahu hat bereits die uneingeschränkte Unterstützung der Partner Israels verloren, die von ihm verlangen, das Blutvergießen im Gazastreifen zu stoppen. Die aktuelle Regierung hat eine Illusion geschaffen, die nicht der Realität entspricht. Und wenn sich die heutigen Herausforderungen nun ins Unermessliche steigern, wie zu erwarten ist, und schließlich die Realität das Land einholt, wird das Klagen erneut gen Himmel steigen, als hätte es eine mystische Bedeutung. Dieses Muster ist bekannt und leider vorhersehbar.

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