Was gezeigt werden muss
Dokfilm »Naza«: Israelische Künstler und Menschenrechtsorganisationen solidarisieren sich mit bedrohten Regisseuren
Der Dokumentarfilm »Naza« über israelische Kriegsverbrechen in Gaza, der bei der Biennale in Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde, kommt in der nächsten Woche in europäische und US-amerikanische Kinos. In Deutschland und Österreich startet er am 1. Oktober. In den USA hat »Naza« am Sonnabend im Rahmen des New-York-Filmfestivals Premiere und wird ab 30. September in einer Reihe von Kinos gezeigt. Wegen der Schwierigkeiten, für politisch »problematische«, von Mächtigen angefeindete Filme in den USA einen Verleih zu finden, haben sich die beiden israelischen Regisseure gemeinsam mit den Produzenten, darunter die britische Tageszeitung Guardian, für den Eigenverleih (Self-Distribution) entschieden.
In Deutschland wird »Naza« vom Verleih »Immer gute Filme« vertrieben, der auch schon »No Other Land« (2024) in die Kinos brachte, den Rachel Szor und Yuval Abraham als zwei von vier Koregisseuren gedreht hatten. Nach der Premiere in Venedig am 10. September wurde »Naza« bereits am 15. September als Sondervorführung in Bologna und am 18. September beim Festival im baskisch-spanischen San Sebastian gezeigt. In beiden Ländern wurde der Film in der medialen Öffentlichkeit mehrheitlich mit Betroffenheit über das Geschilderte und mit Zustimmung zu seiner Botschaft aufgenommen. Die spanische Regierung ist, was den israelischen Umgang mit den Palästinensern angeht, eine der kritischstenen in Europa. Sie hat den Staat Palästina im Mai 2024 in einer gemeinsamen Aktion mit Irland und Norwegen anerkannt.
Der 80 Minuten lange Film »Naza« dokumentiert mit Aussagen von 24 anonym auftretenden Angehörigen der Aufklärungseinheit Unit 8200 das Tötungsmanagement der israelischen Streitkräfte im palästinensischen Gazastreifen. Bei dem wird unter anderem auch in großem Umfang mit sogenannter künstlicher Intelligenz gearbeitet und der Tod einer hohen Zahl von Zivilpersonen, darunter der Kinder und anderer Familienangehöriger mutmaßlicher Hamas-Kämpfer, einkalkuliert. »Naza« ist die Abkürzung, mit der die Streitkräfte routinemäßig die Zahl der Unbeteiligten bezeichnen, die bei einem Angriff als »Kollateralschaden« getötet werden könnten.
Das israelische Militär bestreitet die Richtigkeit der Aussagen, beschimpft die Regisseurin und den Regisseur als »Verräter«, die die Soldaten in Gefahr bringen, und hat strafrechtliche Ermittlungen gegen Szor und Abraham eingeleitet. Kulturminister Miki Zohar fordert, ihnen die Staatsbürgerschaft zu entziehen, Premierminister Benjamin Netanjahu hat ein entsprechendes Gesetz angekündigt. Rechte und extreme Rechte führen eine Hass- und Einschüchterungskampagne, deretwegen Szor und Abraham bis auf weiteres nicht nach Israel zurückkehren.
Das hat eine breite Solidarisierung mit den Filmemachern ausgelöst. 43 israelische Menschenrechts- und Friedensorganisationen haben in einer am 15. September veröffentlichten gemeinsamen Stellungnahme die Beleidigungen, strafrechtlichen Maßnahmen und Drohungen gegen Szor und Abraham verurteilt. Die Staatsbürgerschaft sei ein Grundrecht, das nicht mit der Forderung nach politischem »Wohlverhalten« verbunden werden dürfe. Die im Film erhobenen Vorwürfe müssten in einer von Staat und Militär unabhängigen Untersuchung geklärt werden, Journalisten müssten freien Zugang zum Gazastreifen erhalten. Das erklärten die bekanntesten und bedeutendsten derartigen Organisationen wie B’Tselem, Breaking the Silence (ein Zusammenschluss ehemaliger Soldaten), die schon seit 1972 existierende Vereinigung für Bürgerrechte in Israel (englisch abgekürzt ACRI), die als älteste und einflussreichste ihrer Art im Land gilt, und die Ärzte für Menschenrechte. 1.500 Namen standen bereits am Montag vor einer Woche unter einer Petition, in der die »Kampagne der Aufhetzung und Aufstachelung« gegen Szor und Abraham als »beispiellos« verurteilt wurde. Unterschrieben haben bekannte israelische Filmemacher und Hunderte andere aus Israels Filmindustrie.
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