In die Röhre gucken
Nord-Stream-Anschlag
Die Argumente sind ausgetauscht, das Theater kann beginnen. Kaum je waren die Einwände gegen ein Tatszenario so gravierend wie gegen dasjenige, mit dem sich das Hanseatische Oberlandesgericht in dem am Mittwoch gestarteten Nord-Stream-Prozess auseinandersetzen muss. Sind die drei Pipelinestränge, die russisches Erdgas direkt nach Deutschland lieferten, wirklich von dem Ukrainer Sergej K. und einigen Spießgesellen unter Zuhilfenahme einer simplen Segelyacht gesprengt worden? Dabei führt der Haupteinwand nicht über das berühmte »cui bono?«, die Frage, wem eine Tat nutzt, auch wenn sie bisweilen hilfreich ist. Doch US-Flüssiggaslieferanten könnten auch dann über die Sprengung der Gasleitungen jubeln, wenn nicht US-Stellen sie verantworteten, sondern irgendwer sonst, ein Sergej K. etwa. Staaten und Konzerne haben schon oft genug von – teils unfreiwilligen – Steilvorlagen anderer profitiert.
Doch auch wenn man es sich nicht ganz so leicht machen darf: Viele materielle Fragen sind, vorsichtig formuliert, nach wie vor offen. Wie die erforderlichen Mengen an Sprengstoff auf einer Segelyacht mitten auf die Ostsee gebracht worden sein sollen, zumal in einer Zeit, in der dort Kriegsschiffe aus NATO-Staaten unterwegs waren und gerade erst Operationen mit Minen auf dem Meeresgrund geübt hatten, das bleibt ebenso ein Rätsel wie die erstaunliche Naivität, mit der die Tauchprofis satte Sprengstoffspuren auf dem Boot zurückließen, die wohl jeder harmlose Krimileser penibel weggeputzt hätte. Aber egal – die Argumente sind, wie erwähnt, ausgetauscht. Man wird abwarten müssen, ob – und wenn ja, wie – die Hamburger Justiz die vielen offenen Fragen ausräumt.
Man sollte den Gang der Dinge vor Gericht wohl beobachten, ohne sich allzu viel davon zu erhoffen. Denn selbst wenn alle Fragen zu der Tat beantwortet würden – und danach sieht es eher nicht aus –, dann bliebe die Frage nach der politischen Verantwortung: die Frage, wer vorab von den Tatplänen wusste, ohne aber einzuschreiten, wer vielleicht begünstigend oder gar steuernd eingegriffen hat, unbeantwortet. Immer wieder ist von Kenntnissen westlicher Geheimdienste über den Anschlag berichtet worden. Details liegen bislang im Dunkeln und werden wohl auch nicht erhellt werden – denn über staatliche Verbrechensprofiteure redet man im freien Westen nur dann, wenn sie aus Feindesland kommen, aus Russland zum Beispiel. Die eigene Herrschaft aber, die steht immer noch für das Gute. Sie attackiert man nicht.
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